Kolumne

Ein Hashtag bildet die Realität ab

Mit dem Zusatz #IchBinArmutsbetroffen berichten seit kurzem Menschen bei Twitter öffentlich von ihren Armutserfahrungen.
Obdachlose Menschen
Foto: Marcus Brandt (dpa) | Christliche Diakonie ist einer der drei Grundvollzüge der Kirche, die sich der Armen annimmt und nach dem Vorbild des barmherzigen Samariters da hilft, wo sie kann.

In der Tat: Armut macht arm. Denn materielle Armut geht schließlich häufig mit sozialer und kultureller Armut einher, auch hier in Deutschland. Sie bedeutet für die Betroffenen fehlende Teilhabe und damit Exklusion aus der Mehrheitsgesellschaft. Gestützt auf die katholische Soziallehre gilt für die Kirche dagegen die umfassende Inklusion und Partizipation aller Menschen als sozialethisches Leitbild. Unter dem Hashtag #IchBinArmutsbetroffen berichten seit Kurzem Menschen twitteröffentlich von ihren Armutserfahrungen. Ziel der Aktion ist es aufzuklären, zu sensibilisieren und Armutsbetroffene zu bestärken, ihnen die Scham zu nehmen. „Es ist traurig, dass es überhaupt so viele arme Menschen gibt, aber wunderschön, dass sie sich endlich rauswagen und darüber reden“, sagt Daniela Brodesser von der hinter der Kampagne stehenden Initiative.

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Und es ist aktuell bitter nötig, denn die enorme Inflation, der Anstieg insbesondere der Lebensmittel- und der Energiekosten macht es Menschen mit wenig Geld derzeit noch schwerer. Zwar hat die Bundesregierung nun entsprechende Entlastungspakete geschnürt. Doch hilft besagten Menschen das Gießkannenprinzip oft nicht viel, wenn die Maßnahmen zu wenig an den Bedürfnissen speziell der Armen und Armutsgefährdeten ausgerichtet und entsprechend gewichtet sind. Neben der Hilfe für die zahlreichen Flüchtlinge aus der kriegsgeplagten Ukraine ist somit in diesem Jahr auch zur Bekämpfung der sich verschärfenden Armutslagen nicht allein die Politik, sondern auch die Kirche mit ihrer Soziallehre, ihrer Sozialsorge und ihren Sozialverbänden gefragt. Christliche Diakonie ist schließlich einer der drei Grundvollzüge der Kirche, die sich der Armen annimmt und nach dem Vorbild des barmherzigen Samariters da hilft, wo sie kann.

Die Armut wächst auch hier

Der Autor und Politikberater Erik Flügge hat anlässlich des Katholikentags Thesen über die Kirche veröffentlicht, von denen eine es in diesem Zusammenhang treffend auf den Punkt bringt: „Der einzige Grundvollzug von Kirche, der nicht in Zweifel gezogen ist, ist Diakonie. Deshalb muss der Dienst am Nächsten zum Mittelpunkt des Gemeindelebens werden. Um dabei nicht zum Hilfswerk zu werden, muss der Grundsatz gelebt werden: ,Helfen ist ein Gottesdienst.‘“ Mit der vorrangigen Option für die Armen kann damit aktuell zugleich der Auftrag Jesu erfüllt, eine wesentliche und auch heute noch wertgeschätzte Schokoladenseite der Kirche gezeigt und zudem Gott die Ehre gegeben werden. Wenn Helfen Gottesdienst ist, gehören Liturgie und Diakonie eng zusammen. Nicht von ungefähr gibt es in der Kirche schließlich auch das amtliche Diakonat als eigenständige sakramentale Darstellung der Liebe Christi. Zur Linderung heutiger materieller, sozialer und auch spiritueller Armut sind aber alle gefragt, gerade auch engagierte gläubige Laien, die eine diakonische Kirche erfahrbar machen, wenn die Liebe Christi sie drängt (vgl. 2. Kor 5,14).

Der Autor ist Wissenschaftlicher Referent der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach. Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der KSZ.

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