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"One Life": Anthony Hopkins würdigt "britischen Oskar Schindler"

Der britische Film „One Life" erzählt auf zwei Zeitebenen von der Rettungsaktion jüdischer Kinder im Prag des Jahres 1938.
One life
Foto: Square One | Im Jahr 1988 wird der fast achtzigjährige Sir Nicholas Winton zu einer Fernsehsendung eingeladen, die seine Verdienste für die "Kindertransporte" von jüdischen Kindern aus Prag im Jahr 1938 würdigt.

London, 1988: Die BBC-Show „That’s Life” lädt Sir Nicholas “Nicky” Winton zu einer Sendung ein. Ein paar Wochen zuvor war der inzwischen 79-Jährige beim Aufräumen seines Büros auf Unterlagen gestoßen, die ein halbes Jahrhundert dort gelagert waren. Darin hatte Winton Fotos und Listen von 669 Kindern festgehalten, deren Ausreise nach England er als Mitglied des Britischen Komitees für Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei (BCRC) vor dem Einmarsch der deutschen Truppen organisiert hatte. Die überwiegend jüdischen Kinder wurden dadurch vor dem sicheren Tod gerettet. 

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Ausschnitte aus der Sendung sind beispielsweise auf YouTube zu sehen. Das investigative Nachrichtenmagazin „60 Minutes“ des US-Fernsehsenders CBS widmete Nicholas Winton ebenfalls eine Sendung, in der hervorgehoben wurde, außergewöhnlich sei es gewesen, dass er 50 Jahre lang kaum jemandem davon erzählt habe, weshalb die geretteten Kinder ebenfalls 50 Jahre lang nichts darüber gewusst hätten, wer sie gerettet habe. 

Einladung nach Prag

Im selben Jahr verfasste Wintons Tochter Barbara Winton eine Biografie ihres Vaters mit dem Titel „If it’s Not Impossible…: The Life of Sir Nicholas Winton“. Auf der Biografie basiert der Spielfilm „One Life“, der seine Weltpremiere beim Toronto International Film Festival 2023 feierte. Der Filmtitel spielt auf das bekannte hebräische Sprichwort „Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.“

Die Drehbuchautoren Lucinda Coxon und Nick Drake erzählen nicht linear, sondern verknüpfen die zwei Zeitebenen 1938 und 1988 miteinander.

Video

Die Zeitebene des Jahres 1938 hat als Handlungsort vorwiegend Prag. Kurz vor Weihnachten 1938 erhält Nicholas Winton (Johnny Flynn), ein erfolgreicher Broker in London, einen Anruf von seinem guten Freund Martin Blake, der wie er selbst Mitglied der Labour-Partei ist, um Winton nach Prag einzuladen. In Prag lernt Winton Doreen Warriner (Romola Garai), die Leiterin des Prager Büros des Britischen Komitees für Flüchtlinge aus der Tschechoslowakei (BCRC), kennen.

Bürokratie

Durch deren Vermittlung trifft Nicholas Winton einige Wochen nach dem Münchner Abkommen in Prag auf Familien, die vor dem Aufstieg der Nazis in Deutschland und Österreich geflohen sind. Sie leben in ärmsten Verhältnissen, ohne Unterkunft und Nahrung und fürchten den Einmarsch der Nationalsozialisten. Der Londoner Broker setzt alles daran, Hunderte von Kindern zu retten, denen in den Konzentrationslagern der sichere Tod droht. Unter Einsatz seines Lebens organisiert er „Kindertransporte“ nach England.

Nicholas kann auf die tatkräftige Hilfe von seiner Mutter Babette (Helena Bonham Carter) zählen, selbst eine deutsch-jüdische Migrantin, die inzwischen zur Kirche von England konvertiert ist. Ihr gelingt es, bürokratische Hürden zu überwinden, Spenden zu sammeln und Pflegefamilien für die nach England geholten Kinder zu finden. Viele von ihnen sind Juden, denen unmittelbar die Deportation droht. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, da unklar ist, wie lange die Grenzen noch offen sind. Am Ende gehören zu „Nickys Liste“ 669 jüdische Kinder, die in England Zuflucht finden.

50 Jahre später, im Jahr 1988, wird Nicky (nun gespielt von Anthony Hopkins) noch immer vom Schicksal der Kinder verfolgt, die er nicht nach England in Sicherheit bringen konnte. Der alte Nicholas macht sich immer wieder Vorwürfe, weil er nicht mehr getan hat. Nachdem er seine Unterlagen wiedergefunden hat, trifft er seinen alten Freund Martin Blake (nun dargestellt von Jonathan Pryce), um zu überlegen, was er damit tun soll. Zunächst erwägt Winton, sie einem Holocaust-Museum zu spenden. Doch schließlich gelangen die Unterlagen in die Hände des Produktionsteams von „That's Life!“.

Handwerklich solide

Die von der BBC produzierte TV-Show mit Moderatorin Esther Rantzen ermöglicht ein überraschendes Wiedersehen mit einigen überlebenden „Kindern“, die inzwischen erwachsen sind. Nicholas Winton erhält dadurch die Chance, sich mit seinem Kummer auseinanderzusetzen, den er fünf Jahrzehnte lang mit sich herumgetragen hat.

Regisseur James Hawes setzt auf Nummer Sicher: Das Drama „One Life“ setzt keine neuen filmischen Maßstäbe. Es konzentriert sich stattdessen auf die Figuren und eine handwerklich solide Inszenierung einschließlich Produktionsdesign, um das Jahr 1938 glaubwürdig ins Bild zu setzen. Die emotionale Geschichte spricht für sich. Das hervorragende Spiel nicht nur von Anthony Hopkins, sondern auch von Johnny Flynn als jüngerem Winton trägt in hohem Maße zur Glaubwürdigkeit bei.

Nicholas Winton starb 2015 im Alter von 106 Jahren – ein Jahr zuvor hatte er noch ein Interview für die erwähnte Sendung „60 Minuten“ gegeben. Seine Tochter Barbara Winton, die an dem Film „One Life“ mitwirkte, starb mitten in den Dreharbeiten im September 2022.

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