Ethisch investieren nach katholischen Kriterien? Dazu gibt der Vatikan nun nicht mehr nur allgemeine Appelle, sondern eine konkrete Hilfestellung. Wer also nicht weiß, wie er sein Geld anlegen soll, ohne sich dabei an ethisch fragwürdigen Geschäftspraktiken zu beteiligen, dem kann – wenigstens in der Theorie – nun geholfen werden. So hat das Institut für die religiösen Werke (IOR), besser bekannt als Vatikanbank, gemeinsam mit dem Indexanbieter Morningstar zwei neue Aktienindizes vorgestellt. Explizites Ziel ist es, das Investieren stärker mit den Prinzipien der katholischen Soziallehre in Einklang zu bringen.
Die beiden Indizes decken unterschiedliche Regionen ab: einer die Eurozone und einer die USA. In jedem Index stecken jeweils 50 große und mittelgroße börsennotierte Unternehmen. Ein Aktienindex ist vereinfacht gesagt eine Kennzahl, die die Wertentwicklung einer Gruppe von Aktien zusammenfasst. Solche sogenannten „Benchmarks“ – also Vergleichsindizes – helfen Anlegern, die Entwicklung von Fonds oder Portfolios einzuordnen.
Ein auf den Vatikan-Indizes basierender sogenannter „ETF“ – also ein Investmentfonds, der einen Index möglichst genau nachbildet und an der Börse wie eine Aktie gehandelt wird – ist bislang nicht verfügbar. Entsprechende Anlageprodukte könnten jedoch in den kommenden Jahren entstehen.
Vergleichsweise geringe Abweichung vom Gesamtmarkt
Ein Blick auf die Zusammensetzung der Indizes zeigt, wie marktnah der Ansatz ausfällt. Zu den größten Positionen im US-Index zählen unter anderem Meta, Amazon, Apple, Nvidia und Tesla sowie Finanzkonzerne wie JPMorgan und Visa. Der Index bleibt damit stark von großen Technologie- und Finanzunternehmen geprägt, die auch viele breite Marktindizes dominieren. Die Abweichung vom Gesamtmarkt ist daher auch bei den Vatikan-Indizes vergleichsweise gering.
Laut den auf der Webseite von Morningstar veröffentlichten Unterlagen orientiert sich die Titelauswahl an Kriterien mit Bezug zur katholischen Soziallehre, etwa hinsichtlich verantwortlicher Unternehmensführung und bestimmter Ausschlussbereiche. Zusätzlich fließen Kriterien wie der Umgang mit Mitarbeitern, Umweltfragen oder die Qualität der Unternehmensführung ein. Beide Indizes sind als sogenannte „Total-Return-Indizes“ berechnet, Dividenden sind also enthalten.
Morningstar führt die neuen katholischen Indizes im Themenfeld „ESG“. Das steht für „Environmental, Social and Governance“, also Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Ziel ist hier nicht in erster Linie, besser abzuschneiden als der breite Aktienmarkt, sondern eine verlässliche Orientierung für Aktienportfolios zu bieten, die nach bestimmten ethischen Kriterien gefiltert werden.
Ethisch filtern ist komplex
Ein Blick auf einzelne im Index enthaltene Unternehmen zeigt jedoch auch die Grenzen dieses Ansatzes. Mehrere der im Index stark gewichteten US-Konzerne – darunter Apple, Amazon und Meta – gehören zu den Unternehmen, die nach der Entscheidung des US-Supreme Court zu „Roe v. Wade“ ankündigten, Mitarbeiterinnen bei Reisen zu „medizinischen Eingriffen“, einschließlich Abtreibungen, auch außerhalb ihres Bundesstaates finanziell zu unterstützen. Aus Sicht der katholischen Moraltheologie stellt sich hier die Frage nach Formen indirekter Mitwirkung zur Abtreibung, die sich in regelbasierten Indexfiltern nur begrenzt erfassen lassen.
Auch bei der ethischen Leitlinie zum Umgang mit Mitarbeitern zeigt sich die Komplexität des Filterns nach ethischen Kriterien. Beim Versandriesen Amazon stehen beispielsweise die Arbeitsbedingungen in einzelnen Logistikzentren seit Jahren in der Kritik. Beobachter verweisen unter anderem auf hohe körperliche Belastungen, ein straffes Arbeitstempo und überdurchschnittliche Verletzungsraten. Amazon weist solche Vorwürfe zurück und verweist auf eigene Sicherheitsprogramme sowie wettbewerbsfähige Löhne.
Hinzu kommt, dass die Vatikanbank selbst in der Vergangenheit wiederholt Gegenstand finanzieller Kontroversen war, etwa im Zusammenhang mit dem Zusammenbruch der Banco Ambrosiano in den 1980er Jahren oder mit der Verurteilung des ehemaligen IOR-Präsidenten Angelo Caloia im Jahr 2021 wegen Geldwäsche und Unterschlagung im Zusammenhang mit Immobiliengeschäften. Zwar hat der Vatikan vor allem seit den 2010er Jahren Reformen und Transparenzmaßnahmen eingeleitet, dennoch stellt sich die Frage, ob die Vatikanbank von Anlegern bereits als internationaler Referenzgeber für ethische Kapitalanlagen ernstgenommen wird.
Zudem muss bei der Einordnung beachtet werden, dass die Indizes erst im Februar offiziell gestartet sind. Die in den „Factsheets“ – also den von Morningstar veröffentlichten Produktübersichten mit Kennzahlen und Methodik – ausgewiesenen Langfristwerte beruhen auf rückgerechneten historischen Simulationen, den sogenannten „Backtests“. Dieses Verfahren ist in der Branche üblich und ermöglicht eine erste Orientierung, ersetzt aber nicht die Entwicklung eines Produkts unter realen Marktbedingungen über viele Jahre.
Auf Rendite verzichten?
Für viele Anleger könnte sich die praktische Frage stellen: Verzichte ich auf Rendite, wenn ich mein Portfolio nach diesen Maßstäben ausrichte? Beim Eurozonen-Index ergibt sich laut Factsheet über die vergangenen zehn Jahre eine durchschnittliche Rendite von rund neun Prozent pro Jahr, während der breite Vergleichsmaßstab für große und mittlere Eurozonen-Aktien auf rund zehn Prozent kam. Der Unterschied ist also nicht dramatisch, aber dennoch spürbar.
Beim US-Index zeigt sich ein anderes Bild. Hier weist das Factsheet über zehn Jahre eine Rendite von rund 18 Prozent pro Jahr aus, gegenüber ungefähr 15,5 Prozent bei der breiten US-Benchmark. Der Vatikan-Index wäre also sogar besser gelaufen als ein vergleichbares Benchmark-Portfolio. Allerdings kann bei lediglich 50 Unternehmen im Index die Entwicklung stärker von einzelnen Branchen oder Marktphasen abhängen.
Mit den neuen Indizes betritt der Vatikan den Markt standardisierter ethischer Finanzprodukte. Ob sich die katholischen Filter in der Praxis bewähren und dauerhaft Vertrauen bei Anlegern gewinnen, wird sich jedoch erst in den kommenden Jahren zeigen.
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