Kommentar um "5 vor 12"

Impfkampagne: Wieder in den Fettnapf

Beim Impfen gegen COVID-19, dem vermeintlich einzigen Ausweg aus der Pandemie, scheint Deutschland nur wenig zu gelingen. Nun patzt ausgerechnet der Bundesgesundheitsminister erneut schwer.
Spahn zu Impfungen
Foto: Michael Kappeler (dpa) | Jens Spahn (CDU), Bundesminister für Gesundheit, nimmt an einer Pressekonferenz zur Coronaimpfung mit den Impfstoffen von Moderna und Biontech Teil.

In Deutschland herrscht Therapiefreiheit. Allein deswegen muss es überraschen, dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) jetzt den COVID-Impfstoff von Biontech/Pfizer rationieren will und stattdessen das Vakzin von Moderna für das Boostern priorisiert.

Nahezu lächerliche Mengen

In einem Schreiben an die Länder hatte Spahns Ministerium Begrenzungen der Bestellmengen für den Impfstoff Comirnaty angekündigt. Arztpraxen sollen demnach nur noch 30 Dosen, Impfzentren und mobile Teams 1.020 Dosen des Vakzins pro Woche bestellen können. Das sind nahezu lächerliche Mengen, die gut organisierte Einrichtungen fast binnen eines Tages verimpfen können.

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Für Bestellungen des Moderna-Impfstoffs Spikevax soll es dagegen keine Limitierungen geben. Grund für die Intervention des Ministeriums ist offenbar, dass andernfalls bereits eingelagerte Impfdosen des Moderna-Impfstoffs ab Februar 2022 zu verfallen drohen. Das müsse vermieden werden. Heute meldete die „BILD“ dagegen, der wahre Grund sei, Spahn habe zu wenig Comirnaty bestellt. Was, wenn dies stimmen sollte, die Sache nicht besser macht.

Ärzte laufen Sturm

Dass die Ärzte dagegen jetzt Sturm laufen – in Bayern hat die Kassenärztliche Vereinigung Spahn bereits öffentlich aufgefordert, die „künstliche Verknappung“ von Comirnaty „umgehend rückgängig“ zu machen – ist nicht schwer zu verstehen.

Jede erfolgreiche Impfkampagne ist auf Vertrauen angewiesen. Vertrauen ist jedoch bei den COVID-19-Impfstoffen aus den verschiedensten Gründen bislang rar gesät. Der Impfstoff, dem die geringste Skepsis entgegengebracht wird, ist – wie nicht anders zu erwarten – nun einmal zugleich das Vakzin, das am häufigsten verimpft wurde. Und das ist nach Lage der Dinge der Impfstoff von Biontech/Pfizer. In Bayern etwa haben die Hausärzte eigenen Angaben zufolge zu 85 Prozent Comirnaty und nur zu 0,2 Prozent Spikevax verimpft.

Drohendes Chaos

Würde das von den Bürgerinnen und Bürgern bevorzugte Vakzin jetzt rationiert, bringt das nicht nur die Hausärzte in Erklärungsnot. Das Chaos, das durch nicht wahrgenommene Impftermine entstünde, wäre von den ohnehin bereits vielfach auf den Felgen fahrenden Praxen kaum noch zu bewältigen. Auch die Impfkampagne käme erneut ins Stocken. Vor allem aber würde das kostbarste Gut, das in der Pandemie gibt, weiter massiv beschädigt. Und das ist nach Lage der Dinge: Vertrauen.

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