deutsches Judentum

Juden sind seit 1700 Jahren „Säulen des Lebens unserer Stadt“ Köln

Juden wurden für die römische Siedlung Colonia Claudia in Deutschland schon 321 urkundlich erwähnt, da hatte hierzulande niemand jemals von einem Jesus Christus gehört. Diese 1700 Jahre jüdischen Lebens begeht die Stadt mit vielen Veranstaltungen. Das Kunstmuseum des Erzbistums Köln, Kolumba, präsentiert sich ein Jahr lang als jüdisches Museum, das die jahrhundertelange jüdische Geschichte Kölns darlegen will.
Ausstellungseröffnung In die Weite in Köln im Museum Kolumba. Detailansicht des Reliefs Siegeszug der Römer mit Kultger
Foto: Klaus W. Schmidt, imago-images | Ausstellungseröffnung In die Weite in Köln im Museum Kolumba. Detailansicht des Reliefs Siegeszug der Römer mit Kultgeräten aus dem Tempel in Jerusalem nach der Eroberung der Stadt .

Das Betreten von Raum 9 mutet wie der Eintritt in eine Dunkelkammer an. Im gedämpften Licht werden die ausgestellten Objekte durch die geschickt gewählte Form der Ausleuchtung erst nach und nach erkennbar. Zahlreiche Kartons sind in einem funktionalen Regal an einer Wand sorgfältig bis unter die Decke gestapelt. In den Vitrinen in der Raummitte befinden sich Textilien unterschiedlicher Größen sowie Briefe, Zeichnungen und rituelle Gegenstände. Alle versammelten Objekte bilden die Genisa aus Niederzissen – oder mit anderen Worten: das Museum im Museum. Hier, dem Herzstück der neuen Dauerausstellung, wird in mehrfacher Hinsicht seh- und fühlbar, warum „Köln nun für knapp ein Jahr lang ein jüdisches Museum hat“, so Stefan Kraus.

Der Direktor und die Kuratoren von „Kolumba“, dem Kunstmuseum des Erzbistums Köln, werfen einen Blick „In die Weite. Aspekte jüdischen Lebens in Deutschland“. Als Kooperationspartner sind die Experten vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) dabei, die für das derzeit im Bau befindlichen „LVR – Jüdisches Museum im Archäologischen Quartier (MiQua)“, nur wenige Meter vom Kunstmuseum entfernt, verantwortlich zeichnen. Ausgangspunkt für die mit hochwertigen und aussagekräftigen Objekten aus dem In- und Ausland sowie Objekten aus der eigenen Sammlung ergänzte Ausstellung ist das laufende Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“.

Vorschriften über den Gebrauch religiöser Dinge

Mit der eingangs erwähnten Genisa wird der selbst gesetzte Anspruch, die vielfältigen Stationen, Entwicklungen, Höhepunkte, Brüche und Umbrüche in den 1 700 Jahren jüdischer Kultur und Geschichte zu erzählen sowie existenziell und emotional erfahrbar werden zu lassen, in besonders bewegender Weise erfüllt.

Gemäß dem Talmud, eines der ältesten jüdischen Schriftwerke des Judentums überhaupt, heißt es, dass man nicht mehr verwendbare, meist religiöse Schriften sowie Gegenstände für den rituellen Gebrauch „an einen geschützten Ort legen soll, an dem sie von selbst vermodern“. Genisa heißt ein solches Depot, wobei das nun in Köln ausgestellte im Jahr 2009 auf dem Dachboden der ehemaligen Synagoge Niederzissen gefunden wurde und vollständig geborgen werden konnte.

