Krankenhäuser

Tötungsserien in Krankenhäusern und Heimen

Für eine neue Studie hat der Psychiater Karl-Heinz Beine Tötungsserien in Krankenhäusern und Heimen in deutschsprachigen Ländern untersucht. Die Ergebnisse müssen alarmieren.
Nurses moves medical stretcher with patient at hospital. Medical equipment.
Foto: AdobeStock | Über Tötungsserien in Kliniken und Heimen sollte verstärkt aufgeklärt werden.

Warum töten Ärzte und Pfleger, die eigentlich angetreten sind, um Menschen zu heilen und zu pflegen, immer wieder Patienten und Heimbewohner? Was motiviert sie? Was läuft da schief? Und weshalb? Begünstigt unser Gesundheitssystem gar solche Taten? Und vor allem: Was muss sich ändern, damit so etwas nicht mehr geschieht? Fragen, deren Beantwortung Karl-Heinz Beine beinah ein ganzes Berufsleben gewidmet hat. Dabei sah es danach zunächst gar nicht aus. 1951 geboren, absolvierte der 2020 emeritierte Hochschullehrer, Arzt und Sachbuchautor zunächst eine Lehre als Heizungsbauer, bevor er 1973 auf dem Zweiten Bildungsweg das Abitur erwarb. Und auch danach studierte Beine zunächst Sozial- und Literaturwissenschaften, bevor er sich schließlich der Medizin zuwandte.

Experte für Tötungsserien

Dann jedoch ging es Schlag auf Schlag. Bereits 1983 wurde er mit einer vergleichenden Arbeit über die Wahrnehmung autistischer, geistig behinderter und gesunder Kinder an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster zum Doktor der Medizin promoviert. Heute ist der ehemalige Chefarzt am St. Marien-Hospital Hamm und langjährige Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke der Experte für Tötungsserien im Gesundheitswesen. Bereits seine Habilitationsschrift befasste sich mit diesem Thema. 2010 erschien dann sein Buch „Krankentötungen in Kliniken und Heimen. Aufdecken und Verhindern“. Darin analysierte Beine juristisch aufgearbeitete Fälle von Krankenschwestern, Pflegerinnen und Pflegern, die Patienten systematisch misshandelt und ermordet hatten. 2017 legte er nach. Zusammen mit der Wissenschaftsredakteurin Jeanne Turczynski veröffentlichte Beine das Buch „Tatort Krankenhaus“. Zugrunde lag diesem eine Studie, für die Beine mehr als 5 000 Angehörige von Gesundheitsberufen befragt hatte. Ein Ergebnis: Die bisher bekannt gewordenen Mordserien in Kliniken und Heimen sind nur die Spitze eines gewaltigen Eisbergs. Möglicherweise würden – so die Hochrechnung des Autorenduos – allein in Deutschland jedes Jahr bis zu 21 000 Patienten von Angehörigen des Gesundheitswesens getötet.

Neue Studie

Nun hat Beine erneut zugeschlagen. In der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ veröffentlichte der Psychiater eine neue Studie. Für sie untersuchte er minutiös zwölf Tötungsserien, an denen 17 Täter beteiligt waren und denen mindestens 205 Patienten zum Opfer fielen. Die tatsächliche Zahl der Opfer dürfte auch hier weit höher liegen. Die Studie trägt den Titel: „Serientötungen in Kliniken und Heimen“. Sämtliche diese Tötungsserien waren juristisch vollständig aufgearbeitet und wurden mit einem rechtskräftigen Urteil abgeschlossen. Zehn spielten sich in Deutschland, je eine in Österreich und in der Schweiz ab. Sieben der zwölf Serientötungen ereigneten sich in Kliniken, drei in Pflegeheimen. Bei den verbleibenden zwei gab es Tatorte in Einrichtungen beiderlei Typs. Für die Studie wertete Beine sowohl die anonymisierten Urteile als auch eigene Prozessbeobachtungen aus und analysierte anschließend sowohl die Täter und ihre Motive als auch die Tötungsarten, Tatorte und Tatzeiträume.

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Alarmierende Ergebnisse

Die Ergebnisse müssen alarmieren. 34 der Opfer wurden noch am Tag ihrer Aufnahme getötet. 61 weitere binnen fünf Tagen. Nur wenige Opfer befanden sich zum Zeitpunkt der Tat in einem unumkehrbaren Sterbeprozess. Einige sollen sich gar auf dem Weg der Besserung befunden haben, manche sollten sogar entlassen werden. In der Mehrzahl der Fälle wurden die Opfer gegen ihren Willen getötet. In lediglich drei der 205 nachgewiesenen Tötungen wurden die Täter anschließend wegen „Tötung auf Verlangen“ verurteilt.

