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Wissenschaft ohne Gott?

Wieso gibt es eigentlich Naturgesetze? Anmerkungen zu den Voraussetzungen, unter denen Menschen Naturwissenschaft betreiben.
Symbolbild Wissenschaft
Foto: Adobe Stock (245915567) | Wissenschaft wird heute meist als Naturwissenschaft verstanden. Doch auch ihr liegen gewisse philosophische Annahmen zugrunde.

Naturwissenschaft gilt als Wissenschaft schlechthin. Nur Naturwissenschaften sind im Englischen „science“. Die naturwissenschaftliche Forschungsmethodik gilt als das Paradigma von Wissenschaftlichkeit: exakt, beobachtbar, zweifelsfrei. Der Siegeszug der Naturwissenschaften in den letzten 300 Jahren könnte triumphaler kaum sein. Unser Wissen über die Natur verdoppelt sich in immer kürzeren Zeitabständen, während Philosophen seit 3000 Jahren die gleichen Fragen stellen – und diese immer noch nicht zur Zufriedenheit aller beantworten können.

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Kaum jemand wagt noch zu fragen, was eigentlich die Voraussetzungen für diesen immer stärker beschleunigenden Triumphzug sind. Ja, haben denn die Naturwissenschaften überhaupt Voraussetzungen, von denen sie abhängen? Erschöpfen sich diese nicht in der Natur allein und den kulturellen Segnungen von Empirismus und Rationalismus, Aufklärung und Moderne? Ganz so einfach ist es wohl nicht. Im Wesentlichen sind es fünf Punkte, die wir (stillschweigend) voraussetzen.

Erstens: Raum und Zeit. Wir setzen voraus, dass die Bedingungen der Möglichkeit, über Veränderungen in der Natur zu sprechen, gegeben sind – nämlich Raum und Zeit – und dass diese selbst unveränderliche Kategorien sind, mit denen wir die Veränderungen beschreiben können. Wir setzen also ein raumzeitliches Kausalprinzip voraus, auf dem unsere Analyse der Natur als ein System mechanistischer Zusammenhänge allein basieren kann, weil diese nur so erkennbar hervortreten.

Zweckfreiheit

Messen bedeutet nämlich, das Unbekannte mit dem Bekannten zu vergleichen. Da Maßeinheiten wie „Meter“ oder „Sekunde“ selbst durch die Natur definiert werden, wird hier eine Konstanz bestimmter Naturphänomene vorausgesetzt, auf die andere Naturphänomene in ihrer raumzeitlichen Charakteristik bezogen werden. Das klingt zirkulär. Probleme bereitet es – unter der Bedingung, dass die Voraussetzung gilt – in der Praxis naturwissenschaftlicher Arbeit nicht. Das bedeutet aber nicht, dass die Voraussetzung bewiesen ist, sie hat sich bisher lediglich bewährt.

Zweitens: Zweckfreiheit. Wir setzen – daran anknüpfend – weiterhin voraus, dass die Natur zweckfrei ist. Es ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich, als Mensch gänzlich ohne Zweckbezug zu denken, wie es die naturwissenschaftliche Methode fordert, die in ihrer Welterklärung auf jede metaphysische Annahme verzichten will.

Die in den Naturwissenschaften methodologisch begründete Ausklammerung von Gedanken, die sich auf Zweck, Ziel und Sinn der Welt richten, impliziert freilich nur dann, dass sich solche Gedanken erübrigt haben, wenn man davon ausgeht, dass eine naturwissenschaftliche Beschreibung der Welt ohne Rest aufgeht. Das kann hingegen weder vorausgesetzt noch geschlussfolgert werden. Das Einzige, was man damit sagen kann, ist, dass die Frage nach Zweck, Ziel und Sinn der Welt (also: nach Gott) nicht naturwissenschaftlich beantwortet werden kann.

Man kann nun allerdings nicht die Gottesfrage methodologisch ausklammern und eine dann ausbleibende Antwort als Indiz für die Sinnlosigkeit der Gottesfrage werten, wie das manchmal vorschnell geschieht. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Gott naturrelevant wirkt, ohne dass dies mit der naturwissenschaftlichen Methode bemerkt werden könnte, weil das Wirken entweder in den Erklärungen aufgeht (so etwa in der Theistischen Evolution, im Gedanken des untrennbar in die Natur eingewobenen Schöpfergeistes) oder aber jenen Teil der Natur betrifft, der (noch) nicht naturwissenschaftlich erklärbar ist (das wäre der Gottesbegriff des Intelligent Design).

Anschauung und Bedeutung

Drittens: Anschauung und Bedeutung. Wir setzen – das scheint trivial – ferner voraus, dass wir uns die Natur anschauen müssen, um etwas über sie aussagen zu können. Beobachtung und Induktion sind damit die Schlüssel zur naturwissenschaftlichen Erkenntnis, nicht Betrachtung und Deduktion. Diese Haltung hat ihren wissenschaftshistorischen Ursprung in Francis Bacons Optimismus einer vollständigen Naturerkenntnis aus dem Geist des Empirismus.