Jedes einzelne Objekt dieser von 1510 bis 1938 bestehenden Gemeinde erzählt individuelle Geschichten, die ein Bild von der Geschichte der Gemeinde mit ihren rund 600 Angehörigen und deren Lebensumfeld ergeben. „Die Gegenstände, Zettel oder Dokumente liefern Stichworte und nehmen uns wie ein Türöffner mit hinein in den geschilderten Lebenszustand oder historischen Kontext, in dem sie stehen“, beschreibt es Kurator Marc Steinmann. Beispiele sind synagogalen Textilien aus rund 300 Jahren, der Brief eines jüdischen Soldaten nebst Zeichnung von 1807 oder religiöse Schriftstücke.

Zwischen Judentum und Christentum wandern

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Szenenwechsel: Einige Räume weiter stehen die Besucher im größten Ausstellungsraum, der von einer sogenannten Sukka beherrscht wird. Diese Laubhütte von 1920 aus der Synagoge in Rottenburg-Baisingen wurde zum Laubhüttenfest errichtet, mit dem die Juden ihren Erntedank sowie zugleich an die 40 Jahre der Wanderung durch die Wüste nach dem Auszug aus Ägypten erinnern. Im Hintergrund des Objekts entdecken die Besucher einerseits jenes elfenbeinerne Kruzifix aus dem zwölften Jahrhundert, das wie losgelöst an der Wand zu schweben scheint. Andererseits ist „Der Wanderer“ zu sehen, eine aus Holz, Blech, Textilien und Zweigen bestehende Installation von Michael Buthe (1944–1994). Ein Hinweis auf die Einladung des Museums, zwischen Judentum und Christentum zu wandern und sich, so Stefan Kraus, mit den „Geschichten eines Jahrhunderte währenden Zusammenlebens, das sich zwischen Miteinander und Ausgrenzung bewegt“, zu begegnen?

Ausgrenzung sowie die damit verbundenen Stichworte wie Demütigung, Verfolgung, Vernichtung werden im Verlaufe des Rundgangs thematisiert. Damit werden die Besucher gleich am Eingang konfrontiert. Dort steht als Gipsabdruck ein großes Relief vom Titusbogen in Rom, auf dem der Siegeszug der Römer mit Kultgeräten aus dem Tempel in Jerusalem zu sehen ist. Im Raum mit dem Ausblick auf den Kölner Dom befindet sich neben der „Madonna mit dem Veilchen von Stefan Lochner (um 1400 bis 1451) sowie einem Evangeliar (zwölftes Jahrhundert) aus St. Godehard in Hildesheim auch eine Schale aus dem Domschatz von Halberstadt.

„Ausgrenzung ist ebenso ein Teil der jüdischen Geschichte
wie auch die jahrhundertealten Beiträge, Prägungen und Bereicherungen
für den Alltag, Kultur und Gesellschaft durch das Judentum“

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Am Rand dieses Objekts aus dem 13. Jahrhundert, das als Sockel für eine Darstellung einer Figur des für seinen Glauben gesteinigten Heiligen Stephanus diente, befinden sich vier Figuren – Steine werfende Juden. In einem anderen Raum liegt in einer Vitrine das Manuskript vom „Roman eines Schicksallosen“ von Imre Kertez, in dem der ungarische Jude die nationalsozialistischen Verbrechen schildert. Beim Rundgang stoßen die Besucher auch auf eine im Raum installierte Stange. Daran fährt ein ramponierter Koffer auf und ab, klappt auf und zu und zeigt in seinem Inneren einen mit rotem Band angehefteten Davidstern. „Berlin Earthbound“ nennt die 1944 geborene Rebecca Horn ihre mechanisierte Skulptur, mit der sie vor dem Bild der Kofferberge in Auschwitz an das dort ausgelöschte jüdische Leben erinnert. Die erwähnte jüdische Gemeinde Niederzissen gibt es seit dem Nationalsozialismus nicht mehr.

