Kommentar um "5 vor 12"

Der Boris-Faktor: Langweilig war es mit Johnson nie

Boris Johnson war auch für viele Konservative auf dem Kontinent ein Leitbild. Was wird von ihm bleiben?
Premierminister Johnson tritt als Parteichef zurück
Foto: Stefan Rousseau (PA Wire) | Boris Johnson ist noch Premierminister von Großbritannien, doch seine Tage dürften gezählt sein.

Die Tage von Boris Johnson als Premierminister sind gezählt, auch wenn er aller Wahrscheinlichkeit nach noch bis zum Herbst in der Downing Street wohnen wird. Johnsons Persönlichkeit schillernd zu nennen, ist fast schon eine Untertreibung. Sein überbordendes Selbstbewusstsein, Johnson-Fans sprechen von „Charisma“, sein spezieller Humor und schließlich auch seine Kampagnenfähigkeit, Kritiker sehen ein demagogisches Talent, machten ihn zum Urbild eines konservativen Politiker-Typus, der so auch über Großbritannien hinaus Strahlkraft entfalten konnte.

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Sehnsuchtsfigur Johnson

Gerade auch im Deutschland der ausgehenden Merkel-Ära konnte Johnson so für manche Konservative, die vom Politikstil im Zeichen der Raute frustriert waren, zu einer Sehnsuchtsfigur werden. Wie sonst vielleicht nur der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz, der sich aber ja schon vor längerer Zeit aus der Politik verabschiedet hat. Was bleibt nun von dieser Sehnsucht? Steht Johnson immer noch für einen konservativen Politik-Ansatz, der so anders wäre als man es hier gewohnt ist. Alles andere als bieder, spritzig, witzig und ja auch: populär?

Johnson war vor allem ein geschickter Vermarkter seiner selbst. Sein Buch über den Churchill-Faktor, in dem er die Persönlichkeit des Kriegspremiers analysierte, war letztlich vor allem eine Studie über sich selbst. Denn, so die geheime Quintessenz seines Buches, wer sich nach dem Churchill-Faktor sehnt, der muss heute für den Boris-Faktor stimmen. Johnson zeigt hier ein Gespür für die Stimmungslage in der Bevölkerung. Die Menschen sehnen sich nach Führungspersönlichkeiten. Auch wenn das deutschen Sozialkundelehrern nicht passen wird, gerade in Krisenzeiten wollen die Menschen Führung. Und diese Führung soll nicht irgendwie abstrakt sein, sondern sich in konkreten Personen manifestieren.  Freilich bleibt die Frage offen, ob Johnson weniger ein großer Staatsmann, sondern vor allem ein genialer Schauspieler war.  Er spürte das Bedürfnis der Menschen nach so einer Figur, also spielte er sie. Und genau das hat zum Schluss nicht mehr gereicht.

Viele Hausaufgaben

Die Folgen des Brexit und das künftige Verhältnis Großbritanniens zur EU – auf diesem Gebiet ist kaum etwas gelöst worden, sondern Johnsons Nachfolger bleiben viele Hausaufgaben. Überzeugen konnte Johnson am Ende vor allem in der Ukraine-Politik.

Unter seiner Führung wurde Großbritannien neben den USA zum treusten und entschiedensten Partner im Westen für das geschundene Land. Hier war Johnson dann vielleicht tatsächlich Churchill so nah wie sonst noch nie in seiner politischen Biographie.

So bleibt insgesamt Johnsons Bilanz gemischt. Trotzdem wäre es falsch, ihn nun einfach zu vergessen. Gerade die Politiker auf dem Kontinent können von ihm lernen: Die Sehnsucht der Menschen nach Führung und großen Persönlichkeiten bleibt. Wer nicht will, dass der Typus Johnson reüssiert, muss schon markttaugliche Gegenmodelle bieten.

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