Washington/Vatikanstadt

Papst und US-Bischöfe gratulieren Biden: Kontroverse um Bischofs-Statement

Anders als mit Papst Franziskus könnte die Zusammenarbeit mit den amerikanischen Bischöfen für den neuen Präsidenten Biden kompliziert werden. Die Stellungnahme der US-Bischöfe verurteilt dessen Haltung zum Lebensschutz deutlich – so deutlich, dass der Vatikan offenbar intervenierte.

Amtseinführung Biden
Joe Biden wird von Chief Justice John Roberts als 46. Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt, während Jill Biden die Bibel während der 59. Amtseinführung des Präsidenten im US-Kapitol in Washington hält. Foto: Saul Loeb (Pool AFP)

Papst Franziskus und die amerikanischen katholischen Bischöfe haben dem neuen US-Präsidenten Joe Biden zu seiner Amtseinführung gratuliert – und dabei sehr unterschiedliche Akzente gesetzt. In einer Botschaft von Franziskus an Biden, die der Vatikan im Anschluss an die Zeremonie veröffentlichte, wünschte der Papst „Weisheit und Stärke“ zur Ausführung des hohen Amtes. In einer Zeit, in der schwere Krisen „weitsichtige und vereinte Antworten“ verlangten, bete er, so Franziskus, „dass Ihre Entscheidungen von der Sorge geleitet sein werden, eine Gesellschaft zu errichten, in der echte Gerechtigkeit und Freiheit herrschen, zusammen mit einem unerschöpflichen Respekt für die Rechte und Würde einer jeden Person, insbesondere der Armen, Verletzlichen und derjenigen, die keine Stimme haben“.

Katholische Bischöfe sind keine parteiischen Spieler

Auch die US-Bischöfe brachten ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass Biden mit Gottes Hilfe die derzeitigen Herausforderungen, wie die Coronavirus-Pandemie oder die starke politische und kulturelle Teilung, anzugehen. In einer Zeit, in der die USA so gespalten sind wie selten zuvor, betonten die US-Bischöfe ausdrücklich ihre Überparteilichkeit: „Katholische Bischöfe sind keine parteiischen Spieler im politischen System unseres Landes“, heißt in dem vom Vorsitzenden der US-Bischofskonferenz, dem Erzbischof von Los Angeles, José Gomez, unterzeichneten Statement. 

Die Bischöfe wiesen darauf hin, dass man bei einer Vielzahl von Themen versuche, gläubige Katholiken bei der Gewissensbildung zu unterstützen, wie unter anderem in Sachen Abtreibung, Euthanasie, Todesstrafe, Einwanderung, Rassismus, Armut oder Umweltschutz. Dabei sei man geleitet von moralischen Prinzipien, die sich nicht in die Kategorien „links oder rechts“ oder „in das Programm unserer zwei großen politischen Parteien“ einteilen ließen. Gomez wörtlich: „Wir arbeiten mit jedem Präsidenten und jedem Kongress.“ Bei manchen Themen finde man sich eher auf Seiten der Demokraten wieder, bei anderen eher auf Seiten der Republikaner. Die Prioritäten der Bischöfe, so Gomez in der Mitteilung, seien „nie parteipolitisch“, da man sich zuvorderst als Katholiken verstehe.

Deutliche Kritik an Bidens Haltung zu Abtreibung

An der neuen Regierung des Demokraten Joe Biden üben die Bischöfe aber auch gleich deutliche Kritik: Zwar werde es Schnittpunkte zur Zusammenarbeit mit Biden geben, gleichzeitig aber auch Themenfelder, in denen man prinzipiell anderer Meinung und in „starker Opposition“ sei. „Ich muss darauf hinweisen, dass unser neuer Präsident versprochen hat, gewisse politische Ziele zu verfolgen, die moralische Übel fördern und das menschliche Leben und dessen Würde, insbesondere auf den Gebieten Abtreibung, Verhütung, Ehe und Gender, bedrohen würden“, heißt es in der Stellungnahme wörtlich. Auch die Freiheit der Kirche sowie die Freiheit der Gläubigen, gemäß ihrem Gewissen zu leben, sei bedroht. 

Abtreibung bleibe für die amerikanischen Bischöfe das Thema von „vorrangiger Priorität“, heißt es weiter – was aber nicht bedeute, dass dies die einzige Priorität sei. „Wir sind in Sorge aufgrund vieler Bedrohungen für das menschliche Leben und dessen Würde in unserer Gesellschaft.“ Wie Papst Franziskus lehre, könne man jedoch nicht schweigen, „wenn fast eine Million ungeborener Leben in unserem Land Jahr für Jahr durch Abtreibung weggeworfen werden“.

Daher hoffe er, so Erzbischof Gomez, dass Joe Biden und seine Regierung mit der Kirche zusammenarbeiten und einen Dialog auf den Weg bringen werde, „wie wir die komplizierten kulturellen und wirtschaftlichen Faktoren angehen können, die zu Abtreibungen führen und Familien entmutigen“. Auch müsse man eine Familienpolitik einführen, die die „herausragende Bedeutung starker Ehen und Elternschaft für das Wohlergehen der Kinder und für die Stabilität der Gemeinden“ anerkenne.

Auch versöhnliche Töne

Versöhnliche Töne schlug die Stellungnahme der Bischöfe hinsichtlich der Tatsache an, dass mit Biden nun ein Katholik das Amt des US-Präsidenten ausübt. In einer Zeit des wachsenden und aggressiven Säkularismus in der amerikanischen Kultur, werde es „erfrischend“ sein, mit einem Präsident zusammenarbeiten, der sehr gut verstehe, „auf eine tiefgründige und persönliche Weise“, wie wichtig der Glaube und religiöse Institutionen seien. Bidens „Frömmigkeit und persönliche Geschichte, sein bewegendes Zeugnis darüber, wie sein Glaube ihm Trost in dunklen und tragischen Zeiten gespendet hat, sein lange zurückreichendes Engagement für die im Evangelium bekundete Priorität für die Armen – all das stimmt mich hoffnungsvoll und inspiriert mich“, so Gomez. Präsident Bidens Aufruf, das Land zu heilen und zu vereinen, sei auf allen Ebenen willkommen, schließt das Statement. 

Über die Stellungnahme der US-Bischöfe war bereits eine Kontroverse ausgebrochen, noch bevor diese veröffentlicht worden war. Das Portal „The Pillar“ sowie die „Catholic News Agency“ meldeten, der Vatikan habe interveniert und versucht, eine Veröffentlichung zu verhindern, da sich die US-Bischöfe in dem Text allzu kritisch zu Bidens Haltung zu Themen wie Abtreibung und Religionsfreiheit äußern würden. Wie „The Pillar“ berichtete, hätten auch einige amerikanische Bischöfe massive Bedenken geäußert, da die Stellungnahme „unangemessen kritisch“ mit Biden umgehe.

Einige Bischöfe, darunter der Erzbischof von Chicago, Kardinal Blase Cupich, übten sowohl Kritik am Inhalt wie auch an der Vorgehensweise bei der Veröffentlichung. Cupich sprach von einem „unüberlegten Statement“, für das es keinen Präzedenzfall gebe. Für viele Bischöfe sei der Text, den sie erst wenige Stunden vor der Veröffentlichung erhalten hätten, überraschend gewesen, zitiert die „Washington Post“ den Erzbischof von Chicago.  DT/mlu

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