Bis gerade noch war SAP das wertvollste Unternehmen im DAX an der Frankfurter Börse. Dann der Crash: 16 Prozent Minus an einem Tag – das gab’s zuletzt 2020. Schuld ist vordergründig ein Rückgang bei den Prognosen von Investmentbankern für die Entwicklung des Cloud-Geschäfts, also der Einrichtung, Programmierung und Bewirtschaftung ausgelagerter Datenbanken von Großunternehmen.
Dahinter steckt aber eine tiefer liegende, weit beunruhigendere Entwicklung. Die KI, bisher von Softwarekonzernen wie SAP oder Salesforce als Garant einer goldenen Zukunft gefeiert, mausert sich vom Werkzeug zum selbstständig agierenden Musterschüler. Der KI-Besen versohlt den Zauberlehrling. Ja, er droht ihn sogar aufzufressen: ein historisch einmaliger Akt ökonomischer Autosarkophagie.
Ist der KI-Optimismus gerechtfertigt?
Eine ähnliche Revolution zog die Erfindung des Elektromotors nach sich – laut Alfred D. Chandler die Geburtsstunde des industriellen Mittelstands. Warum denn, so fragen sich inzwischen viele, brauchen wir noch teure Softwareanwender, wenn künftig künstliche Intelligenz den Job teurer Berater und Projektentwickler übernimmt? Ganz ohne Anwenderwissen wird’s wohl nicht gehen, aber dem aktuellen Boom der Cloud-Anbieter mit noch glänzenden Geschäftszahlen liegt kein verlässliches Zukunftsmodell mehr zugrunde. Die selbstlernende Intelligenz mischt den Markt auf.
Trotzdem gibt sich einer wie Robert Mayr noch gnadenlos optimistisch. Der DATEV-CEO führt eines der größten Softwarehäuser Europas – in Deutschland die Nummer drei bei Business-Software, für viele die strukturelle Grundlage des Rechnungswesens mitsamt allen steuerlichen Aspekten. Für Mayr befindet sich ChatGPT mit seinen steuerlichen Kompetenzen inzwischen auf dem Niveau gewiefter Experten und löst selbst anspruchsvolle Aufgaben, wie sie bei Steuerberaterprüfungen gestellt werden.
Schachmatt für Steuerkanzleien? Mayr sieht nun mehr Zeit für betriebswirtschaftliche Beratung statt fürs Programmieren. Die Nerds aus dem Großraumbüro plötzlich als kreative Vordenker mit unternehmerischen Instinkten? Im Interview der FAZ mit Mayr bleibt außerdem diese wichtige Frage offen: Wie lange gibt es eigentlich die DATEV noch – in ihrer jetzigen Form und Struktur, und überhaupt?
Schlagzeilen aus dem Schreibautomaten
Diese Beispiele aus der Softwarebranche lassen sich auf viele andere Bereiche übertragen, allen voran die Medien. Feierte sich etwa die BILD-Zeitung jahrzehntelang für ihre krassen Stories und griffigen Schlagzeilen, so liest sich heute vieles wie aus dem Schreibautomaten, der – gefüttert mit Fakten und Zahlen – gerundete Geschichten ausspuckt. Eine geniale Zeile wie „Wir sind Papst“ hat es seit Langem nicht mehr gegeben; stattdessen wird der Leser am Ende jedes Artikels gefragt, ob ihm Fehler aufgefallen sind. KI ist anfällig für Falschnachrichten, immer wieder liest man Nonsens, der dem Chef vom Dienst beim Redigieren durchgerutscht ist. Überhaupt: Inzwischen wird von der einen KI redigiert, was von der anderen zugeliefert wurde.
Eine hoch bezahlte Top-Kommunikationsberaterin hat gerade eine große, internationale Agentur deshalb verlassen, weil sie nur noch KI-Pressetexte vom Unternehmenskunden zugeliefert bekam, die sie dann selbst wieder durch die eigene KI-Anwendung absegnen ließ. Jetzt hat sie bei einem Publisher angeheuert – mit der Aussicht, in dem Medienhaus neue Kreativprojekte entwickeln zu dürfen. Man möchte fragen: Und das dann ganz ohne KI?
Auch die Kultur wird sich mit den Anwendungsoptionen der künstlichen Intelligenz auseinandersetzen müssen. In Hamburg läuft derzeit an der Staatsoper ein neues Projekt zur Publikumsbindung. In Kooperation mit der Hochschule für Musik und Theater gibt das Team um Intendant Tobias Kratzer den Repertoirevorstellungen des Opernhauses einen Rahmen: „FRAMING the REPERTOIRE“. Foyergespräche, Expertenvorträge und künstlerische Aktionen laden das Repertoire der Staatsoper – und jede Inszenierung – mit aktuellen wie zeitgeschichtlichen Einordnungen auf. Viele Besucher empfinden diese Steuerung als übergriffige, pädagogisch gelenkte Lesehilfe für prinzipiell offene, mehrdeutige Kunstwerke.
Stärken und Schwächen der KI überschneiden sich
Und die Frage ist: Wenn kostümierte junge Leute Interpretationsanleitungen für Inszenierungen geben, was ist da schon KI-gefüttert, und was kreativer, kultureller Smalltalk aus der Situation heraus? Könnte künftig nicht gleich die KI über Bildschirme und QR-Codes das Framing übernehmen?
Wagners „Fliegender Holländer“ wurde jetzt von der bekannten, feministischen Musikwissenschaftlerin Beatrix Borchard im Framing-Referat vor der Aufführung gedeutet: als künstlerische Spiegelung männlicher Unterdrückungsfantasien. Mit KI hätte man vielleicht mit einem einzigen Swipe auf der Handy-Oberfläche zusätzlich eine weniger woke Deutung wählen können. Stärken und Schwächen, Chancen und Risiken liegen bei der künstlichen Intelligenz nicht nur nah beieinander – sie überschneiden sich. Und nicht immer merken wir es.
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