Welterbe

Arequipa in Peru: Ruhe und pralles Leben

Streifzüge durch eine Stadt der Gegensätze: Im Süden Perus lockt Arequipa, deren Zentrum Unesco-Weltkulturerbe ist, mit großstädtischem Gewimmel und Ruheoasen, mit christlichen Monumenten und schamanischen „Zauberständen“.
Abendbesuch im Kloster Santa Catalina
Foto: Andreas Drouve | Hier strömt die Ruhe dahin: Abendbesuch im Kloster Santa Catalina.

Arequipa ist eine der schönsten Städte von ganz Süd-Amerika“, schwärmte der deutsche Mediziner Franz Julius Ferdinand Meyen 1835 in seinem Bericht „Reise um die Erde“ und ließ detaillierte Bilder folgen: „Die Plaça der Stadt ist ein grosser und schöner vierseitiger Platz, der gegen Norden von der Cathedrale und auf den drei anderen Seiten mit grossen, zweistöckigen Häusern eingefasst ist, welche unten mit Corridoren versehen sind, in denen die Fussgänger gewöhnlich ihren Weg nehmen. (...) In der Mitte des Platzes steht eine prachtvolle Fontaine, aus der das Wasser dreimal glockenförmig herabfällt.“ Misst man Meyens historische Reiseskizzen an der Gegenwart, überrascht, dass sich die Eindrücke vom Hauptplatz eins zu eins decken. Ganz so, als habe sich die Patina der südperuanischen Anden schützend über die Szenerie gelegt, doch der Eindruck täuscht. Seit Meyens Besuch hat sich Arequipas Einwohnerzahl von 30 000 in etwa vervierzigfacht, die Kathedrale ist nach Brand- und Erdbebenschäden umfassend ausgebessert worden. Und die Beobachtung, dass die Häuser „sämmtlich von einem weissen Trachyte erbaut“ sind, ist überholt. In den weit ausgreifenden Außenbezirken, den Zuzugspolen der Landflucht, kleben kärgliche Baracken an den Hängen, oft ohne Wasseranschluss.

Beeindruckend wie zu Meyens Zeiten sind die umliegenden Fünf- und Sechstausenderkulissen der eisgekrönten Vulkane Chachani, Picchu Picchu und Misti geblieben. Gelegentlich stößt der Misti, der sich in konischer Musterkegelform wie ein gigantischer Wächter über der Stadt erhebt, einen Rauchgruß aus Fumarolen aus. Auf die französische Literatin Flora Tristan (1803-1844) übte er magische Kraft aus. Dem Reisenden müsse sich der Gedanke aufdrängen, „dass hier andersartige Wesen ihr geheimnisvolles Leben führen, beschützt und abgeschirmt durch die riesenhafte Erhebung des Vulkans, dessen Anblick fast die Sinne betäubt“, schrieb sie in „Meine Reise nach Peru“. Gleichwohl steht der Misti für latente Gefahr. „Sein Krater liegt sechzehn Kilometer vom Zentrum entfernt, bei einem Ausbruch könnte Arequipa verschwinden“, sagt Lokalführer Fredy Torres, der Traveller in den höheren Vorstadtlagen zu den besten Vulkanaussichtspunkten Carmen Alto und Yanahuara bringt.

Eine Stadt in der Stadt

Arequipas koloniale Altstadt zählt zum Welterbe der Unesco. Highlight ist – über den Kathedralplatz hinaus – das Kloster der Dominikanerinnen. Dieses 1579 aus der Taufe gehobene Monasterio de Santa Catalina ist ein Labyrinth aus Gassen, Kreuzgängen, Höfen und Winkeln und bewahrt die Aura einer fernen, weltentrückten Vergangenheit. „Hier kamen Mädchen mit zwölf oder vierzehn Jahren samt reicher Zuwendungen ihrer Familien hinein und nicht mehr heraus“, sagt Führerin Valerie. Einst lebten in der hermetisch abgeschirmten Anlage bis zu 150 Nonnen samt mehreren hundert Bediensteten. Heute sind es 17 Ordensschwestern und vier Novizinnen, die die Klausurtrakte aus freien Stücken bewohnen. Die größten Teile des Glaubensbollwerkes sind für Besucher zugänglich, wobei sich der Kontakt zu den Nonnen auf ein Video beschränkt, das im Andenkenladen eingespielt wird. Und auf den Kauf von Artikeln aus Eigenproduktion: Petersilienseife und eine Pomade aus Rosenblättern.

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„Eine Stadt in der Stadt“ nennt man das 20 000 Quadratmeter umfassende Kloster, das der heiligen Katharina von Siena geweiht ist. Als Flora Tristan die Anlage besuchte, nahm sie bei der Oberin eine überraschend edle Hausausstattung wahr: ein kostbarer Teppich, ein silberner Kerzenleuchter und eine Konsole mit mehreren Vasen, dazu ein „lackiertes Eisenbett mit einer Matratze aus englischem Drillich und Batistlaken mit spanischer Spitze.“ Derlei Domizile samt zugehöriger Küchen lassen sich heute durchschreiten, besonders stimmungsvoll dienstags und donnerstags abends, wenn vielerorts Kerzen brennen, Kamine entzündet sind und Gassen und Höfe im warmen Licht der Laternen erstrahlen. Einer der Zugänge führt in die Gemächer der seliggesprochenen Mystikerin Ana de los Ángeles Monteagudo, die 1686 verstarb. Über ihrem Bett sind Kleidungsstücke drapiert, darüber hängt ein kleines Christuskreuz.

Aus der Stille in den Rummel

Die Rückkehr aus der Stille der Klosterstadt in Arequipas Alltag gleicht einem Kulturschock. Plötzlich sind sie umso intensiver da, die Wimmelbilder aus eifrigen Karrenschiebern und Bauchladenträgern, die zähen Verkehrsströme und die Hupkonzerte, die den Verkehrsalltag sinnentleert dauerbeschallen. Hupen gilt Peruanern als liebster Zeitvertreib am Autosteuer. Gut, dass es weitere Fluchtburgen der Ruhe gibt. Ideale Anlaufstation ist der historische Jesuitenkomplex. Er setzt sich zusammen aus der reich dekorierten Kirche La Compañía, der komplett ausgemalten Kapelle San Ignacio de Loyola und einem Kreuzgangdoppel mit überbordendem Blumenschmuck und barock reliefierten Säulen.

Das pralle Leben kehrt aufs Neue ein paar Häuserblocks entfernt im Mercado San Camilo zurück, der Markthalle. Überall schichten Verkäufer Berge aus Zwiebeln und Paprika auf, dazu symmetrische Megakunstwerke aus Mandarinen, Orangen, Papayas. Die Auswahl an Kartoffelsorten ist ebenso enorm wie jene an Fruchtsäften, Fleisch, Maiskolben, Käsekloben, Gebäck. Topfreparateure gehen mit metallenen Schlägen zu Werke, ausgebeulte Pfannen bekommen neue Griffe und Messer einen frischen Schliff. Etwas abseits führt Lokalguide Fredy zu „Zauberständen“, wie er sie nennt, und deutet auf getrocknete Lamaföten. Diese gelte es, einem Schamanen zu übergeben, der sie der Erde opfert. Von den „Heiler-Schamanen“, die am Markt San Camilo werbeträchtig ihre Dienste anbieten, hält Fredy nichts: „Richtige Heiler, wie ich sie aus dem Gebirge kenne, hängen keine Plakate auf und verlangen kein Geld, sondern höchstens etwas zu essen.“

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