Bacons experimentelle Induktionsmethode hat für die Wissensproduktion einen neuen erkenntnistheoretischen Zugang eröffnet, auf den sich die Naturwissenschaft bis heute stützt. Bacon sah seine Methode als eine Möglichkeit, zur unverfälschten, unverdorbenen Erkenntnis des „Wesens der Dinge“ vorzustoßen und feierte es zugleich als Befreiung von der störenden Metaphysik der mittelalterlichen Scholastik. Bacons Erkenntnistheorie ist strikt gegen die deduktive Methodik der aristotelisch-thomistischen Naturphilosophie gerichtet. Mit der Induktionsmethode entsteht bei Bacon nicht nur ein für die Wissensproduktion neuer erkenntnistheoretischer Zugang zur Natur, der nicht nur zur graduellen Verbesserung der Forschungsleistung, sondern zu deren prinzipieller Neuorientierung führte, die den Menschen als Beobachter, Deuter, Beherrscher und schließlich Schöpfer der Natur beziehungsweise ihrer perfektionierten Substitution ansieht.

Das Erfahrene ist dabei weder Verkörperung des Allgemeinen im Einzelnen (aristotelische Deduktion) noch von der Elite geschauter Abschnitt einer Ideenwelt (platonisches Finden). Es verliert damit jeden Bezug zu außerhalb seiner selbst liegenden Zwecken als sinnstiftende Ursprungs- oder Zielvorstellungen. Der teleologische Bezug einer metaphysischen Naturphilosophie, bei der das Einzelne auf das Allgemeine, die Immanenz auf die Transzendenz verweist, geht verloren.

Das Kernkonzept der naturwissenschaftlichen Methodik ist also das empiristische Signifikanzkriterium, das besagt, dass eine synthetische Aussage nur dann Bedeutung hat, wenn wir sagen können, unter welchen Bedingungen sie falsch und unter welchen sie wahr ist. Es gilt also methodologisch: Die Wahrheit beziehungsweise Falschheit von synthetischen Aussagen ist nur empirisch nachweisbar, das heißt, der Test ist durchzuführen anhand dessen, was wir als Wirklichkeit sinnlich wahrnehmen. Handelt die Aussage von Sachverhalten, die auf diese Weise nicht testbar sind, ist die Aussage nicht bestätigungsfähig und scheidet aus dem Kreis der sinnvollen Sätze aus.

Damit ist das Urteil über naturwissenschaftliche Aussagen, die ja synthetisch sind, eines, das sich auf einen empirischen Nachweis stützen muss. Mit dem empiristischen Signifikanzkriterium liegt ein Abgrenzungskriterium gegenüber nichtempirischer Realerkenntnis vor, ein Kriterium für die scharfe Trennung zwischen syntaktischer Zulässigkeit und empirischer Signifikanz. Ein Satz wie „Es gibt einen Schöpfer der Welt.“ wäre demnach syntaktisch zulässig, nicht aber empirisch signifikant, da er die Existenz einer übersinnlichen Entität behauptet, die mit Hilfe der sinnlichen Wahrnehmung nicht verifizierbar ist. Damit ist er, der Satz, nicht naturwissenschaftlich relevant, zumindest nicht im herrschenden Paradigma der oben beschriebenen naturwissenschaftlichen Methode.

Unser Standpunkt

Viertens: Unser Standpunkt. Wir setzen auch voraus, dass wir als Beobachter eine Perspektive auf das System einnehmen, nicht im System. Wir beobachten im Selbstverständnis der naturwissenschaftlichen Methode die Natur von „Nirgendwo“ aus, von einem „point of nowhere“, wie es Thomas Nagel einmal ausgedrückt hat. Das mag für das System „Natur“ stimmen (die Quantenphysik mal vernachlässigt), doch für das System „Naturwissenschaft“ stimmt es nicht, weil hier, wie in jedem anderen sozialen System, die Kontingenz menschlicher Lebensführung in Erscheinung tritt und damit die Naturwissenschaft in einen historischen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Bezugsrahmen stellt. Man erforscht unter diesen wechselnden Rahmenbedingungen die Natur zwar nicht anders, aber doch erforscht man Anderes in der Natur – entsprechend der Forschungsförderung, die ein Ergebnis von Aushandlungsprozessen ist. Für den Wissensbestand insgesamt kann dies große Auswirkungen haben, bis zum Verschwinden von Kenntnissen, die als irrelevant betrachtet werden.

Fünftens: Gott – Garant der Naturgesetze. Wir setzen schließlich die Geltung von Gesetzmäßigkeiten voraus, nach denen die Natur in ihrer Mechanik organisiert ist. Diese zu suchen und zu finden, ist ja gerade der Zweck der Naturerforschung. Gingen wir nicht davon aus, dass es so etwas gibt wie konstante und universale Gesetze, machten wir uns kaum die Mühe, Naturwissenschaft zu betreiben.

Das ist auch der Grund, warum der Glaube an Gott als Garant der Geltung dieser Gesetze kein Hemmnis darstellte für große Forscher, die wichtige Naturgesetze entdeckten, sondern – ganz im Gegenteil – ihre Arbeit erst motivierte. C. S. Lewis hat es einmal auf den Punkt gebracht: „Menschen wurden wissenschaftlich, weil sie Gesetze in der Natur erwarteten, und sie erwarteten Gesetze in der Natur, weil sie an einen Gesetzgeber glaubten“. Auch, wenn es viele nicht wahrhaben wollen: Der Glaube an Gott ist eine Voraussetzung der Naturwissenschaften.

Der Autor ist Philosoph und lebt in Berlin.

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