Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Roter Faden: „Sonnengesang“

Geschöpfe und Schöpfer    

Rom zeigt den heiligen Franziskus in der Kunst der Gegenwart. Im MAXXI-Museum wird er als Prophet für die Herausforderungen der Zukunft gefeiert. 
Pier Paolo Calzolari (Bologna, *1943): Ohne Titel, 1970, Tabakblätter auf Holzplatte und Metronom mit Feder auf Eisenbasis, (MAXXI-Kunstsammlung, Schenkung Claudia Gian Ferrari).
Foto: Rocco Thiede | Pier Paolo Calzolari (Bologna, *1943): Ohne Titel, 1970, Tabakblätter auf Holzplatte und Metronom mit Feder auf Eisenbasis, (MAXXI-Kunstsammlung, Schenkung Claudia Gian Ferrari).

Ein Museum für Gegenwartskunst und der heilige Franziskus – auf den ersten Blick passt das kaum zusammen. Doch daraus entwickelt die Ausstellung „Creature, Creatori. San Francesco e l’arte contemporanea“ im römischen MAXXI ihre besondere Kraft. Sie zeigt den Gründer des Franziskanerordens nicht als Heiligen vergangener Jahrhunderte, sondern als Menschen, dessen Fragen nach Armut, Frieden, Gott und der Verantwortung für die Schöpfung heute aktueller erscheinen denn je. 

Das MAXXI – Museo nazionale delle arti del XXI secolo im Stadtteil Flaminio im Norden Roms gehört zu den bedeutendsten Museen für Gegenwartskunst in Europa. Der von der Architektin Zaha Hadid entworfene Bau mit seinen geschwungenen Sichtbetonflächen, den Galerien, Schrägen, Rampen und freischwebenden Treppen und den daran anschließenden offenen Raumfolgen wurde 2010 eröffnet und ist angesichts der römischen Antike, der Renaissance und des Barock so vieler sakraler Bauten ein reizvoller Kontrast in der Ewigen Stadt. Oft finden sich in den dortigen Wechselausstellungen auch Werke, die Religionen und das Christentum kritisch hinterfragen. Das ist in dieser Sonderschau, die dem Hadid-Bau gegenüber gezeigt wird, anders. Mit Blick auf Franziskus von Assisi haben die Ausstellungsmacher bewusst auf Reliquien, historische Handschriften oder eine chronologische Lebensbeschreibung verzichtet. Stattdessen fragt Kuratorin Beatrice Buscaroli, welche Bedeutung Franziskus für Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts besitzt. Ausgangspunkt ist der „Sonnengesang“ (Cantico delle Creature), jenes um 1225 entstandene Lob der Schöpfung, in dem Franziskus Sonne, Mond, Wasser, Feuer und Erde als Geschwister bezeichnet. Diese ungewöhnliche Sicht auf Mensch und Natur zieht sich als roter Faden durch den Rundgang. 

Aus Holz und Bronze 

Am Eingang zur Ausstellung grüßt die lebensgroße, gesichtslose Holzfigur eines Mönches des Südtiroler Künstlers Aron Demetz, die er in diesem Jahr geschaffen hat. Aus dem Stamm eines Baumes grob herausgearbeitet und grau bemalt, zeigt sie Astlöcher, Jahresringe und Risse im Holz. Der Künstler lässt den Baum nicht verschwinden, sondern macht seine Geschichte zum Teil der Skulptur. Mensch und Natur erscheinen als Einheit – ein Gedanke, der unmittelbar an Franziskus erinnert, der Tiere, Pflanzen und Elemente als Mitgeschöpfe verstand. 

Nicola Samorì (Forlì, *1977), Crudo sasso, 2025   Öl auf rosa Onyx (Leihgabe des Künstlers).
Foto: Rocco Thiede | Nicola Samorì (Forlì, *1977), Crudo sasso, 2025 Öl auf rosa Onyx (Leihgabe des Künstlers).

