Der englische Philosoph und Jurist Francis Bacon machte zunächst als Politiker Karriere. 1579 noch als Anwalt tätig, erhielt er 1584 einen Sitz im Unterhaus, stellte sich bedingungslos in den Dienst der Krone und brachte es schließlich unter Jakob I. zum Obersten Kronanwalt und Lordsiegelbewahrer, ehe er auf dem Höhepunkt seiner Karriere 1618 Lordkanzler wurde. Drei Jahre später wurde er der Korruption bezichtigt. Bacon sah ein, dass er keine Geschenke hätte annehmen sollen, verwehrte sich jedoch gegen den Vorwurf, diese hätten sein Urteilsvermögen beeinflusst. Dennoch endete der Prozess mit seiner Verurteilung und der Entlassung aus dem Staatsdienst. Bacon zieht sich ins Private zurück. Das jähe Karriereende ist ein Glücksfall für die Ideengeschichte, denn nun konnten in den fünf Jahren bis zu seinem Tod am 9. April 1626 wichtige philosophische Schriften entstehen.
Philosophiehistorische Bedeutung erlangte Bacon als Wegbereiter des britischen Empirismus, der von der angelsächsischen Philosophie des 17. Jahrhunderts mit so bedeutenden Denkern wie John Locke, George Berkeley und David Hume geprägt wurde. Bacons Erkenntnistheorie ist gegen die ausschließlich deduktive Methodik der Scholastik gerichtet. Mit der Induktionsmethode entsteht bei Bacon ein neuer erkenntnistheoretischer Zugang zur Natur. Die unverfälschte, unverdorbene Erkenntnis – für das „Verderben“ macht er die in der scholastischen Epistemologie maßgebliche Metaphysik Platons und Aristoteles’ verantwortlich – führt dabei nicht nur zur graduellen Verbesserung der Naturwissenschaft, sondern zu deren prinzipieller Neuorientierung, die den Menschen als Diener, Deuter, Beherrscher und schließlich Schöpfer der Natur beziehungsweise ihrer perfektionierten Substitution betrachtet.
Seine induktiv-experimentelle Methode beschreibt Bacon zunächst in seinem Werk Novum Organum. Der Titel ist eine Anspielung auf Aristoteles’ Organon, das durch Bacons neuen Entwurf als wissenschaftstheoretisches Paradigma abgelöst werden soll. Im Novum Organum werden die Prinzipien einer Wissenschaftsorganisation modelliert, bei der es um Naturerkenntnis und dadurch um Naturbeherrschung geht. Schließlich erwächst daraus – und hier zeigt sich dann der Staatsmann Bacon – eine Erhöhung der eigenen Macht, also der Macht des Menschen einerseits und der Macht Englands andererseits. England war zu Beginn des 17. Jahrhunderts auf dem besten Weg, die Renaissancemächte Spanien und Portugal zu verdrängen. Bacon erlebt dies als Abgeordneter. Ihm geht es darum, diese neue Position Englands durch eine effiziente, moderne Wissenschaftsorganisation zu untermauern und auszubauen.
Die gesellschaftstheoretische Umsetzung des Programms von Novum Organum geschieht dann in der Utopie Nova Atlantis (eine Anspielung auf Platons Atlantis-Mythos), in der er beschreibt, wie erstens die erkenntnistheoretischen Prinzipien institutionell und personell implementiert werden und wie zweitens aus der Forschungsarbeit nicht bloß rein epistemische, sondern auch ethische Fortschritte erzielt werden, die ein friedliches Zusammenleben aller Menschen ermöglichen sollen, da ökonomisches Konfliktpotenzial wissenschaftlich überwunden und menschliche Bedürfnisse infolgedessen künftig kollisionsfrei befriedigt werden können. Hier tritt neben den Machtanspruch der Gedanke einer aus der wissenschaftlichen Perfektibilität erreichbaren Optimalwelt, die an paradiesische Umstände erinnert. Dies macht das utopische Moment des naturwissenschaftlich-technischen Entwurfs Nova Atlantis aus, denn es trifft sich der reale Anspruch einer machtstabilisierenden Wissenschaftsorganisation mit dem Mythos des Goldenen Zeitalters.Bacon nutzt die typische literarische Form des Reiseberichts für seine Utopie, die auf einer imaginären Insel namens Bensalem („Sohn des Friedens“) spielt, auf der eine in Seenot geratene europäische Schiffsbesatzung strandet, die auf ihrem Weg von Peru nach China in der Südsee von einem Sturm überrascht wurde. Die Männer haben in der Tat Glück im Unglück, denn sie konnten nicht nur ihr Leben retten, sondern werden von hochrangigen Repräsentanten des Inselvolkes freundlich empfangen und mit den Besonderheiten des Gemeinwesens vertraut gemacht.
Vom Haus Salomon zur Royal Society
Im Zentrum der Insel-Gesellschaft steht das Haus Salomons, eine Art wissenschaftliches Institut, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, durch induktiv-experimentelle Verfahren und eine starke Interdisziplinarität der Forschung das Erkennen der Ursachen und verborgenen Ideen der Natur sowie die Erweiterung des geistigen Horizonts der Menschen zu fördern, um wissenschaftlich-technischen Fortschritt und damit wirtschaftliche Prosperität zu realisieren. Das Haus Salomons wird als „Leuchte Bensalems“ und als „Auge des Reiches“ bezeichnet.
