Weltweit wachsen immer mehr Kinder mit Spielsachen auf, in die KI verbaut wurde. Was harmlos klingt, markiert einen tiefgreifenden Einschnitt. Die Kindheit der Generation KI wandelt sich schneller, als Elternhaus, Schule und Politik darauf reagieren können. Die Frage lautet: Wie lassen sich Schutz und Förderung von Kindern sinnvoll miteinander verbinden?
Für viele Familien wurde Weihnachten 2025 zu einem digitalen Schlüsselmoment. Das Spielzeugtier auf dem Gabentisch antwortet plötzlich, erzählt Geschichten, merkt sich Vorlieben und stellt Rückfragen. Kinder sprechen nicht mehr nur mit ihrem Teddy, sondern mit Systemen, die zuhören, Daten sammeln und Verhalten modellieren. Inhalte werden personalisiert und auf die Vorlieben der Kinder zugeschnitten. Wer Fußball liebt, bekommt Fußballspiele als Content. Wer Märchen mag, bleibt im Märchenwald. Auf diese Weise wachsen Kinder in ihrer digitalen Filterblase auf.
Gleichzeitig sind die Potenziale von KI offensichtlich: KI-gestützte Lernprogramme ermöglichen individuelle Förderung, wie sie früher nur in kleinen Klassen möglich war. Adaptive Lernprogramme ergänzen den Unterricht: Schwächere Kinder üben gezielt, während Lehrkräfte Zeit für persönliche Gespräche gewinnen. Kinder mit Hör- oder Sehbeeinträchtigungen profitieren von Vorlesefunktionen und Untertiteln. Lernstarke Kinder hingegen können durch anspruchsvolle Aufgabenstellungen und sofortige Ergebniskontrolle permanent gefördert werden. Bei KI müssen sie nicht mit dem Finger schnippen, um dranzukommen; sie interagieren kontinuierlich mit dem Lernsystem und können unabhängig vom Level der Klassenkameraden ein immer höheres Lernniveau erreichen.
Analoge Kompetenzen drohen verloren zu gehen
Doch die Risiken sind nicht zu übersehen. Wer sich an stets geduldige, immer freundliche und bestätigende Systeme gewöhnt, lernt weniger, mit Widerspruch, Frustration oder menschlichen Konflikten umzugehen. Studien zur Generation KI zeigen, dass sich auch die Leistungskultur verändert. Wenn Hausaufgaben von digitalen Systemen optimiert werden, fördert dies vordergründig die Effizienz, schwächt aber Anstrengungsbereitschaft, Durchhaltevermögen und Urteilsfähigkeit. Analoge Kompetenzen wie das Recherchieren von Sachverhalten, das Durchdenken von Problemstellungen und das Niederschreiben eigener Gedanken drohen verloren zu gehen, wenn diese Aufgaben zunehmend von KI erledigt werden.
Was folgt daraus für Familien? Weniger Technikverbote, aber mehr maßvolle Begleitung. Klare Regeln für Bildschirmzeit und keine heimliche Dauerverfügbarkeit. Hausaufgaben dürfen mit KI vorbereitet und kontrolliert, aber nicht von KI erledigt werden. Und vor allem: Kinder sollten zur Eigenanstrengung ermutigt werden, um analoge Kompetenzen zu entwickeln, auf die sie jederzeit zurückgreifen können. Kindern KI vorzuenthalten, wäre weltfremd. Vielmehr müssen sie in altersgerechter Weise in die Welt der KI eingeführt werden. Die Frage ist nur: von wem? Denn zumeist fehlt es sowohl Eltern als auch Lehrern an den notwendigen digitalen Kenntnissen.
Der Autor lehrt Philosophie an der Universität Siegen, der WHU Vallendar und der Hochschule für Philosophie München.
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