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Deutschland ist religiös naiv

Schüler halten den Koran für wichtiger als Gesetze – und Deutschland fällt aus allen Wolken. Über ein Diskursphänomen, bei dem Christen vermitteln könnten.
Muslimische Jugendliche in einer Einkaufsstraße
Foto: IMAGO/Michael Gstettenbauer (www.imago-images.de) | 30 Prozent der Schüler bejahen in der "Niedersachsensurvey 2022" die Aussage „Einen religiösen Führer, der von einem Rat unterstützt wird, finde ich besser als das demokratische System in Deutschland“.

Zu Wochenbeginn konnte Deutschlands größtes Boulevardmedium wieder einmal punkten. Im Kampf um Aufmerksamkeit muss es aufpassen, nicht von der neuen Konkurrenz - etwa des ehemaligen eigenen Chefredakteurs Julian Reichelt - überholt zu werden. Doch nun schlug es zu: „Studie schockt Politiker – Muslimische Schüler nehmen Koran wichtiger als Gesetze“ titelte die Bild-Zeitung. Der Text sorgte in den Sozialen Medien für große Aufmerksamkeit, genauso wie der ebenso reißerisch formulierte Titel, den „Bild“ einen Tag später nachschob: „Kinder konvertieren aus Angst zum Islam – Ein Staatsschützer schlägt Alarm“. 

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Warum generieren solche Texte große Reichweite? Zweifellos handelt es sich nicht nur um emotionale, sondern auch sachlich relevante Themen. Doch schon die Überschriften legen noch von etwas anderem Zeugnis ab: Der deutschen Gesellschaft ist Religion so fremd, dass sie nun über Phänomene aus allen Wolken fällt, die eigentlich nicht überraschen können.

Wen werden diese Jugendlichen später einmal wählen?

Klar, die Befunde der von „Bild“ zitierten Erhebung aus dem „Niedersachsensurvey 2022“, die die Verbreitung islamistischer Vorstellungen unter Jugendlichen untersucht, sind bedrückend. Es ist objektiv beängstigend, wenn 30 Prozent der Schüler die Aussage „Einen religiösen Führer, der von einem Rat unterstützt wird, finde ich besser als das demokratische System in Deutschland“ bejahen. Wen werden diese Jugendlichen später einmal wählen? Oder dass immerhin 18 Prozent der Aussage zustimmen „Gewalt ist gerechtfertigt, wenn es um die Verbreitung und Durchsetzung des Islam geht“. In der Tat verleiht diese Zahl der Darstellung des von „Bild“ im anderen Artikel zitierten anonymen Staatsschützers Plausibilität, der davor warnt, christliche Schüler würden – unter Druck durch streng religiöse zugewanderte Schüler - zum Islam konvertieren, um keine Außenseiter mehr zu sein. Das sind wahrlich keine Zustände, wie man sie sich für die eigenen Kinder wünscht. 

Und doch ist die verbreitete Vorstellung, dass Religion ganz natürlich von allen als „Privatsache“ betrachtet wird, und niemand je auf die Idee kommen könnte, ein Bekenntnis zu erzwingen, auch ein wenig naiv, die Empörung wohlfeil. Auch das europäische Christentum war nicht immer so tolerant, schon jeden Anschein sozialen Drucks auf religiöse Abweichler vermeiden zu wollen. Und dass für Gläubige das Wort Gottes im Zweifelsfall auch heute höhere Priorität haben muss als weltliche Gesetze, ist eigentlich trivial. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft scheint - das zeigt der zitierte Bild-Titel - hingegen unter der Illusion zu leiden, dass heutigen Gesetzen eine quasireligiöse Legitimität zukomme, während gleichzeitig christlicher Widerstand gegen historische Diktaturen gelobt wird. Doch die für Gläubige übergeordnete Geltung göttlicher Maßgaben endet nicht, nur weil ein Gesetz demokratisch beschlossen wird. Zu wirklich schweren Konflikten führt dies wohl auch deshalb nicht, weil der Gewaltverzicht im Christentum fundamental ist. 

Das religiös Selbstverständliche vom Übergriffigen unterscheiden

Vermutlich liegt es also nicht nur an der Aufklärung und der Säkularisierung der europäischen christlichen Gesellschaften, dass sich nun ein Unbehagen in der Konfrontation mit selbstbewusst vorgetragenen, religiös begründeten Haltungen entfaltet. Denn anders als das Christentum bietet der Islam keinen grundsätzlichen Impetus zur Trennung von Kirche und Staat. Man hätte voraussehen können, dass hierin eine Quelle gesellschaftlicher Konflikte angelegt ist. Zumindest scheint nun auch für die Öffentlichkeit die Zeit gekommen, noch einmal die eigenen für selbstverständlich gehaltenen Vorstellungen vom Zusammenleben unterschiedlicher Religionsgruppen zu reflektieren. Christen könnten dabei helfen, in der gesellschaftlichen Diskussion das religiös Selbstverständliche (letzte Geltung hat das göttliche Gesetz) vom Übergriffigen (Erzwingung beim Anderen) zu unterscheiden.

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