Dieser Mythos einer idealen Forschungsorganisation hatte großen Einfluss auf die Bildung realer europäischer Einrichtungen; das Haus Salomons kann daher als Prototyp einer wissenschaftlichen Akademie betrachtet werden. Die 1660 gegründete Royal Society schließt als erste moderne Wissenschaftsgesellschaft an Bacons Ideal an; Thomas Sprat zeigt auf dem Titelblatt seiner 1667 erschienenen „History of the Royal-Society of London“ neben dem englischen König (Karl II.) eine Büste Francis Bacons.
Wie sieht es auf der utopischen Wissenschaftsinsel aus? Institutionell stehen Labors, Forschungstürme, Werkstätten und Versuchsanlagen zur Verfügung, in denen Daten aufgenommen und geordnet werden. Die enzyklopädischen Informationen über die Natur werden jedoch nicht nur gesammelt und kategorisiert, sondern auch im Blick auf die schöpferische Interpretation ausgewertet. Dabei wird Materialforschung betrieben, um künstliche Substanzen wie Dünger und Treibstoffe zu entwickeln. Meteorologische und astronomische Erkundungen finden ebenso statt wie Züchtungsforschung an Pflanzen und Tieren. Man versucht darauf hinzuwirken, dass „Bäume und Pflanzen vor oder nach der Zeit blühen, daß sie schneller wachsen und mehr Früchte tragen, als es ihrer Natur entspricht“ und man entwickelt Methoden, „um verschiedene Tierarten zu kreuzen und zu paaren, die neue Arten erzeugen und nicht unfruchtbar sind, wie man gewöhnlich glaubt“. Hier geht es also um einen biotechnologischen Nutzen des manipulativen Eingriffs. Aus dem Dienst an der Natur erwächst die Dienstbarmachung der Natur.
An diesem Prozess sind verschiedene Personengruppen beteiligt, die entsprechend der Operationsschritte konkreter Forschung bestimmte Funktionen erfüllen: Es gibt die „Händler des Lichts“, die aus fremden Ländern Bücher und Versuchsanordnungen beschaffen, die „Beutesammler“, die alle in Büchern registrierten Versuche zusammentragen, die „Geheimnisjäger“, deren Aufgabe in der Katalogisierung aller selbst entwickelten Experimente besteht, die „Pioniere und Grubenarbeiter“, die neue Versuchsreihen konzipieren und erproben, die „Pfropfer“, die über die Ausführung der Experimente berichten, die „Zusammenführer“, die die Ergebnisse ordnen und die „Leuchter“, die sie begutachten.
Wissenschaft nach Bacon
Sammlung, Erprobung, Dokumentation und Begutachtung der Daten ermöglichen schließlich den „Interpreten der Natur“, die experimentellen Entdeckungen in Axiome und Aphorismen zu bringen, also wissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten festzustellen und daraus Regeln zu entwickeln. Aufgrund dieses Wissens über die natürlichen Zusammenhänge können schließlich mehr Möglichkeiten realisiert werden als eigentlich zur Verfügung stehen. Die „Interpreten der Natur“ sind „Schöpfer“ einer neuen Welt, in der Pflanzen mehr und öfter Frucht bringen und neue Tierarten leben. Das, was uns heute im Bewusstsein der problematischen Konsequenzen skeptisch macht, wird von Bacon kritiklos optimistisch als Fortschritt zum letzten Ziel bezeichnet: Macht. Eingedenk des Aufstiegs seiner Heimat im 17. Jahrhundert hat sich Francis Bacons Vorstellung zumindest kurzfristig bewahrheitet. Heute sehen wir Begriffe wie Macht und Fortschritt etwas differenzierter.
Es geht in Bacons Wissenschaftsbild nicht mehr um das ehrfürchtige aristotelisch-scholastische Nachvollziehen eines natürlich-göttlichen Regelwerks, sondern um die schöpferische Entwicklung eigener Regeln aus der empirischen Forschungsarbeit. Durch den Umstand, dass diese Erneuerungsarbeit von allen getragen werden soll, richtet sich Bacon aber nicht nur gegen Aristoteles’ Deduktionsbegriff, sondern auch gegen die platonische Vorstellung einer Ideenwelt, die nur von wenigen „geschaut“ und „gefunden“ werden kann. Wissenschaft ist bei ihm keine Sache elitärer Expertenrunden, sie ist Aufgabe aller. Obgleich nicht hierarchiefrei, ist die Organisation in Nova Atlantis transparent und ergebnisoffen. Hier zählt „ein Verstand, der von Meinungen rein gewaschen ist“.
Ein hochaktueller Nebeneffekt dieser Methode: Der Mensch schaut nicht nur sehr genau hin und erkennt dadurch die Mechanismen der Natur, er wird auch befähigt, aus dem Anschauungsobjekt etwas Neues zu formen und schöpferisch mit der betrachteten Natur umzugehen. Das hat sich durchgesetzt. Mit allen Konsequenzen. Das Spektrum, das sich mit dem Forschungskonzept Bacons erschließen lässt, reicht von der einfachen Pflanzen- und Tierzucht bis hin zu transhumanistischen Projekten wie Gehirn-Computer-Schnittstellen zur technischen Erweiterung menschlicher Fähigkeit. Spätestens da wären wir wieder bei Francis Bacons Leitmotiv: der Verbindung von Fortschritt und Macht.
Der Autor ist Philosoph und lebt in Berlin.
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