Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Wien

Fällt das Euthanasie-Verbot in Österreich?

Der Verfassungsgerichtshof in Wien befindet in diesen Wochen über Suizidbeihilfe und Tötung auf Verlangen.
Sterbehilfe: Wiener Verfassungsgerichtshof mit  Urteil in den nächsten Wochen zu rechnen
Foto: Jens Kalaene (dpa-Zentralbild) | Österreichs Bischöfe hatten bereits im Vorjahr gemahnt, "die derzeitigen gesetzlichen Regelungen zum Schutz des Lebensendes beizubehalten".

Vier Klagen gegen die „Tötung auf Verlangen“(§ 77 StGB) und die „Mitwirkung am Selbstmord“ (§ 78 StGB) verhandelt derzeit Österreichs Verfassungsgerichtshof. Mit einem Urteil ist in den nächsten Wochen zu rechnen.

Der Wiener Anwalt der vom Schweizer Sterbehilfeverein „Dignitas“ unterstützten Kläger, Wolfram Proksch, kritisierte bei einer öffentlichen Verhandlung des Verfassungsgerichtshofs am Donnerstag Österreichs Bischöfe, die wiederholt vor der Lockerung bestehender Verbote warnten. Die Vertreter der Kirche dürften nur für ihre Gläubigen sprechen, nicht für die ganze Gesellschaft, so Proksch. Er sieht die Wurzel des Unrechts in der katholischen Morallehre, die den Suizid zur verwerflichen Handlung erkläre und so unheilbar kranke Menschen zu langem Leiden verdamme.

Lesen Sie auch:

Ein Hilfeschrei, den man nicht überhören darf 

Österreichs Bischöfe hatten bereits im Vorjahr gemahnt, „die derzeitigen gesetzlichen Regelungen zum Schutz des Lebensendes beizubehalten“. Der Suizidwunsch sei „ein Hilfeschrei, den man nicht überhören darf“, doch dürfe nicht Tötung die Antwort darauf sein, sondern Hilfe, Beratung und Beistand. Nun warnen viele Ethiker: Schwache und vulnerable Personen könnten sich rasch als Last für andere empfinden, während gleichzeitig der gesellschaftliche Druck auf eine billigere und scheinbar sozialverträglichere Lösung wächst.

Eine These von Anwalt Proksch räumte der Vertreter des Bundeskanzleramtes bei der Verhandlung des Verfassungsgerichtshofs ab: Proksch hatte mit Verweis auf die Schweiz behauptet, eine Legalisierung des assistierten Suizids würde die Zahl der Selbstmorde in Österreich senken. Tatsächlich hat die Schweiz bei vergleichbarer Einwohnerzahl nur dann weniger Suizide als Österreich, wenn man die mehr als tausend Fälle von assistiertem Suizid nicht mitrechnet. In der Schweiz gebe es „unterm Strich eine Verdoppelung“ der Suizidrate durch die Sterbehilfe, so der Leiter des Verfassungsdienstes im Kanzleramt, Albert Posch.

Rechtslage ermöglicht selbstbestimmtes Sterben

Die Rechtslage ermögliche schon jetzt ein selbstbestimmtes Sterben, argumentiert die Bundesregierung. So ist es möglich, Behandlungen mit Antibiotika abzulehnen. „Praktisch alle Patienten mit fortgeschrittenen Erkrankungen neigen zu Infektionen. Sie können diese Möglichkeit nutzen, selbstbestimmt mit unserer Betreuung würdevoll das Leben zu verlassen“, sagte Herbert Watzke, der Leiter der palliativmedizinischen Abteilung an der Medizinischen Universität Wien.  DT/sba

Lesen Sie einen ausführlichen Bericht zur Euthanasie-Debatte in Österreich in der kommenden Ausgabe der Tagespost.

Themen & Autoren
Vorabmeldung Bischof Bundeskanzleramt Suizidhilfe Tötung auf Verlangen

Weitere Artikel

Die Hoffnung auf das ewige Leben verleiht dem Diesseits seinen Sinn. Auf ihr lässt sich eine ganze Kultur errichten.
02.04.2026, 19 Uhr
Franziska Harter
Der Tod der 25-jährigen Spanierin Noelia Castillo Ramos nach einer Infusion löst international Entsetzen und eine Debatte über Euthanasie aus.
01.04.2026, 21 Uhr
Stefan Rehder

Kirche

Der eskalierende Streit zwischen Kirche und Regierung beschädigt die Autorität beider Seiten und spaltet ein Land, das von unfreundlichen Nachbarn umgeben ist.
14.08.2026, 17 Uhr
Stephan Baier
Katechismuslesen reicht nicht: Warum der Abtprimas der Benediktiner, Jeremias Schröder, der Mutter Jesu große Bedeutung für seinen Glauben beimisst.
14.08.2026, 15 Uhr
Esther von Krosigk
In Obertshausen erinnert neuerdings eine Statue an den Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz und an den spanischen Wallfahrtsort Caravaca de la Cruz.
14.08.2026, 09 Uhr
Oliver Gierens
Tod in der Arena oder lebendig begraben im Bergbau? Im dritten Jahrhundert wurden auch Päpste zu Märtyrern. Der 13. August ist der Gedenktag des heiligen Papstes Pontianus.
12.08.2026, 21 Uhr
Claudia Kock
Wer und was in deutschen Bistümern willkommen ist, zeigt sich besonders deutlich im Umgang mit der traditionellen lateinischen Messe und der Priesterbruderschaft St. Pius X.
11.08.2026, 20 Uhr
Jakob Naser