Kommentar um „5 vor 12“

Eine Lockdown-Party zu viel?

Boris Johnson steht aufgrund der „Party-Gate“-Affäre massiv unter Druck. Doch noch sind die Lichter in Downing Street No. 10 nicht gelöscht.
Boris Johnson
Foto: House Of Commons (PA Wire) | Boris Johnson, Premierminister von Großbritannien, ist gerade massiv unter Beschuss durch zu viel Feierlust.

Für die einen ist er „King Boris“, für andere einfach nur ein rotes Tuch: Großbritanniens Premierminister Boris Johnson polarisiert seit eh und je die politisch interessierte Öffentlichkeit weit über das Vereinigte Königreich hinaus. Doch hinter der jovial wirkenden und bisweilen exzentrisch anmutenden Schale des konservativen Politikers steckt im Kern ein aus vornehmstem Hause stammender Eton- und Oxford-Absolvent, der nicht nur die alten Sprachen Latein und Altgriechisch, sondern auch das machtpolitische Einmaleins fließend beherrscht. Bislang zumindest.

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Denn wenn man der veröffentlichten Meinung Großbritanniens glaubt – und in diesem Falle auch derjenigen regierungsfreundlicher Medien wie der „Sun“ oder des „Daily Telegraph“ - dürften die Tage des britischen Premiers in politischer Hinsicht gezählt und Boris Johnson mit seinem politischen Latein am Ende sein. Der Grund: Neue Enthüllungen in der seit Dezember schwelenden Affäre rund um Lockdown-Partys unter britischen Politikern an der Downing Street während eines Zeitraums, in dem die Bevölkerung strengsten Kontaktverboten ausgesetzt gewesen war.

Die Veröffentlichung einer E-Mail vom Mai 2020 schlägt nun im Vereinigten Königreich wie eine Bombe ein: In dieser wurden Regierungspolitiker zu einer Gartenparty am 20. Mai des vorvergangenen Jahres eingeladen. Der Autor der E-Mail, niemand geringeres als Johnsons Privatsekretär, lud alle Mitarbeiter ein, nach Wochen "harter Arbeit" am Abend im Garten der Downing Street vom warmen Wetter zu profitieren und für „socially distanced drinks“ selber Alkohol mitzubringen. Doch damals war es den Briten bloß erlaubt, im Freien eine einzige Person aus einem anderen Haushalt zu treffen. Die Hinweise verdichten sich, dass Johnson am Event mit rund 30 Personen teilgenommen hatte – obwohl er im Dezember beteuert hat, er habe keinerlei Kenntnis von regelwidrigen Partys und sich nie an solchen beteiligt.

Zwei Drittel aller Briten fordern Johnsons Rücktritt

Die Doppelmoral einer Regierung, die sich selbst nicht an die eigenen harten Corona-Restriktionen hielt, die sie der Bevölkerungen auferlegte, empört die Briten nicht nur ein bisschen: Laut neuesten Umfragen wünschen sich zwei Drittel aller erwachsenen Briten den Rücktritt von Johnson, seitdem dieser eingeräumt hat, während des Lockdowns an jener Gartenparty in der Downing-Street teilgenommen zu haben – angeblich im Glauben, es sei ein geschäftliches Treffen.

Stärker noch als alle Probleme rund um den von Johnson durchgeführten „Brexit“ sowie dessen von Höhen und Tiefen begleiteten Kurs in der Corona-Pandemie nimmt die Bevölkerung dem „Bruder Lustig“ aus der Downing Street diese Eskapade äußerst übel – und das weiß Johnson auch. Im Unterhaus agierte Johnson zuletzt zerknirscht und bat nach außen hin reuemütig  sowohl die Parlamentarier als auch die britische Bevölkerung um Entschuldigung. Gleichzeitig begegnete den Rücktrittsforderungen der Opposition mit der Bitte, den in Kürze erwarteten Abschluss einer internen Untersuchung zu „Party-Gate“ abzuwarten.

Noch ist Johnson nicht aus dem Rennen

Immerhin: Innerhalb seiner eigenen Partei wünscht sich Umfragen zufolge eine kleine Mehrheit, dass Johnson weiterhin Premierminister bleibt. Denn die Parteimitglieder der „Tories“ wissen, was sie an ihrem erfolgreichen Wahlkämpfer haben (die Abgeordneten aus ehemaligen Labour-Hochburgen im Norden Englands haben ihren Sitz Johnson zu verdanken), der ihnen zudem noch den heißersehnten Brexit sowie eine effiziente Corona-Impfkampagne bescherte, die manchen in der Europäischen  Union vor Neid erblassen ließ. Nicht wenige dürften deswegen geneigt sein, bei einem einigermaßen positiven Ausgang der „Party-Gate“-Untersuchung - der etwa darin bestehen könnte, dass die Partys formell als regelkonform eingestuft werden - an ihrem Premier festzuhalten.

Sollte es anders kommen, kann sich Boris Johnson an seinem politischen Vorbild Winston Churchill orientieren. Denn auch der frühere britische Premierminister, dem Johnson vor einigen Jahren das durchaus lesenswerte und geistreich geschriebene Buch „Der Churchill Faktor“ widmete, wusste, wie man trotz politischer Niederlagen und erzwungener Rücktritte dennoch wieder zu Amt und Würden gelangen kann. Möglicherweise nimmt Johnson genau jenes „Churchill Playbook“ der Macht in diesen Tagen etwas intensiver unter die Lupe.

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