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Bedeuten Kinder echte Arbeit?

Ausgerechnet Familienpolitik: Österreichs Bundeskanzler und ÖVP-Chef Christian Stocker im Gegenwind.
Der österreichische Bundeskanzler Christian Stocker (Mitte)
Foto: IMAGO/Michael Indra (www.imago-images.de) | Bundeskanzler Christian Stocker (Mitte) kam mit seinen kritischen Äußerungen zur Kinderbetreuung auch bei den Koalitionspartnern SPÖ (Andreas Babler, links) und Neos (Beate Meinl-Reisinger, rechts) nicht gut an.

Ist das, was in den Familien – ganz überwiegend von Frauen – bei der Erziehung von Kindern und der täglichen Sorge um sie geleistet wird, eigentlich richtige Arbeit? Österreichs Bundeskanzler Christian Stocker, immerhin Bundesparteivorsitzender der christdemokratischen ÖVP, ist da nicht so sicher. Bei einer Veranstaltung in Salzburg wurde Stocker in der Vorwoche gefragt, ob er sich dessen bewusst sei, dass die österreichische Wirtschaft ohne die unbezahlte Arbeit von Frauen zusammenbrechen würde.

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Für den Chef einer traditionell familienfreundlichen Partei sollte das ein aufgelegter Elfmeter sein, Lobeshymnen auf Mütter zu singen und die Verdienste seiner Partei um die steuerliche Entlastung der Familien und die Anrechnung von Kinderbetreuungszeiten für die Pension zu loben. Doch Kanzler Stocker trat mit beiden Beinen in den Fettnapf: „Kinderbetreuung ist für mich keine unbezahlte Arbeit. Ich würde das nicht als Arbeit sehen. Aus meiner Sicht ist Familie nicht in bezahlter Arbeit zu rechnen. Wenn wir Familien als Business Case sehen und als Rechenbeispiel begreifen, dann ist das ein anderes Familienbild als das, das ich habe.“

Kritik kam aus allen Parteien

Die Kritik kam postwendend, und das aus allen Parteien. FPÖ-Chef Herbert Kickl warf dem Bundeskanzler „Empathielosigkeit“ vor; die ÖVP sei „Lichtjahre von der Lebensrealität der eigenen Bevölkerung entfernt“. Grünen-Bundessprecherin Leonore Gewessler schäumte, Mütter „verdienen keine Verhöhnung“. Auch der Koalitionspartner SPÖ, der traditionell wenig für Familien und viel für alternative Lebensformen übrig hat, beeilte sich in Gestalt von Vizekanzler und Parteichef Andreas Babler festzustellen, dass Kinderbetreuung Arbeit sei, die man „weder kleinreden noch unsichtbar machen“ dürfe. SPÖ-Frauensprecherin Sabine Schatz wies darauf hin, dass Kinderbetreuung harte Arbeit sei, „und zwar unbezahlt, mit Folgen für Einkommen, Karriere und Pension“.

Tags darauf ruderte Stocker eilig zurück: „Ich habe gestern in Salzburg bei den Bürgergesprächen unter anderem gesagt, dass Kinderbetreuung für mich keine unbezahlte Arbeit wäre. Natürlich ist dieser Satz falsch. Bei all jenen, die ich damit verletzt oder beleidigt habe, die sich dadurch nicht wertgeschätzt fühlen, entschuldige ich mich aufrichtig. Das war wirklich nicht meine Absicht“, so Stocker in einem Video für die Sozialen Medien. Dann erzählte der Kanzler von seinen eigenen zwei Kindern, dass er und seine Frau damals beide berufstätig gewesen seien und dass er sehr wohl wisse, was es bedeutet, ein Kind nächtelang zu tragen. Der Lohn für all diese Arbeit sei aber „kein Arbeitsentgelt, sondern Vertrauen, Gemeinsamkeit, Zusammenhalt, wenn es schwierig wird, und viele schöne Momente“.

Was die Politik nicht erklären kann

Dafür gab es dann Lob von der liberalen Koalitionspartnerin Beate Meinl-Reisinger (Neos), die es gut fand, „dass der Bundeskanzler die Aussage, Kinderbetreuung sei keine Arbeit, richtiggestellt hat“. Es sei besonders herausfordernd, Kinder großzuziehen und erwerbstätig zu sein, so die österreichische Außenministerin, die selbst Mutter von drei Kindern ist.

Die Gerechtigkeitslücke, die Österreichs Kanzler erwähnen hätte können, wird nicht nur an der Differenz von männlichen und weiblichen Pensionen errechenbar und sichtbar. Immerhin erhalten Frauen in Österreich im Durchschnitt fast 40 Prozent weniger Alterspension als Männer, weil sie ihre Erwerbskarrieren deutlich häufiger für Kinderbetreuung oder Altenpflege unterbrechen beziehungsweise für diese Familienarbeit auf Teilzeit wechseln. Bei aller Freude an „Vertrauen, Gemeinsamkeit, Zusammenhalt“ in der Familie kann die Politik zudem nicht wirklich erklären, warum die Arbeit mit fremden Kindern – etwa als Tagesmutter oder Kindergärtnerin – echte, bezahlte und pensionsrelevante Arbeit ist, die mit den eigenen aber nur sehr eingeschränkt.

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Stephan Baier CDU Herbert Kickl Kindererziehung SPÖ Österreichische Volkspartei

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