Leitartikel

Die Inflationsangst der Deutschen ist groß

Eine aktuelle McKinsey-Umfrage zeigt auf, dass 55 Prozent der Deutschen düster in die Zukunft blicken. Die Politik muss die Sorgen der Menschen endlich ernst nehmen.
Spritpreise
Foto: Daniel Reinhardt (dpa) | Völlig ungeeignet, , um eine inflationsgeplagte Bevölkerung nachhaltig zu entlasten: der Tankrabatt.

Nicht der Krieg in der Ukraine, sondern die hohe Inflationsrate treibt die Deutschen gegenwärtig am meisten um: Das ist das Ergebnis einer im Mai erschienen repräsentativen Umfrage der Unternehmensberatung McKinsey unter mehr als tausend Verbrauchern in Deutschland. Und der Pessimismus ist laut Umfrage unter den Befragten so groß wie noch nie seit Beginn der Corona-Pandemie: Ein Drittel der Befragten in Deutschland hat Sorge vor einer dauerhaften Rezession, 66 Prozent aller Befragten gehen von weiter steigenden Preisen aus. Zudem geben die Konsumenten mehr Geld für Lebensmittel und Benzin aus und schränken sich in anderen Bereichen ein – sage und schreibe 93 Prozent der Befragten gaben zu Protokoll, dass sie die steigenden Preise bereits im eigenen Portemonnaie gespürt haben.

Angst vor negativer wirtschaftlicher Entwicklung

Doch damit nicht genug: 55 Prozent der Befragten haben ein negatives Gefühl, was die Lage der deutschen Wirtschaft betrifft und begründen dies vor allem mit der Sorge vor Energieengpässen (53 Prozent), Lieferkettenproblemen (50 Prozent) und Benzinknappheit (43 Prozent). 33 Prozent fürchten durch die aktuelle Krisensituation einen dauerhaften Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung und womöglich sogar eine Rezession – im Corona-Herbst 2021 waren nur 14 Prozent so pessimistisch. Und selbst zu Hochzeiten der Pandemie waren es laut McKinsey nie mehr als 18 Prozent der Befragten, die sich um die dauerhafte Performance der einheimischen Wirtschaft ernsthaft sorgten.

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Diese und noch viele andere Stimmungsbilder, die in der McKinsey-Umfrage zutage treten, zeigen auf, dass hierzulande etwas geschehen muss, damit die Menschen nicht nur mit größerer Zuversicht in die Zukunft blicken, sondern auch wieder mehr im Geldbeutel haben. Die Ankündigung der EZB, im Juli erstmals seit 2011 den Leitzins wieder anzuheben (siehe auch Seite 28 in dieser Ausgabe), um hiermit einen Beitrag zur Senkung der rasant ansteigenden Inflation zu leisten, kann nur unter dem Schlagwort „too little, too late“ verbucht werden – denn aufgrund der viel zu lange praktizierten lockeren Zins- und Geldpolitik kann der Leitzins nur minimal und Schritt für Schritt angehoben werden, da sonst sowohl hochverschuldeten Privathaushalten als auch Unternehmen und Staaten der Euro-Zone der große Kater droht.

Tanbkrabatt und Neun-Euro-Bahnrickt sind keine Entlastung

Die positiven Auswirkungen der Zinswende auf die Inflationsrate dürfte erst in einigen Monaten zu spüren sein. Zugleich erweisen sich der zum 1. Juni in Kraft getretene und auf drei Monate angelegte Tankrabatt sowie das Neun-Euro-Ticket für den öffentlichen Nahverkehr angekündigt als vollkommen ungeeignet, um eine inflationsgeplagte Bevölkerung nachhaltig zu entlasten. Schon die ersten beiden Wochen haben Befürchtungen der Kritiker bestätigt: Am Pfingstwochenende waren viele Regionalzüge hoffnungslos überfüllt, und der Tankrabatt scheint nur zum Teil bei den Endverbrauchern anzukommen, wie Daten des Bundeskartellamts vermuten lassen – der andere Teil dürfte die Gewinne der Konzerne erhöhen.

Dem wollen manche Ampel-Koalitionäre nun mit einer weiteren Verschlimmbesserung begegnen: Der Besteuerung sogenannter „Übergewinne“. In dieser kritischen Situation bedarf es jedoch mehr als Ad-hoc-Entscheidungen und Parolen, sondern eine nachhaltige und weitsichtige Wirtschaftspolitik, die wieder zu den Lehrbüchern zurückkehrt. Nur: Kann die Ampel das?

Lesen Sie eine ausführliche Analyse des Koalitionsvertrags in der kommenden Ausgabe der Tagespost.

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