Kommentar um "5 vor 12"

Eine Queen für die Welt

Die Beisetzung von Königin Elisabeth II. verfolgen vier Milliarden Menschen weltweit. Das ist auch Ausdruck einer Sehnsucht nach einem überzeitlichen Fixpunkt.
Blumen vor der Britischen Botschaft nach dem Tod von Königin Elizabeth II.
Foto: Carsten Koall (dpa) | Blumen und ein Foto liegen als Zeichen der Trauer nach dem Tod der britischen Queen Elizabeth II. vor der Britischen Botschaft.

Die Welt erweist der verstorbenen Queen die letzte Ehre. Geschätzte 4,1 Milliarden Menschen rund um den Globus verfolgen die Übertragungen der Beisetzungsfeierlichkeiten für Königin Elisabeth II. Tausende von Briten haben zuvor persönlich von der Monarchin Abschied genommen und sich dabei auch nicht von stundenlangen Wartezeiten abschrecken lassen.

In diesen Rekordzahlen spiegelt sich die große Wertschätzung für den Dienst der Königin. Sie sind aber auch Ausdruck einer Sehnsucht, die in diesen globalen Krisenzeiten besonders hervorsticht. Die Königin wurde in den letzten Jahrzehnten ihrer Regentschaft immer mehr zu einem Symbol für Integrität und Kontinuität. Elisabeth war zum Schluss eine Queen für die ganze Welt. Sie stand für ein Leben aus der Geschichte, das ein Leben in der Geschichte erst möglich macht. Sie wurde so zur Repräsentantin, nicht nur der britischen Kultur, sondern der Traditionen des alten Europas insgesamt, ja auch dessen, was wir heute als „den Westen“ bezeichnen.

Persönliche Rechenschaftspflicht gegenüber Gott

Das alles war aber nicht abstrakt, sondern drückt sich in persönlichen Beziehungen aus – das ist die Besonderheit in Monarchien und hebt sie von republikanischen Staatswesen ab. Der Monarch ist kein Prinzip, keine politische Theorie, er ist eine Person. Er steht in einem persönlichen Verantwortungsverhältnis den Menschen in seinem Land gegenüber.

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Die Quelle liegt aber noch viel tiefer: Der Monarch hat eine persönliche Rechenschaftspflicht gegenüber Gott. Die Queen hat immer wieder deutlich gemacht, wie sehr sie in ihrem Glauben Kraft und Halt gefunden hat. Vor allem auch in solchen Situationen, in denen Politiker vielleicht einfach ihr Amt aufgegeben hätten. Aber der Thron ist eben kein Stuhl im Parlament oder im Kabinettssaal. Ihrem Selbstverständnis nach war die Königin von Gott auf ihren Platz berufen. Und von diesem Platz weicht man nicht. 

Eine wie sie wird es nie wieder geben

So eine, wie sie, wird es nie wieder geben – diesen Satz hört man in diesen Tagen oft. Ist diese letzte Ehre, die nun der Queen erwiesen wird, auch in anderer Hinsicht eine letzte Ehre? Wird mit der Queen die Monarchie zu Grabe getragen? Diese Fragen stellen bezeichnenderweise vor allem Monarchie-Skeptiker aus dem Ausland. Aber auch im Vereinigten Königreich selbst wird sich noch zeigen, ob die große Anteilnahme der Queen als Person galt oder doch auch der ganzen Institution. 

Freilich, diese Trennung, die eben auch vor allem von ausländischen Kommentatoren gezogen wird, ist letztlich eine künstliche. Das Lebenswerk der Queen ist ohne seine Einbettung in die Institution der britischen Monarchie gar nicht vorstellbar. Schließlich: Das Unzeitgemäße der Monarchie entpuppt sich in diesen Tagen vor allem als etwa Überzeitliches. Und die Sehnsucht nach solchen überzeitlichen Fixpunkten ist eine anthropologische Konstante. In Krisenzeiten wie diesen empfinden sie die Menschen besonders stark.   

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