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Die Logik von Krieg und Frieden

Putins Russland ist wieder Weltmacht. Nun muss er wählen zwischen einem schnellen militärischen und einem nachhaltigen politischen Sieg.
Putin hat noch die Wahl zwischen militärischen Sieg und langfristigen politischen Erfolg
Foto: Alexei Nikolsky (Pool Sputnik Kremlin/AP) | Noch hat Wladimir Putin die Wahl zwischen einem schnellen militärischen Sieg, der zum wirtschaftlichen und moralischen Desaster geraten wird, und einem langfristigen politischen Erfolg.

Als der damalige US-Präsident Barack Obama Russland 2014 als „Regionalmacht“ verhöhnte, war das objektiv zutreffend, jedoch politisch dumm und diplomatisch fatal. Die Russen mussten das als Demütigung verstehen, ihr Präsident Wladimir Putin zudem als Beleidigung. Mittlerweile hat Putin Obama objektiv widerlegt: Russland ist erneut eine Weltmacht. Nicht aufgrund seiner Wirtschaftskraft, die weiterhin lächerlich niedrig ist, sondern dank seiner Bereitschaft zu militärischen Abenteuern. Moskau ist direkt und indirekt (über die Söldner-Truppe „Wagner“) in Syrien, Libyen und Mali ebenso aktiv wie in den Separatistengebieten Georgiens und der Ukraine.

Gewinner im Krieg, Verlierer im Frieden

Die Logik im Kreml lautet darum, dass Russland im Krieg gewinnt, aber im Frieden verliert. Das Kriegsgeschrei dieser Tage bestätigt es: Seit Russland Truppen an der Ost-, Nord- und Südgrenze der Ukraine zusammenzieht, pilgern die Mächtigen des Westens nach Moskau, kreist alle Weltpolitik um Putins Interessen und russische Opportunitäten. Diese Logik animiert zum Krieg.

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Dennoch gewinnt Wladimir Putin nur dann, wenn er nicht in der Ukraine einmarschiert: Nur dann kann er den Westen, insbesondere die Europäische Union, weiter spalten. Nur dann kann er auf mehr Dankbarkeit und größeren Einfluss hoffen, die Amerikaner und die NATO als Aggressoren und Kriegstreiber verleumden, mit den Gas-Importeuren gute (und naive) Geschäfte machen, weitere westliche (Ex-)Politiker einkaufen, still und leise seine Einflusssphäre erweitern und die Ukraine neuerlich dem Vergessen anheimgeben.

Putin hat Obama widerlegt

Wenn Putin jedoch militärisch auf die Ukraine losgeht, wird die relative Geschlossenheit des Westens halten, wird sich kein europäischer Staat neuen Wirtschaftssanktionen gegen Moskaus Elite widersetzen können, wird die Ukraine ein Thema in den diplomatischen und politischen Kreisen bleiben, werden die Europäer sich für die Geschichte und Kultur der Ukraine interessieren, wird Putin als Aggressor und Lügner entlarvt. Wenn es dagegen trotz allem jetzt nicht zum Krieg kommt, wird die Ukraine ganz schnell wieder vergessen. Dann und nur dann kann Putin seinen systematisch verfolgten Plan, die Ukraine zu destabilisieren, um sie irgendwann dem eigenen Machtbereich einzugliedern, ungestört vorantreiben.

Noch hat Wladimir Putin die Wahl zwischen einem schnellen militärischen Sieg, der zum wirtschaftlichen und moralischen Desaster geraten wird, und einem langfristigen politischen Erfolg. Kein Zweifel: Putin hat Obama nicht nur politisch überlebt, sondern auch widerlegt.

 

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Stephan Baier Barack Obama Frieden und Friedenspolitik Russlands Krieg gegen die Ukraine Kriegstreiber Russische Regierung Wladimir Wladimirowitsch Putin

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