Im Treppenhaus zur ersten Etage hört man Männerstimmen, die Gebete des Heiligen interpretieren. Auf halbem Treppenabsatz dann ein erster naturalistischer Wolf von Davide Rivalta. Alle weiteren Werke sind in einem Saal vereint. Dort fällt der Blick zuerst auf einen kleinen, knienden Elefanten. Was hat das mit dem heiligen Franz zu tun? Das Werk des Künstlerduos Bertozzi & Casoni aus Bronze und Porzellan beeindruckt mit der Demutsgeste des Tieres. Der Titel: „Ein Geschenk an den heiligen Franziskus“. Kunsthistorischer Verweis: Auch Bernini widmete sich prominent dem Elefanten – als Sockel eines Obelisken. 

Ein Klassiker der Moderne ist Giorgio Morandi (1896–1964), der mit einem Stillleben vertreten ist. Seine Flaschen, Krüge und Schalen wirken auf den ersten Blick unscheinbar, doch gerade ihre Reduktion lenkt den Blick auf das Wesentliche. Das hier ausgestellte Werk aus einer Privatsammlung stammt aus dem Todesjahr des Künstlers – stark reduziert im Farbton, fast grau und von einfachen Formen. Morandi interessierte sich weniger für Gegenstände als für Stille, Licht und Konzentration. Seine Malerei erinnert an die franziskanische Einfachheit, ohne religiöse Motive zu bemühen. 

Konzentration auf das Wesentliche 

Ein Klassiker italienischer Kunst ist auch Piero Manzoni (1933–1963) mit seinen berühmten „Achrome“ von 1960. Die farblosen Leinwände verzichten vollständig auf erzählerische Inhalte. Stoff, Struktur und Material werden selbst zum Bild. Manzoni befreit die Malerei von allem Überflüssigen und richtet die Aufmerksamkeit auf das Material. Auch hier entsteht eine Verbindung zu Franziskus: Nicht Besitz oder äußerer Glanz stehen im Mittelpunkt, sondern zeichenhafte Materialität. Reduziert arbeitet auch Jacopo Benassi. Sein Werk „Toter Christus“ verbindet Fotografie und Material zu einer eindringlichen Darstellung zweier Füße, die von einem dornigen Ast durchzogen werden. Die Arbeit verweist auf die Passion und die Nachfolge des heiligen Franziskus. Zwei Füße und die Spuren des Leidensweges als ikonische Metapher. 

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Einen malerischen Zugang wählt die 1974 geborene Künstlerin Chiara Calore. Ihre großformatigen Arbeiten zeigen Franziskus während seiner inneren Wandlung vom wohlhabenden Kaufmannssohn zum Armen von Assisi. Menschen, Tiere und Pflanzen gehen ineinander über und schaffen eine poetische Bildwelt, in der die Natur den Weg des Heiligen begleitet. Die Künstlerin interessiert sich weniger für historische Genauigkeit als für den Prozess der Veränderung, die Metamorphose als Zeitthema. Von ihr sind in der Ausstellung auch zwei kleine Keramikfiguren unter dem Titel „Verkündigung“ zu sehen. 

Besonders faszinierend ist die Interpretation des heiligen Franziskus durch Nicola Samorì, einen der bedeutendsten italienischen Maler der Gegenwart. Ausgangspunkt ist eine Darstellung des meditierenden Franziskus von de Ribera. Samorì ersetzt den Totenschädel durch einen Felsen, der an den Berg La Verna erinnert – jenen Ort, an dem Franziskus nach der Überlieferung die Wundmale Christi empfing. Aus der traditionellen Vanitas-Darstellung entsteht ein Bild, das Natur, Körper und Spiritualität zusammenführt. 

Zwischen Legende und Evangelium 

Mitten im Rundgang kommt es zu einem Wiedersehen mit dem lebensgroßen Bronze-Wolf von Davide Rivalta. Die Skulptur nimmt Bezug auf die bekannte Legende vom Wolf von Gubbio, den Franziskus der Überlieferung nach gezähmt haben soll. Rivalta verzichtet jedoch auf jede erzählerische Ausschmückung. Sein Wolf ist weder bedrohlich noch zahm. Er steht dem Menschen als Kreatur gegenüber und erinnert damit an Franziskus’ Verständnis einer Schöpfung, in der Mensch und Tier denselben Ursprung haben. Unweit des Wolfes wacht, ebenfalls von Rivalta, ein Adler aus Bronze und Wachs über den Raum. In ihrer Schlichtheit überzeugend sind die Arbeiten von Antonio Del Donno (1927–2020). Für seine Werkserie „Vangeli“ verwendet der Künstler alte Holztafeln, in die er Verse aus den Evangelien einbrennt. Schrift und Material verschmelzen zu einer Einheit. Das Holz wird nicht zum Bildträger, sondern selbst zum Ausdruck einer Spiritualität, die sich auf Einfachheit und Unmittelbarkeit gründet. 

