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Warum wir eine Renaissance der Pflicht brauchen

Jesus Christus hat in Gethsemane nicht über seine Work-Life-Balance verhandelt. Sein „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“ ist der Urknall einer Pflicht, die aus Liebe geboren ist.
Arbeiter in einer Ziegelei
Foto: Skanda Gautam via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Kriegt seinen Allerwertesten hoch: Arbeiter in einer Ziegelei in Nepal.

„Pflicht.“ Das neue Unwort im politischen Berlin. Ob man über Selbstbehalt beim Zahnarzt diskutiert, eine Stunde Mehrarbeit fordert oder den Verzicht auf einen Urlaubstag vorschlägt – der Aufschrei folgt prompt. Wir haben uns in einer Komfortzone der Work-Life-Balance eingerichtet, wo jede Anstrengung als Angriff auf das Wohlbefinden gilt. Wer die Wiedereinführung von Karenztagen oder die Rückkehr zur Wehrpflicht ins Spiel bringt, wird behandelt wie ein Folterknecht. Wir pflegen die Teilzeit als Sakrament der Selbstverwirklichung, während die Welt aus den Fugen gerät. Doch in den multiplen Krisen – vom Klima über den Krieg bis zum Kollaps der Sozialsysteme – kommen wir mit Wellness-Wünschen nicht weiter. Wir leiden an einer Allergie gegen Verbindlichkeit. Dabei ist die Pflicht, richtig verstanden, der Inbegriff von Freiheit.

Hier kommen Denker wie Omri Boehm ins Spiel. Er wäscht uns mit radikalem Universalismus den Kopf. Boehm erinnert uns daran, dass der Mensch nur dann frei ist, wenn er sich einem Gesetz unterstellt, das über seinem Ego steht. Das ist der kantische Kern: Handle nicht so, wie es dir passt, sondern so, wie es für alle richtig wäre. Pflicht ist kein blinder Gehorsam, sondern die Souveränität des Geistes gegenüber Bequemlichkeit.

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Für uns Katholiken ist das ein Heimspiel. Wir müssen nur zurück zu Thomas von Aquin. Für den „Doctor Angelicus“ war Pflicht keine kalte Vorschrift, sondern Teil einer Vernunftordnung, die auf das Gemeinwohl, das „Bonum commune“, zielt. Thomas lehrt uns: Das Gesetz der Pflicht ist Einübung in die Tugend. Es geht nicht um Zwang, sondern um die Vollendung des Menschseins durch den Dienst am Ganzen.

Genau hier wurzelt die kirchliche Sozialethik. Solidarität ist kein Extra, sondern eine strikte ethische Verpflichtung. Wir sind keine Inseln, sondern Glieder eines Leibes. Wenn wir über Mehrarbeit oder Dienstpflicht streiten, sollten wir das nicht als Raubbau, sondern als Beitrag zur Stabilität dieses Leibes begreifen. Jesus Christus hat in Gethsemane nicht über seine Work-Life-Balance verhandelt. Sein „Nicht mein, sondern dein Wille geschehe“ ist der Urknall einer Pflicht, die aus Liebe geboren ist. Das Kreuz ist kein Accessoire, sondern die Verpflichtung gegenüber der Wahrheit. Wir brauchen eine Renaissance der „Pflicht-Lust“. Nicht aus Angst vor dem Fegefeuer, sondern aus Respekt vor der Menschenwürde. Pflicht ist der radikale Widerstand gegen die Beliebigkeit. Sie ist das Versprechen, dass ich bleibe, wenn es anstrengend wird. Wenn wir in den Stürmen dieser Zeit bestehen wollen, brauchen wir Menschen, die das „Sollen“ wieder als Ehre begreifen. Das ist unbequem? Ja, Gott sei Dank. Denn nichts ermüdet mehr als das Kreisen um das Ich – und nichts ist so belebend wie die Gewissheit, gebraucht zu werden. Pflicht ist nicht das Grab der Freiheit, sondern ihr Fundament.

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