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Nahöstliches Hannover

Die Hauptstadt Niedersachsens gilt nicht als Touristenmagnet. Dennoch gibt es in der Stadt Schönes zu entdecken, etwa die „Blaue Synagoge“.
Blaue Synagoge
Foto: Julian Marius Plutz | In leuchtendem Blau erstrahlt die Synagoge der jüdisch-bucharisch-sefardischen Gemeinde in Hannover. Nur der obligatorische Schutzzaun trübt den Eindruck. Foto: Julian Marius Plutz

Letztlich ist Stefan Homburg schuld, dass ich Urlaub in Hannover gemacht habe. In einer Radiosendung meinte der Ökonomieprofessor in einem Nebensatz, dass Veranstaltungshallen in der niedersächsischen Landeshauptstadt jenseits der Messezeit besonders günstig seien. Das gilt, wie ich schnell herausfand, auch für Hotels. So checkte ich zehn Tage später nach einer wie üblich völlig komfortfreien Fahrt mit der Eisenbahn in einem hübschen Hotel mit familiärer Atmosphäre für unter 40 Euro die Nacht ein.

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Aber warum überhaupt Urlaub in Hannover machen? Ganz einfach: Weil ich bisher noch nie in Hannover war. Wenn man sich aber vorurteilsfrei auf eine Stadt einlässt, zeigt sie früher oder später, was sie einzigartig und lebenswert macht. Die Suche nach dem Besonderen von Hannover beginnt im Stadtteil Linden, was seinem Namen alle Ehre macht. Denn das Viertel ist wahrlich sehr grün. Der warme Hochsommertag endet vor dem Rewe mit den Füßen in einem Springbrunnen und dem Blick auf einen hohen Continental-Turm, dessen Geschichte untrennbar mit der Geschichte Hannovers verbunden ist. Im Jahr 1871 gegründet, entwickelte sich der Hersteller von Gummiwaren mit der Zeit zum wohl weltweit bedeutendsten Reifen- und Automobilzulieferer. Mehr als anderthalb Jahrhunderte prägte der Konzern die wirtschaftliche Entwicklung der niedersächsischen Landeshauptstadt entscheidend mit: Tausende Arbeitsplätze, Werksviertel und Generationen von Beschäftigten machten Continental zu einem festen Bestandteil der Identität Hannovers. Der Aufstieg des Unternehmens war entscheidend für den Wandel Hannovers zur Industriestadt.

Minderheiten innerhalb der Minderheit

Von dieser Erfolgsgeschichte ist heute jedoch nur noch wenig übrig. Continental befindet sich seit Jahren im Umbau, trennt sich von Unternehmensteilen und baut weltweit Tausende Stellen ab. Allein bei ContiTech sollen rund 3 000 Arbeitsplätze entfallen, davon etwa 1 600 in Deutschland. Der einstige Industriegigant, der Hannover über Generationen geprägt hat, steht heute vor allem für Schrumpfung, Stellenabbau und den Verlust früherer wirtschaftlicher Prosperität.
Trotz solcher Negativmeldungen gibt es von dieser Stadt auch Positives zu berichten. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln geht es von Linden in den Stadtteil Ricklingen. Hier steht in dieser Form seit 2013 die jüdisch-bucharisch-sefardische Synagoge, auch bekannt als Blaue Synagoge. Sefardische Juden lebten nach ihrer Vertreibung von der Iberischen Halbinsel im Jahr 1492 vor allem im Mittelmeerraum und im Osmanischen Reich.

Als bucharische Juden werden hingegen die jüdischen Gemeinschaften Zentralasiens – insbesondere aus dem heutigen Usbekistan, Tadschikistan und Kirgisistan – bezeichnet. Die Synagoge in Ricklingen verbindet diese beiden jüdischen Welten. Sieht man von den üblichen mannshohen Sicherheitszäunen ab, strahlt dieser Ort jüdische Selbstverständlichkeit aus, die angesichts des grassierenden Judenhasses Hoffnung macht, gerade weil diese Gemeinde eine Minderheit in einer Minderheit darstellt.

Wenn man schon in Hannover ist, dann darf man auch nicht das Wahrzeichen schlechthin vergessen: den Maschsee. Bereits im 19. Jahrhundert entstand die Idee, auf dem Gebiet der feuchten Masch – so nennt man das niedrig gelegene Heideland, das regelmäßig überschwemmt wird – einen See anzulegen, doch ironischerweise machte erst die Wirtschaftskrise den 2,4 Kilometer langen See möglich. Eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme aufgrund der grassierenden Arbeitslosigkeit führte 1934 zum Spatenstich; zwei Jahre später eröffneten die Nazis mit einem riesigen Propagandafest den See. So wurde das Gewässer ausdrücklich in die NS-Ideologie der Volksgemeinschaft eingebettet, was sich auch an den Schildern rund um den See, auf denen „Für Juden verboten“ stand, ausdrückte.

Hannover Innenstadt
Foto: Julian Marius Plutz | In der Innenstadt von Hannover geht es islamisch zu. Der Empfang in diesem arabischen Restaurant ist dennoch herzlich.

Dies soll ausdrücklich nicht die Bedeutung des Maschsees in der Gegenwart schmälern, jedoch verdeutlichen, dass selbst harmlos oder gar positiv anmutende Einrichtungen eine dunkle historische Seite haben können. Umso positiver fällt die Blaue Synagoge auch als trotziges Zeichen eines lebendigen Judentums nach 1945 auf.

Je länger der viertägige Aufenthalt in Hannover andauert, desto wärmer wird es, da hilft auch der Maschsee nur temporär. Da mein Hotel weder über Klimaanlagen noch über Ventilatoren verfügt, verbringe ich so viel Zeit wie möglich im Freien. Ausnahmsweise sorgt eine ellenlange Schlange im Supermarkt mit dem Blick auf den Conti-Turm nicht für den sonst üblichen Missmut, denn das Geschäft ist hervorragend klimatisiert.

Braukunst und ein arabischen Fest 

Bewaffnet mit Wasserbeständen und einem eisgekühlten „Lindener Spezial“, geht es in die Innenstadt. Das Bier schmeckt dabei fabelhaft süffig, was angesichts 36 Grad kein ungefährliches Unterfangen darstellt, falls sich die Flaschen mehren. Und auch hier habe ich ein Stück Zeitgeschichte in der Hand. 1997 endete zwar der Braubetrieb in Linden, doch die Marke überlebte: Das Lindener Spezial wird bis heute in der Gilde-Brauerei gebraut und ist damit ein Stück lebendiger Lindener Biergeschichte. Das Wichtigste: Es schmeckt hervorragend.

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Angekommen – und inzwischen wieder auf Mineralwasser umgestiegen – scheint die Innenstadt fest in arabischer Hand. Passend dazu sind heute schon von Weitem die Klänge arabischer Musik zu hören. Es handelte sich um eine Neueröffnung – oder doch eine Art Jubiläum? – eines arabischen Restaurants. Ein junges Mädchen von vielleicht zehn Jahren, das trotz seines jungen Alters und 36 Grad Hitze Kopftuch trägt, fragt strahlend, ob man nicht etwas zu trinken haben möchte. Ein Junge im ähnlichen Alter bietet später einen Eintopf mit Brot an. Trotz der Freundlichkeit bleibt ein befremdliches Gefühl. Was man wohl hier von der Blauen Synagoge hält?


Der Autor lebt in Franken. Zu seinen Themenschwerpunkten gehören jüdisches Leben und Reiseberichte.

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