Jüdisches Leben

Görlitz: Verfallene Orte jüdischen Lebens

Wer sich das Gestern als Ziel einer Reise wählt, gelangt in Görlitz an die verfallenen Orte jüdischen Lebens, denen vor langer Zeit die Menschen abhanden kamen. Ihre Geschichten aber hallen in den alten Bauten noch nach.
Ehemalige Kaufhaus Totschek in der Görlitzer Steinstraße
Foto: Thomas Schneider | Das ehemalige Kaufhaus Totschek in der Görlitzer Steinstraße. Innen bezeugen blankpolierte Dielen und hohe Säulen die Anmut der damaligen Architektur.

Auf Eisenwarenhändler Goldmanns Schaufenster werben große blassgelbe Lettern für sein Sortiment: Elektronikwaren, Staubsauger und Schrauben. Ein ganz gewöhnlicher Laden, wie es ihn vor 100 Jahren vielfach gab. Auch die hebräisch-deutsche Reklame wäre nicht besonders außergewöhnlich gewesen. Heute jedoch pressen neugierige Passanten ihre Nasen gegen die Scheibe, um besser ins Innere blicken zu können, in dem Blechtöpfe, Besteckkästen und Brotröster lagern, und das rotbraun schimmernde Holz der Verkaufstheke eine alte Kaufmannswaage trägt, von der etwas unwiderstehlich Nostalgisches ausgeht. Da haben Requisiteure ganze Arbeit geleistet. Bis vor einigen Tagen war das Geschäft in der Görlitzer Konsulstraße noch verwaist und wie das übrige Haus dem Verfall preisgegeben – ein Denkmal für das große Werden und Vergehen, verwittert, ganz und gar staubig und mit Spinnweben überzogen. Nun kehrt Leben in die alten Räume zurück, wenigstens solange, wie sie als Drehort für die Netflixserie Torstraße 1 dienen werden.

Ein Traum für Produzenten

Nicht nur dieser Laden, ganz Görlitz ist wegen der Vielfalt an original erhaltener Bausubstanz ein Traum für Film- und Fernsehproduzenten. Zwei Weltkriege hat Deutschlands östlichste Stadt fast unversehrt überstanden, und ein Großteil ihrer denkmalgeschützten Gebäude wurde glanzvoll saniert. Einige Bauten aber blieben Wind und Wetter, den Jahrzehnten und menschlicher Vernachlässigung ausgeliefert und präsentieren sich in verschiedenen Stadien des Verfalls, die von hinreißend hässlich über charmant morbide bis zu bedauernswert baufällig reichen. Um sie zu entdecken, ist die Hilfe des Vereins goerlitz21 e.V. nötig. Dessen Mitglieder haben es sich zur Aufgabe gemacht, die Verstecke der Vergangenheit aufzuspüren und Teilnehmern der von ihnen organisierten „lost places“-Touren zu verwahrlosten Fabrikanlagen zu führen, in ein lang geschlossenes Schwimmbad, durch lichtscheue Hinterhofhäuser und leere Hotelflure. In trotziger Einsamkeit kränkeln und altern diese Orte ihrem endgültigen Verfall entgegen. Einstweilen jedoch lotsen die Ruinen in die alte Welt von Görlitz zurück und bewahren sie auf diese Weise vor dem Vergessen.

Viele Orte jüdischen Lebens

Unter den lost places finden sich auffallend viele Stätten jüdischen Lebens, so wie die Kaufhäuser der Familien Totschek und Stiasny. Nur zwei Beispiele von eindrucksvoll verwahrlosten Gebäuden. Bei Stiasny erblüht die Nostalgie unter einem mit Glas überdachten Lichthof, der auf zwei Etagen von Galerien mit kunstvoll geschmiedeten Eisengeländern umlaufen wird, während bei Totschek von abertausenden Schritten blankpolierte Dielen und hohe Säulen die Anmut der damaligen Architektur bezeugen. Melancholie liegt hier in der Luft, ein „As time goes by“-Gefühl, das sich aller verlassener Orte bemächtigt, die sich durch die Zeit retten konnten. Obwohl man ihren verwitterten Mauern überdeutlich ansieht, dass auch sie keine Existenzberechtigung für die Ewigkeit haben, scheinen ihre Zukunftsreserven noch längst nicht aufgebraucht. Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff beschrieb diesen Eindruck der Unvergänglichkeit so: „Bestimmte Orte lassen einen glauben, das eigenen Leben habe dort schon stattgefunden, bevor man es selber erlebt hat, oder könnte dort ewig weitergehen.“

