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Das Phantom Sebastian Kurz

Bin schon weg, bin schon wieder da: Aus der Politik hat er sich zurückgezogen und trotzdem ist der ehemalige Bundeskanzler immer noch öffentlich präsent. Auch als weltweite Leitfigur für Bündnisse rechts der Mitte zwischen Konservativen und Rechten.
Österreichs ehemaliger Bundeskanzler Sebastian Kurz
Foto: Imago/Eventpress | Sebastian Kurz, gerade erst 40 geworden und doch schon in der Politik ein alter Hase.

In Wien sitzt er hemdsärmelig und mit Gelfrisur auf der Motorhaube eines Geländewagens. Es ist das Jahr 2010 und das rote Wien wählt. Sebastian Kurz ist damals Anfang zwanzig und Chef der Jungen Volkspartei (JVP). Der SUV ist das Wahlkampfauto des ÖVP-Nachwuchses, Kurz tauft es „Geilomobil“, denn „Schwarz macht geil“ und tourt damit durchs Nachtleben. Der Spott der Gegner und der Medien ist ihm gewiss – die Aufmerksamkeit auch.

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Solange die Zeitungen seinen Namen richtig schreiben, ist der Aufstieg nicht aufzuhalten: Staatssekretär für Integration mit 24 Jahren und mit 27 Außenminister der Republik. Vier Jahre später übernimmt er im Mai 2017 die ÖVP. Das „Projekt Ballhausplatz“ ist der Plan zur Machtübernahme der Partei durch Kurz und einen kleinen Kreis von Getreuen, die keine strikte Weltanschauung, aber Loyalität verbindet. Es ist ein Zirkel, der sich seit den frühesten politischen Anfängen kennt und Kurz noch heute treu ist. Die ÖVP, 2017 eine Partei im Umfragetief und unter Druck der aufsteigenden FPÖ, gibt sich dem Hoffnungsträger hin. Kurz hat volles Durchgriffsrecht, ist keinen Bünden mehr verpflichtet und ohne sein Placet kommt niemand auf einen aussichtsreichen Listenplatz. Innerhalb weniger Monate kann er mit einem glaubwürdig restriktiven Migrationskurs der Strache-FPÖ die Führung abnehmen und bei der Wahl ins Ziel bringen. Danach führt er seine Partei zum zweiten Mal nach Wolfgang Schüssel 2000 in eine schwarz-blaue Koalition.

Vorreiter eines Bündnisses aus Konservativen und Rechten

Kurz wird weltweit rechts der Mitte als Vorreiter eines Bündnisses aus Konservativen und Rechten herumgereicht – oder als Zähmer der Rechtsaußen. Als Kanzler kultiviert er die „Message Control“ nahe der Perfektion. Neben Bruno Kreisky und Jörg Haider gilt er in der Zweiten Republik als der Politiker mit dem besten Instinkt und nach Wolfgang Schüssel in der ÖVP als der wohl sicherste Machtstratege.

Kurz’ Abstieg beginnt mit Ibiza – wo nicht er, sondern FPÖ-Chef Strache heimlich gefilmt wird und im Mai 2019 zurücktritt. Kurz setzt die Koalition mit der FPÖ nicht nahtlos fort, sondern geht in Neuwahlen und nach einem satten Plus und 37 Prozent in eine Koalition mit den Grünen. Zwei Jahre nach Ibiza tritt auch Österreichs jüngster Kanzler zurück. Die Staatsanwaltschaft ermittelt in der Inseratenaffäre und der grüne Koalitionspartner lässt Kurz über die Klinge springen.

Ähnlichkeit zu Jörg Haider

Das Ende einer politischen Karriere mit Mitte dreißig. Fünf Jahre später geistert durch Österreich die Frage: Wann geht sie weiter? Das Land hat wieder ein Phantom. „Bin schon weg – bin schon wieder da“: Das sagte man in Österreich immer über Haider, wenn der erst seinen politischen Rückzug erklärte, um kurz danach den Kopf doch wieder irgendwo hervorzustrecken. Bei Kurz ist es ähnlich.

Abseits der Politik hat er sich in der Wirtschaft mittlerweile ein Standbein aufgebaut, das ihn finanziell von allem Denkbaren unabhängig macht – auch von einer Partei bei einem politischen Comeback. Kurz hält 15 Prozent am von ihm mitgegründeten KI- und Cybersicherheitsunternehmen „Dream“, das im Sommer 2026 mit drei Milliarden Dollar bewertet worden ist. Der Ex-Kanzler ist mittlerweile also rund halber Milliardär. Als solcher gibt er immer noch gerne politische Interviews, in denen er nicht müde wird, seine Koalition mit der FPÖ zu verteidigen und sein Aufkündigen der damaligen Regierung zu bereuen. Selbst mit dem aktuellen FPÖ-Chef Herbert Kickl, einstmals Innenminister unter Kurz, hat er sich bei einem Vier-Augen-Termin im Parlament ausgesprochen – und damit Gerüchte über ein neues Bündnis genährt.

Dass in Österreich immer noch über eine Neuauflage des Sebastian Kurz spekuliert wird, liegt in erster Linie am Zustand seiner Partei, der ÖVP. Als Kanzlerpartei in einer Koalition mit SPÖ und Neos kämpft sie in Umfragen um 20 Prozent. Die rechte Konkurrenz enteilt seit der Wahl 2024, wenn die Kickl-FPÖ aktuell bei mindestens 35 Prozent gemessen wird und selbst die 40er-Marke nicht unrealistisch scheint. Käme Kurz jetzt zurück, müsste er hinter die Freiheitlichen wohl ins zweite Glied zurücktreten und ihnen irgendwann den Vizekanzler machen. Dass das sein Selbstbewusstsein und Machtinstinkt zulassen, scheint schwer vorstellbar. Also muss erst einmal Zeit her. Auch weil in der ÖVP die Kronprinzen von Kanzler Stocker, die die Partei aus dem Tal der Tränen führen könnten, nicht Schlange stehen.

Für Ministerin Claudia Bauer und Staatssekretär Alexander Pröll ist es Stand jetzt wohl noch zu früh. Und von den Landeshauptleuten der ÖVP käme eigentlich nur die Salzburgerin Karoline Edtstadler in Frage, doch die ist weit weg von Wien und selbst noch immer auf politischem Regenerationskurs. Kurz wird also warten, das nächste Interview geben – in dem er ein politisches Comeback ausschließt – und dann wieder ein Interview geben. Ganz nach dem Motto: Bin schon weg, bin schon wieder da.


Der Autor lebt als Journalist in Wien und ist Chefreporter Politik der Mediengruppe Österreich.

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