Kommentar um "5 vor 12"

Sanktionen gibt’s nicht zum Nulltarif

Nicht nur in Russland, sondern auch hierzulande müssen sich die Menschen auf schwierige wirtschaftliche Zeiten einstellen.
Auswirkungen der Sanktionen gegen Russland
Foto: Philipp Schmidli (KEYSTONE) | Ein Nord Stream 2-Logo ist auf einer verspiegelten Glasfront des Schweizer Hauptsitzes des Unternehmens zu sehen.

Gewiss: Die Wirkung der Sanktionen des Westens gegenüber der russischen Wirtschaft als Reaktion auf den völkerrechtswidrigen Einmarsch in die Ukraine sind für Putins Staat verheerend. Dennoch bekommt nun auch Deutschland die Auswirkungen des Ukrainekriegs hautnah zu spüren. Zum einen kommen an den Bahnhöfen immer mehr Züge mit Kriegsflüchtlingen an: Allein in Berlin sind es mehr als 10.000 Menschen täglich. Deutschland und Europa stehen vor der wahrscheinlich größten Fluchtbewegung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs – mindestens 1,7 Millionen Ukrainer befinden sich gegenwärtig auf der Flucht, Tendenz steigend.

Die Energiekosten gehen durch die Decke

Gleichzeitig steigen aufgrund der Sanktionen des Westens sowie der Furcht der Märkte vor einem Lieferstopp russischen Öls und Gases nach Europa die Energiekosten in immer neue Höhen – und treffen sowohl die deutsche Wirtschaft als auch normale Verbraucher immer härter: Laut Statistischem Bundesamt haben sich die Preise für Heizöl und Kraftstoffe innerhalb eines Jahres insgesamt um mehr als ein Drittel erhöht. 

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Beim Erdgas sind die Preissteigerungen sogar noch höher: Erst am Montag wurde am wichtigen niederländischen Handelspunkt TTF (Title Transfer Facility) eine Megawattstunde zeitweilig für 345 Euro gehandelt – ein Plus von rund 60 Prozent. Zum Vergleich: Ende 2021 lag der Preis bei rund 148 Euro je Megawattstunde. Auch die Erdöl-Preise gingen in die Höhe: Der Preis für die Ölsorte „Brent“ aus der Nordsee stieg um knapp 20 Prozent – auf ein 13,5-Jahres-Hoch von 139,13 Dollar je Barrel. Der Grund: Ein möglicher Markt-Ausschluss russischer Energie-Importe löste zu Wochenbeginn Panikkäufe an der Börse aus.

Die Abhängigkeit von russischer Energie ist immens

Bislang kommen rund 40 Prozent von Europas Erdgas-Importen aus Russland – und schon vor dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine hatte der Gaspreis in den vergangenen Monaten deutlich zugelegt, was auch in Deutschland die Kosten für Verbraucher und die Inflationsrate in die Höhe getrieben hatte. Sollte es nun - entweder durch verschärfte Sanktionen des Westens oder ein einseitiges Aussetzen der Energielieferungen Russlands an Europa - zu einem vollständigen Energielieferstopp kommen, drohen sowohl der deutschen Wirtschaft als auch den Verbrauchern aufgrund der großen Abhängigkeit von russischem Öl und Gas weiteres Ungemach. Zwar werde gegenwärtig im Wirtschaftsministerium mit Hochdruck an Alternativen zur Abhängigkeit von russischer Energie gearbeitet – doch jahrzehntelange Fehlentwicklungen deutscher Energiepolitik können nicht quasi über Nacht gelöst werden.

Hinzukommen (wie zuvor schon wegen der Corona-Krise) aufgrund des Ukraine-Kriegs zunehmende Störungen von Lieferketten – in Deutschland führen die Kriegshandlungen Russlands dazu, dass es zu Produktionsstopps in Autofabriken etwa von BMW und VW kommt. Der Grund: die Produktion in Zulieferbetrieben in der Ukraine ist ausgefallen, deswegen fehlen Kabelbäume. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) rechnet außerdem mit einer Knappheit und einem Preisanstieg bei Rohmaterialien. Dies betreffe vor allem die Rohstoffe Neongas, Palladium und Nickel: Bei Neongas ist beispielsweise die Ukraine einer der wichtigsten Lieferanten. Zum anderen könnte Palladium aus Russland für Katalysatoren fehlen. Ein wichtiger Rohstoff zur Produktion von Lithium-Ionen-Batterien sei Nickel, Russland ein wichtiges Förderland für Nickelerz, einem Rohstoff für die Elektromobilität.

Stagflation ante portas?

Zwar wagen gegenwärtig weder der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) noch hiesige Wirtschaftsverbände von einer Rezession für das Jahr 2022 zu sprechen. Dennoch könne der DIHK, so DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier, eine „Phase der Stagflation“, also eine wirtschaftliche Situation, in der hohe Preissteigerungen und ausbleibendes Wirtschaftswachstum gleichzeitig auftreten, für das laufende Jahr nicht ausschließen.

Ob es am Ende zu einer Rezession, Stagflation oder doch noch eine ökonomische Entwarnung in letzter Sekunde gibt: So oder so wird 2022 aufgrund des Ukrainekrieges auch hierzulande für die Menschen ein angespanntes Jahr werden.

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