Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Die Welt zu Gast bei Putin

Der BRICS-Gipfel wird zum Schaulaufen für Russlands und Chinas „neue Weltordnung“, doch eine Wertegemeinschaft ist BRICS nicht.
BRICS-Gipfel im russischen Kasan
Foto: IMAGO/Vyacheslav Prokofyev (www.imago-images.de) | Repräsentanten von 36 Staaten geben sich im russischen Kasan in dieser Woche ein Stelldichein, darunter 24 Staats- oder Regierungschefs. Gastgeber ist Wladimir Putin.

Weitgehend isoliert schien Wladimir Putins Russland unmittelbar nach der Invasion in der Ukraine: Nur fünf Staaten hielten dem Aggressor die Treue, aber 141 Staaten verurteilten per Resolution der UN-Vollversammlung am 2. März 2022 den Überfall Russlands auf seinen Nachbarn. Zweieinhalb Jahre später kann von internationaler Isolation keine Rede sein: Repräsentanten von 36 Staaten geben sich im russischen Kasan in dieser Woche ein Stelldichein, darunter 24 Staats- oder Regierungschefs. Gastgeber des BRICS-Gipfels, der an diesem Dienstag beginnt, ist Wladimir Putin.

Lesen Sie auch:

Für den Kreml ist das BRICS-System mehr als nur eine Alternative zu G7, mehr als eine von Amerika und der Europäischen Union abgekoppelte Wirtschaftsgemeinschaft. Moskau und Peking sehen darin ein anti-westliches Bündnis, eine Form des organisierten Widerstands gegen den „kollektiven Westen“ und die weltpolitische wie weltwirtschaftliche Dominanz der USA. Konsensfähiger ist unter den BRICS-Mitgliedern aber die These, es handle sich um einen Baustein der „multipolaren Welt“.

BRICS ist keine Wertegemeinschaft

Antikolonialistisches Pathos ist hier aber völlig unangebracht: Gemeinsam repräsentieren die BRICS-Mitglieder 45 Prozent der Weltbevölkerung und 35 Prozent des globalen BIP. Einige BRICS-Staaten praktizieren neue Formen von Kolonialismus, Ausbeutung und Unterdrückung, etwa die BRICS-Führungsmacht China oder die wahhabitische Königsdiktatur Saudi-Arabien. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), der Iran, Brasilien und Russland können sich wohl kaum glaubwürdig zur Stimme des unterprivilegierten Südens aufschwingen.

Eine Wertegemeinschaft ist BRICS noch viel weniger: Da sitzen anti-westliche Staaten (wie Russland, Iran und China) mit pro-westlichen Ländern (wie Saudi-Arabien und Ägypten), kommunistische und islamistische Tyranneien sowie – mit China und Indien – sogar erklärte Gegner an einem Tisch. Viele Regierungen, die zuletzt bei BRICS andockten, wollen sich geopolitisch einfach alle strategischen Optionen offenhalten. Diese Tendenz führte nun sogar den Präsidenten des NATO-Mitglieds Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, nach Kasan. Serbiens Präsident Aleksandar Vučić beließ es bei einem ausführlichen, freundschaftlichen Telefonat mit Putin.

Kein Zweifel: Die globale Führungsrolle der USA wird weltweit hinterfragt. Autokraten unterschiedlicher ideologischer und (anti-)religiöser Verortung finden zusammen und suchen nach Formaten, die ihnen Macht und Einfluss verheißen. Eine multipolare Weltordnung zeichnet sich ab, die weniger demokratisch, weniger rechtsstaatlich und weniger freiheitlich ist. Und gewiss auch nicht friedlicher.

Katholischen Journalismus stärken

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Stärken Sie katholischen Journalismus!

Unterstützen Sie die Tagespost Stiftung mit Ihrer Spende.
Spenden Sie direkt. Einfach den Spendenbutton anklicken und Ihre Spendenoption auswählen:

Die Tagespost Stiftung-  Spenden

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stephan Baier Demokratie G7-Staaten Recep Tayyip Erdoğan Russische Regierung Tyrannei Wladimir Wladimirowitsch Putin

Weitere Artikel

Kriege zu beginnen, ist einfach. Sie wieder zu beenden, scheint eine Kunst zu sein, die weder Wladimir Putin noch Donald Trump beherrschen.
28.05.2026, 19 Uhr
Stephan Baier
Putin intensiviert seinen Terrorkrieg gegen die Ukraine und setzt das spirituelle Herz der ostslawischen Orthodoxie in Brand. Kiews Hinwendung zur EU wird offiziell.
17.06.2026, 19 Uhr
Stephan Baier
Putin setzt auf Kälteterror, und Ungarns Regierungschef Viktor Orbán interessiert sich mehr für billiges Gas aus Russland als für das Sterben im Nachbarland Ukraine.
09.02.2026, 16 Uhr
Stephan Baier

Kirche

Gefährliches Spiel: Mit einem Antrag, der vorgibt, Pro Familia Fördergelder entziehen zu wollen, sollen Lebensrechtler umarmt und der Union Stammwähler entzogen werden.
11.07.2026, 14 Uhr
Stefan Rehder
Das Gleichnis vom Sämann zeigt: das Evangelium ist vor allem dann fruchtbar, wenn der Mensch es nicht nur hört, sondern auch danach lebt.
11.07.2026, 21 Uhr
Ludger Schwienhorst-Schönberger 
Unerlaubte Bischofsweihen und Exkommunikation: Weit weg von Rom, in Écône, spürt man die Last eines historischen Moments jenseits der roten Linie.
09.07.2026, 09 Uhr
Alexander von Schönburg