Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Das klammheimliche Verständnis für Lina E 

Der Fall offenbart das gebrochene Verhältnis von Teilen der linken Szene zum Rechtsstaat.
Ausschreitungen in Bremen
Foto: IMAGO/Fabian Steffens (www.imago-images.de) | Teile der linken Szene haben Probleme mit dem Rechtsstaat, wie sich unter anderem bei der Demo in Bremen - hier im Bild - zeigte.

Es ist schon lange her: Er empfinde so etwas wie „klammheimliche Freude“ angesichts der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback durch die RAF, das schrieb 1977 der sogenannte „Göttinger Mescalero“, ein anonymer Sympathisant der damaligen linksextremen Szene, in der Zeitschrift des Astas der Universität Göttingen. Der Fall gilt seither als Musterbeispiel dafür, wie schwer es einigen Teilen der Linken fällt, sich von Extremisten und deren Gewaltverbrechen zu distanzieren. 

Lesen Sie auch:

Härte und Farce

Es ist jetzt der Moment, sich daran zu erinnern. Gewiss, historische Vergleiche hinken immer. Und natürlich sind die Umstände heute andere als vor 46 Jahren. Aber die Reaktionen auf das Urteil im Fall Lina E. zeigen, dass es in der linken Szene noch immer so etwas wie ein klammheimliches Verständnis für extremistische Taten gibt, sind sie denn nur gegen den Richtigen gerichtet, also „die Rechten“. Der Co-Vorsitzende der „Grünen Jugend“, Timon Dizenius, nennt das Urteil gegen Linda E eine „Farce“. Die Härte des Prozesses gegen sie sei unverhältnismäßig; zwei Neonazis, die Journalisten attackiert hatten, seien nur zu einer Bewährungsstrafe und Sozialstunden verurteilt worden. Lina E. erhielt eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren und drei Monaten.

Sie saß bereits seit zweieinhalb Jahren in Untersuchungshaft. Die Reststrafe muss sie erst verbüßen, wenn das Urteil rechtskräftig wird. Die 28-Jährige gehört einer Gruppe an, der vorgeworfen wird, zwischen 2018 und 2020 tätliche Angriffe auf Rechtsextreme in Wurzen, Leipzig und Eisenach verübt zu haben. Schwerverletzte waren die Folge. Zudem soll die Gruppe eine kriminelle Vereinigung gebildet haben. 

Ausschreitungen erwartet

Gar nicht so klammheimliche Sympathie, sondern ziemlich deutlich zeigten auch die Demonstranten ihre Unterstützung für Lina E., die gestern in Leipzig, Hamburg, Bremen oder Berlin auf die Straße gingen. Für Samstag hat die Szene zum „Tag X“ für Proteste nach Leipzig aufgerufen. Die Polizei befürchtet Ausschreitungen. Auf den Transparenten bei der Demo in Hamburg war unter anderem, wie die „Zeit“ berichtet, zu lesen: „Kampf ihrer Klassenjustiz – Getroffen hat es Einzelne, gemeint sind wir alle.“

Und da wird es wieder erkennbar: Die klammheimliche Sympathie hängt mit einem Grundmisstrauen gegenüber unserem Rechtsstaat zusammen. In der Bundesrepublik soll also Klassenjustiz herrschen. Da ist es dann in der Tat nicht mehr weit, den Weg in die Selbstjustiz zu gehen. Denn von dem latent faschistoiden Rechtsstaat ist dann ja wohl nicht zu erwarten, dass er gegen Rechtsextreme vorgeht. Das ist der Stoff aus dem die linken Helden-Mythen gestrickt ist. „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“, sagt Galileo Galilei in dem gleichnamigen Stück von Bertolt Brecht (das Stück dürfte wohl in der linken Szene bekannt sein). Die Bundesrepublik ist ein glückliches Land. Denn es braucht keine selbsternannten Helden, die Selbstjustiz üben. Hier gelten Recht und Gesetz. Auch für Lina E.  

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Sebastian Sasse Bertolt Brecht Galileo Galilei Georg-August-Universität Göttingen Siegfried Buback

Weitere Artikel

Die Stasi gewährte zehn RAF-Aussteigern fast zehn Jahre lang Unterschlupf. Eine „ARD History“-Dokumentation rekonstruiert dieses Kapitel des Kalten Krieges.
20.10.2026, 13 Uhr
José García
Am Tag vor der Abstimmung im Bundestag werden Gegner des Schuldenpaktes zu „Helden“ stilisiert. Sind sie das?
17.03.2025, 11 Uhr
Sebastian Sasse

Kirche

Künstliche Intelligenz kann Daten verarbeiten, aber keine Verantwortung übernehmen. Papst Leo XIV. verteidigte in „Magnifica Humanitas“ die menschliche Urteilskraft.
01.11.2026, 09 Uhr
Christoph Fehring
Es gibt ab Samstag neue US-amerikanische Selige: Fünf Franziskaner, die 1957 von Ureinwohnern in Georgia ermordet wurden. Der Grund: Sie verteidigten die monogame Ehe.
31.10.2026, 05 Uhr
Claudia Kock
Halloween wurde zum Filmthema – und machte den Grusel-Tag hierzulande populär. Ein Horrorfilm spiegelt gesellschaftliche Verhältnisse und hinterfragt Selbstverständliches.
31.10.2026, 11 Uhr
Fabian Bell
Ist es falsch, dass die Kirche sich gegen die Todesstrafe stellt? Nein, denn jeder Mensch hat eine unantastbare Würde. Und zwar nicht erst seit Papst Franziskus.
29.10.2026, 21 Uhr
Maximilian Welticke