Die Verbindung historischer Kontexte und Fakten mit ästhetisch-künstlerischen Annäherungen und Korrespondenzen ist ein spannendes und spannungsgeladenes Experiment der Ausstellungsmacher, um das eigentlich Unsagbare, das nicht in Worte zu fassende Leid von Menschen jüdischen Glaubens durch Pogrome bis hin zum Holocaust zu thematisieren. Ausgrenzung ist ebenso ein Teil der jüdischen Geschichte wie auch die jahrhundertealten Beiträge, Prägungen und Bereicherungen für den Alltag, Kultur und Gesellschaft durch das Judentum. Aspekte jüdischen Lebens in Deutschland sind auch Aspekte des gemeinsamen Lebens – wie beispielsweise ein Blick auf die archäologischen Funde, darunter viele Alltagsgegenstände, zeigt, die bei den Ausgrabungen des mittelalterlichen jüdischen Viertels in der Kölner Innenstadt gefunden wurden.

Ein Erlass des Kaisers Konstantin belegt die Anwesenheit der Juden

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Ein anderes Beispiel sind die mittelalterlichen Stundenbücher mit Darstellungen der Beschneidung Jesu, die mit einer Beschneidungsbank sowie einem Tora-Vorhang korrespondieren. Immer wieder werden Bezüge und Gemeinsamkeiten im Christlichen und Jüdischen herausgestellt. Sehr zu empfehlen ist zudem das im Taschenbuchformat erhältliche rund 170 Seiten starke Ausstellungsheft. Darin werden neben Anmerkungen zu einzelnen Objekten lesenswert Zusammenhänge dargestellt und Einblicke in jüdisches Leben gegeben.

Wie bedeutend und aktuell die neue Jahresausstellung von christlicher und jüdischer Seite gesehen wird und welche Hoffnungen sich damit verbinden, zeigte sich wenige Tage vor dem offiziellen Ausstellungsbeginn. Ein namhafter Kreis hatte sich in „Kolumba“ am späten Abend versammelt, um den Empfang der ältesten erhaltenen Abschrift des Dokuments aus dem Jahr 321, das als Geburtsstunde des deutschen Judentums gilt, zu würdigen. „Dieser Erlass dokumentiert, dass schon im Jahr 321 jüdische Bürger ganz selbstverständlich Säulen des Lebens in unserer Stadt waren“, stellte der Erzbischof von Köln, Reiner Maria Kardinal Woelki, bei der Einbringung des Dekrets in die Ausstellung fest.

Juden durften in der Verwaltung ausdrücklich öffentliche Ämter bekleiden

In dem Erlass des römischen Kaisers Konstantin heißt es: „Allen Stadträten gestatten wir, die Juden in die Kurie zu berufen.“ Mit diesem Satz entsprach der damalige Herrscher einer Anfrage des Stadtrats von Köln, Hauptstadt der Provinz Niedergermanien (Germania Inferior), ob Juden in der Stadtverwaltung öffentliche Ämter bekleiden dürfen. Die zwei Blätter befinden sich im Codex Theodosianus aus dem sechsten Jahrhundert.

Ulrike Lubek, Direktorin des LVR, sieht in dem Dekret von Kaiser Konstantin „ein Symbol für den gemeinsamen Wertekanon, der uns seit Jahrhunderten verbindet“. Sichtlich bewegt verfolgte Abraham Lehrer, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland sowie Vorstandsmitglied der Synagogen-Gemeinde Köln, wie die massive Kiste von zwei kräftigen Möbelpackern, die das morgens in Rom aufgegebene Gepäckstück nachmittags am Frankfurter Flughafen abgeholt und nach Köln gefahren hatten, nach und nach geöffnet wurde, bis schließlich das sorgfältig verpackte Dokument zum Vorschein kam. Nachdem er sich weiße Handschuhe übergestreift hatte und die Abschrift selbst in Händen hielt, betonte Lehrer: „Ich verspreche mir viel davon, dass in dieser Ausstellung nun der Beweis dokumentiert wird, der die jahrhundertelange jüdische Geschichte belegt.“


Kolumba Museum, Kolumbastraße 4, 50667 Köln. Bis 15. August 2022,
täglich außer dienstags 12.00 bis 17.00 Uhr.

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