Antonio Del Donno (Benevento, 1927–2020), Vangelo (Evangelium), 1974, mit Feuer graviertes Holz (Archiv Antonio Del Donno).
Foto: Rocco Thiede | Antonio Del Donno (Benevento, 1927–2020), Vangelo (Evangelium), 1974, mit Feuer graviertes Holz (Archiv Antonio Del Donno).

Andrea Mastrovito schlägt mit seinem Bild „Der heilige Franziskus empfängt die Wundmale“ eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ausgehend von einem Kupferstich Albrecht Dürers entwickelt er eine zeitgenössische Interpretation der Stigmatisation des heiligen Franziskus. Historische Bildtraditionen werden nicht kopiert, sondern weitergedacht. Franziskus erscheint nicht als Figur des Mittelalters, sondern als Mensch, dessen Fragen nach Frieden, Gewalt und Verantwortung bis in die Gegenwart reichen. 

Auftrag für die Gegenwart 

Auch andere Künstler der Ausstellung greifen franziskanische Themen auf. Mario Schifano verbindet Landschaft und Symbol zu einer poetischen Reflexion über Natur und Wahrnehmung. Paolo Canevari arbeitet mit vergoldeten Holzformen, die an spirituelle Monumente erinnern. Fulvio Di Piazza entwickelt dichte Landschaften zwischen Realität und Vision, während Marco Cingolani Franziskus’ Vogelpredigt in eine farbgewaltige Bildsprache überträgt. 

Viele Werke der Sonderschau, die bis Mitte September zu sehen ist, fragen nach der Verantwortung des Menschen gegenüber der Natur und den Mitmenschen. Unweigerlich stellt sich der Bezug ein zur Enzyklika „Laudato si’“ von Papst Franziskus, die den Sonnengesang des Heiligen zum Ausgangspunkt ökologischer und sozialer Verantwortung macht. Er vermittelt sich nur indirekt, doch die Parallelen sind offensichtlich. Viele Künstler thematisieren Verletzlichkeit, Nachhaltigkeit und den respektvollen Umgang mit der Umwelt, ohne daraus plakative Botschaften abzuleiten. Wer die Sonderschau des MAXXI verlässt, nimmt vielleicht in Gedanken weniger einzelne Kunstwerke als vielmehr eine Einstellung mit. Die Ausstellung macht deutlich, dass Franziskus weit mehr ist als eine historische Gestalt oder ein Patron der Tiere. Seine Sicht auf die Schöpfung eröffnet Perspektiven, die auch acht Jahrhunderte später überraschend modern wirken. Die Verbindung von zeitgenössischer Kunst und franziskanischem Denken erweist sich dabei nicht als Widerspruch, sondern als produktiver Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart. 

Mit „Schöpfer und Geschöpfe – San Francesco und die moderne Kunst“ ist dem MAXXI eine Ausstellung gelungen, die sowohl kunsthistorisch als auch inhaltlich überzeugt. Sie versammelt herausragende Positionen der italienischen Gegenwartskunst und zeigt, wie vielfältig sich Künstler heute mit Franz von Assisi auseinandersetzen. Wer Rom besucht und sich für Kunst, Spiritualität oder die Frage nach der Verantwortung des Menschen für die Schöpfung interessiert, sollte diese Ausstellung nicht verpassen. 

MAXXI – Museo nazionale delle arti del XXI secolo, Via Guido Reni 4A, 00196 Rom; bis 20. September 2026.


Der Autor ist Historiker und schreibt zu Kunst und Kultur.

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