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Jenseits dieser Illusion und gut hinter dem romantischen Schauwert des Ortes verborgen liegen jedoch die Geschichten individueller und kollektiver Schicksale. Wie viele jüdische Kaufleute und Fabrikanten, die vor 1939 das Wirtschaftsleben der Stadt prägten, haben auch die Stiasnys und Totscheks einmal als angesehene Mitglieder der Görlitzer Gesellschaft dazugehört. Ihre beiden dekorativ verlotterten Kaufhäuser erzählen beispielhaft von großen Hoffnungen, von Erfolg und gesellschaftlicher Anerkennung, aber auch von Verrat, von Enteignung, Vertreibung und Vernichtung. Die Totscheks konnten gerade noch rechtzeitig in die USA fliehen, bevor die Nazis Juden die Ausreise endgültig verboten. Louis Sigismund Stiasny starb bereits vor Hitlers Machtergreifung, seine Frau Julie aber wurde 1943 nach Westerbork deportiert und im Alter von 82 Jahren im Konzentrationslager Sobibor ermordet.

Das bauliche Erbe blieb

Der letzte jüdische Gewerbebetrieb in Görlitz schloss im August 1939. Am Ende des Krieges waren die Juden der Stadt geflohen, vertrieben oder ermordet worden. Zurück blieb ihr bauliches Erbe, zu dem neben den Kaufhäusern auch Arzt- und Rechtsanwaltspraxen, Fabriken, Villen, zwei Synagogen und ein Friedhof gehören. Beth Olamin, Haus der Ewigkeit, werden jüdische Friedhöfe genannt, weil hier die Unantastbarkeit der Ruhestätten gilt. Auch in Görlitz sind bereits ganze Generationen greiser Grabstätten versammelt. Efeuumrankte Stelen lehnen sich stützend aneinander, andere neigen sich in tiefer Verbeugung und vielen wächst ein dickes Fell aus Moos und Flechten. Frost sprengt Risse in die Steine, höhlt ihre Standfestigkeit aus, bis sie umfallen und ihre Inschriften dem Himmel direkt entgegenhalten. Im hinteren Teil des Friedhofs erinnert eine Denkmalanlage an die jüdischen Häftlinge, die in dem nahe gelegenen Außenlager des KZ Groß-Rosen ums Leben gekommen und in Massengräbern verscharrt worden sind. Sieben Stahlstelen mit eingelassenen Tafeln, die die Namen aller bislang bekannten Opfer tragen, und ein am Boden eingelassenes Zitat aus Jesaja 56,5: „Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird.“ So werden auch Jakob Adler, Moses Dormitz, Aron Goldkranz, Samuel Rosenfeld und Pinkus Zucker genauso zur Erinnerung an einen Görlitz-Besuch gehören wie die hier ebenfalls bestatteten Mitglieder der Familie Totschek und Stiasny und wie eine der schönsten Synagogen, die es in Deutschland gibt.

Görlitzer Synagoge wurde in der DDR zur Ruine

Die Görlitzer Synagoge hat nämlich als eines der wenigen großen jüdischen Gotteshäuser den Brandanschlag in der Pogromnacht am 9. November 1938 beinahe unversehrt überstanden, verfiel in der DDR aber zur Ruine. Erst als das Gebäude im Jahr 2012 zum Baudenkmal von nationaler Bedeutung erklärt wurde, begannen umfangreiche Sanierungsmaßnahmen, und im Juli 2021 konnte die Wiedereröffnung gefeiert werden, allerdings nicht als Gotteshaus, sondern als Kulturforum Görlitzer Synagoge – ein erhabener Veranstaltungsort für Konzerte, Kongresse und Lesungen. Für die jüdische Gemeinde ist zunächst nur Platz in der kleinen Wochentagssynagoge vorgesehen. Die ersten Gottesdienste fanden aber bereits statt, und am Ende des Jahres soll auch ein Davidstern vom Kuppeldach verkünden, dass in dieser Stadt wieder Juden daheim sind.

Auch in das vom jüdischen Kaufmann Louis Friedländer erbaute herrschaftliche Warenhaus am Demianiplatz wird wieder neues Leben einziehen, eines, das über das temporäre Dasein als Filmkulisse hinausgeht. Mit seinen riesigen Kronleuchtern unter dem farbigen Glasdach hat das Gebäude schon Karriere in Filmen wie Grand Budapest Hotel, Der Vorleser oder der eingangs erwähnten Netflixserie gemacht. Nun rückt die Wiedereröffnung eines der besterhaltenen Jugendstilkaufhäuser Deutschlands als KaDeO, Kaufhaus der Oberlausitz, näher, und im Kaufhaus Totschek sollen Büros für kleine Start-ups entstehen. So viele andere lost places sind ebenfalls zu schön, um ihnen nur beim Vergehen und Verschwinden zuzuschauen. Besucher müssen sie dennoch mit der Furcht verlassen, sie nicht wiederzusehen. Die blassgelben Lettern auf Eisenwarenhändler Goldmanns Schaufenster sind auch längst wieder hinter vernagelten Brettern verschwunden.

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