Kommentar um "5 vor 12"

Die Ghettoisierung des Bundestags

So verschwenden FDP-Bundestagsabgeordnete die Steuergelder der von ihnen vertretenen Bürgerinnen und Bürger.
FDP-Bundestagsabgeordnete Kristine Lütke
Foto: Christoph Hardt via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Die FDP-Politikerin Kristine Lütke hat ein Video gepostet, in dem sie mit weiteren FDP-Bundestagsabgeordnete geschmacklos die Abschaffung des §219a "feiert".

Peinlich. Stillos. Geschmacklos. Alles richtig und doch viel zu harmlos, nett und freundlich. Armselig. Gruselig. Das Hinterletzte – das trifft es schon eher. Da postet die FDP-Politikerin Kristine Lütke, die die Landkreise Roth und Nürnberger Land im Deutschen Bundestag repräsentiert, allen Ernstes ein Video, dass sie und dem Anschein nach vier weitere FDP-Bundestagsabgeordnete tanzend durch die Flure des Deutschen Bundestages zeigt. Mit Sonnenbrille und FFP2-Maske bis zur Unkenntlichkeit verkleidet. Aus dem mitgeführten Ghetto-Blaster tönt der Song „Little Short Dick Man“ der 90er-Jahre-Band „20 Fingers“.

Der Spuk dauert 19 Sekunden

Besungen werden darin Männer mit „kleinem, kurzem“ primären Geschlechtsorgan. Nach den derzeit geltenden Maßstäben eigentlich ein klarer Fall von „Body-Bashing“ und „Hate-Speech“. Zumal drei der Tänzerinnen dazu horizontal schwingende Handbewegungen vollführen. Eine Geste, die in der Ghetto-Sprache „Kopf ab“ bedeutet. Im oberen Drittel des Videos wird sodann ein Text eingeblendet: „Wir, auf dem Weg zur Abstimmung, um endlich den § 219a aus dem StGB kicken zu können.“ Nach 19 Sekunden ist der Spuk vorbei.

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Dass die 39-jährige FDP-Bundestagsabgeordnete Lütke das Video inzwischen löschte und sich wortarm entschuldigte, ändert gar nichts. Relevante Fragen bleiben. Etwa: Was FDP-Politiker glauben lässt, ihre vom Steuerzahler finanzierte Arbeitszeit mit derlei Dingen verbringen zu dürfen? Wie ernst sich das „hohe Haus“ selbst nimmt und wieso das Bundestagsgelände als Drehort für ein Video herhalten kann, mit dem verglichen selbst ein aus dem Ruder gelaufener Junggesellinnen-Abschied oder das berüchtigte Eimer-Saufen Halbstarker auf Mallorca den Anschein erwecken dürften, kulturelle Ereignisse zu sein? Und was eigentlich von Abgeordneten zu halten ist, die meinen, Strafrechtsparagrafen (bei denen sich nicht ganz dumme Menschen, irgendetwas gedacht haben) wie leere Cola-Dosen durch die Gosse „kicken“ zu dürfen? Und bei all dem ist vom Würde- und Lebensschutz ungeborener Kinder – um den es hier auch geht – noch nicht einmal die Rede gewesen.

Ein „Skihaserl“ und bodenlose Dummheit

Es ist selbstverständlich erlaubt, die Ansicht zu vertreten, das Werbeverbot für Abtreibungen müsse aus dem Strafgesetzbuch gestrichen werden. Von Klugheit zeugt es nicht. Aber, so wie Lütke & Co. dies tun, zeugt es sogar von bodenloser Dummheit. Denn sämtliche Begründungen für die Streichung des Werbeverbots wurden von ihren Befürwortern bisher stets mit der Behauptung flankiert, keine Frau mache sich eine Abtreibung leicht. Lütke, die vom Bundestag als „Pflegeunternehmerin“ geführt wird und auf ihrer Homepage unter anderem in einem T-Shirt mit der Aufschrift „Skihaserl“ posiert sowie ihre Mitstreiter wecken mit der unterirdischen Video-Performance zumindest an der Allgemeingültigkeit dieser Behauptung Zweifel.

Und wo wir nun schon einmal bei der Ghettoisierung des Bundestages sind: Wenn die FDP-Fraktion „cojones“ hätte, würde sie Lütkes Mittäter ausfindig machen und allesamt aus der Fraktion ausschließen. Das hätte zumindest Stil. Wie es scheint, fehlt es den Liberalen derzeit auch daran.

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