Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Sasses Woche in Berlin

Baerbock, die Frage der politischen Führung und der opportunistische Zeitgeist

Wenn die Bundesaußenministerin sagt, ihre Prinzipien seien ihr wichtiger als der Wille ihrer Wähler, dann ist das ein Zeichen von Führungsstärke.
Baerbocks Anspruch, sich nicht primär am Wähler zu orientieren
Foto: Petr David Josek (AP) | Egal ob man es mag oder nicht, Baerbocks Anspruch, sich nicht primär am Wähler zu orientieren, ist exakt, was der Wähler will: Führung.

Wohl selten wird ein Begriff so selten richtig verwendet wie der von der politischen Führung. Gewünscht wird sie bei Umfragen eigentlich immer. Die Menschen möchten, dass ein Bundeskanzler führt. Das gleiche gilt für Parteivorsitzende oder Minister. Umso erstaunlicher ist nun die große Aufregung über die Aussagen von Bundesaußenministerin Annalena Baerbock zum Ukraine-Krieg. Mal unabhängig davon, ob ihr Zitat in den sozialen Medien verkürzt oder verzerrt wiedergegeben worden ist: Letztlich ist das nur ein Seitenaspekt.

Lesen Sie auch:

Politische Führung

In Wirklichkeit geht es um politische Führung. Denn wenn Baerbock sagt, für sie stünde die Unterstützung der Ukraine an erster Stelle, egal, was ihre deutschen Wähler dazu sagten, dann ist das nämlich genau das: Führung. Ob man nun den Inhalt ihrer Aussage teilt (für richtig hält?) oder nicht, klar ist doch jedenfalls, dass die Grünen-Politikerin hier eine Leitlinie nennt, nach der sie politisch handelt. Und sich eben nicht an wie auch immer zu bewertenden Mehrheitstrends, die gerade die Wählerschaft umtreiben, ausrichtet. Sich eben nicht führen lässt, sondern selbst führen will. Das ist letztlich nichts anderes als die Weigerung, seine Fahne nach dem Wind zu hängen.

Also das Gegenteil von Populismus. Ob das nun besonders clever ist und ob man die Prinzipien, die Baerbock hier für ihre Ukraine-Politik ausgibt, teilen will, das steht noch einmal auf einem anderen Blatt. Aber dass eine aufgescheuchte Öffentlichkeit, die sich sonst bei jeder Gelegenheit über zu opportunistische Politiker beklagt, hier nicht die Unterschiede sieht, ist wiederum ziemlich opportunistisch. Hauptsache, man kann sich aufregen.

 

Sasses Woche in Berlin
Foto: privat / dpa/Montage pwi | Woche für Woche berichtet unser Berlinkorrespondent in seiner Kolumne über aktuelles aus der Bundeshauptstadt.

Ambivalente Personen

Das steht auch im Gegensatz zu den Elogen, die man in diesen Tagen auf zwei Politiker lesen konnte, von denen der Eine eine Figur der Weltgeschichte war, der Andere über fünf Jahrzehnte immerhin eine zentrale Gestalt der Bundesrepublik. Die Rede ist von Michail Gorbatschow und Hans-Christian Ströbele.

Beide sind, anders kann es auch gar nicht sein, höchst ambivalente Figuren. Was aber in den öffentlichen Würdigungen von Gorbatschow wie Ströbele vielfach hervorgehoben wurde: Beide standen in den wichtigen Phasen ihres Lebens gegen allgemeine Trends und folgten ihren eigenen, persönlichen Prinzipien. Bei Gorbatschow wird dies vor allem natürlich an seiner Rolle für die Deutsche Wiedervereinigung festgemacht.

Bei Ströbele, dem Inbegriff eines Alt-Linken klassischer 68er-Prägung, daran, dass er sich eben auch später, als der Zeitgeist in seiner Partei anders wehte, treu geblieben sei. Als Joschka Fischer schon längst in den Nadelstreifenanzug des Weltstaatsmannes gewechselt war, trug Ströbele immer noch seine Norweger-Pullover.

Nicht allein die Wähler

Natürlich werden auch diese Zuschreibungen diesen Persönlichkeiten (über beide könnte man viele Bücher schreiben) nicht gerecht, aber es ist eben auffällig: Das Widerständige gegen den Zeitgeist, der Mut zum eigenen Prinzip und auch eine gewisse Immunität gegenüber den Wechselkursen der öffentlichen Meinung  - die Faktoren werden in vielen Nachrufen hervorgehoben.

Das zeigt: In Deutschland ist die Sehnsucht nach Politikern offenbar groß, die sich nicht allein nach Wählertrends ausrichten und prinzipiell denken. Aber zu schätzen weiß man das wohl erst dann, wenn die Betreffenden tot sind. Das muss nun auch Bundesaußenministerin Annalena Baerbock spüren. 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Sebastian Sasse Annalena Baerbock Joschka Fischer Michail S. Gorbatschow Wiedervereinigung

Weitere Artikel

Einmal Rebellen, immer Rebellen: Eine linke Biedermeier-Kultur treibt prominente, ehemals linke Autoren nach rechts.
01.05.2026, 15 Uhr
Alexander von Schönburg
Im Tagespost-Podcast diskutieren Jan Fleischhauer und Sigmund Gottlieb Deutschlands Rolle in der Welt – zwischen Baerbocks Idealismus und einem Comeback von Joschka Fischer.
18.04.2025, 08 Uhr
Meldung

Kirche

Der eskalierende Streit zwischen Kirche und Regierung beschädigt die Autorität beider Seiten und spaltet ein Land, das von unfreundlichen Nachbarn umgeben ist.
14.08.2026, 17 Uhr
Stephan Baier
Katechismuslesen reicht nicht: Warum der Abtprimas der Benediktiner, Jeremias Schröder, der Mutter Jesu große Bedeutung für seinen Glauben beimisst.
14.08.2026, 15 Uhr
Esther von Krosigk
In Obertshausen erinnert neuerdings eine Statue an den Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz und an den spanischen Wallfahrtsort Caravaca de la Cruz.
14.08.2026, 09 Uhr
Oliver Gierens
Tod in der Arena oder lebendig begraben im Bergbau? Im dritten Jahrhundert wurden auch Päpste zu Märtyrern. Der 13. August ist der Gedenktag des heiligen Papstes Pontianus.
12.08.2026, 21 Uhr
Claudia Kock
Wer und was in deutschen Bistümern willkommen ist, zeigt sich besonders deutlich im Umgang mit der traditionellen lateinischen Messe und der Priesterbruderschaft St. Pius X.
11.08.2026, 20 Uhr
Jakob Naser