Alle 17 Täter – Pflegekräfte beiderlei Geschlechts – wurden psychiatrisch begutachtet, bei 15 wurde eine uneingeschränkte Schuldfähigkeit festgestellt. Nur zwei wurden als vermindert schuldfähig eingestuft. Die Ergebnisse der Studie legen nahe, dass viele der Patiententötungen hätten verhindert werden können, wenn Warnsignale rechtzeitig erkannt und ihnen nachgegangen worden wäre. So seien im Nachhinein bei „nahezu allen Tätern … charakterliche Auffälligkeiten und hervorstechende Persönlichkeitszüge festgestellt“ worden, die vorher „nicht besonders aufgefallen waren“. In der Rückschau habe sich gezeigt, dass die Täter „unterschiedliche Persönlichkeitsveränderungen“ über „einen langen Zeitraum“ entwickelt hätten. Beobachtet wurden unter anderem ein „verstärktes Rückzugsverhalten, distanziert-unterkühlte Beziehungsgestaltung, Verschlossenheit, Anspannung, zynisch-abwertende Kommentare, eine verrohte Sprache und aggressive Impulsdurchbrüche“. Bei allen Tätern sei zudem „eine überdurchschnittlich hohe primäre Selbstunsicherheit und ausgeprägte narzisstische Persönlichkeitsanteile“ festgestellt worden. Die Selbstunsicherheit sei von den Tätern als „Schwäche“ empfunden worden, die nicht mit ihrem „Selbstbild“ vereinbar gewesen sei und daher „kaschiert und verdrängt“ wurde. Kein Täter habe das „Gespräch“ mit Vorgesetzten oder Kollegen gesucht oder sich um „professionelle Hilfe“ bemüht. Mit „hoher Wahrscheinlichkeit“ seien die Täter auch nicht auf ihre Veränderungen angesprochen worden.

Zu den wichtigsten Befunden der Studie zählt auch: In keinem Fall habe ein einzelnes Motiv den Ausschlag für die Taten gegeben. Ausschlaggebend sei vielmehr stets die „individuelle Kombination von Motiven“ gewesen, wobei sich „die Entwicklung bis zur Tatbereitschaft immer über lange Zeiträume erstreckt“ habe. Bei vier der 17 Täter sei die Motivlage „letztlich ungeklärt“ geblieben. Von den übrigen zwölf habe bei fünf „ein ausgeprägtes Macht- und Geltungsstreben im Vordergrund“ gestanden. „Prototypisch“ für ein solches „Motivbündel“ sei die Aussage eines der Täter, „der meinte, dass er den Kick gebraucht und gern auf dem Podest gestanden habe“.

Mitleid mit den Opfern

Dagegen hätten acht Täter angegeben, „aus Mitleid mit den Opfern gehandelt zu haben“. Tatsächlich hätten die Täter jedoch „den Zustand ihrer Patienten und die eigene Situation nicht ertragen“ können und sich „durch das direkte Töten oder die Provokation von Notfällen primär selbst Erleichterung“ verschafft. Nicht „das vermeintliche Wohl der Opfer“, sondern die „eigenen Missempfindungen und Wertungen“ der Täter seien hier „handlungsleitend“ gewesen. Beine zitiert eine Täterin mit den Worten: „Aber ich sah auf einmal bei Menschen auch gewisse Elende – da hab’ ich gedacht – du hast Elend – sie auch – und bei ihnen machst du Schluss.“ Erschwerend kommt hinzu: An acht Tatorten verzeichnet die Studie einen „grob fahrlässigen Umgang mit Arzneimitteln“. Auf stark erhöhte Medikamenten-Verbräuche oder verschwundene Arzneimittel sei an diesen Tatorten „gar nicht oder unangemessen“ reagiert worden. In drei Tötungsserien, die alle in Kliniken verübt wurden, sei nicht einmal aufgefallen, dass Medikamente verbraucht und immer wieder unkontrolliert nachbestellt und geliefert wurden, obwohl es bei den jeweiligen Patienten „keine Indikationen“ für die missbräuchlich verwendeten Substanzen gab und diese auch nicht ärztlich verordnet worden waren. Damit nicht genug: An keinem der Tatorte seien Leichenschauen „gründlich und kompetent durchgeführt“ worden. In mehreren Fällen seien selbst „großflächige Hämatome und auffällige Einstichstellen nicht hinterfragt oder übersehen“ worden. In einem Fall sei die Leichenschau gar ganz entfallen.Und damit ist das Ende der Fahnenstange des Fehlverhaltens, das Patienten und Heimbewohner das Leben kostete, noch keineswegs erreicht. Tatzeiträume seien „entscheidend“ dadurch verlängert worden, dass Vorgesetzte einem geäußerten Verdacht nicht adäquat nachgegangen seien, statt umgehend das direkte Gespräch mit dem Verdächtigten zu suchen und im Zweifel die Ermittlungsbehörden einzuschalten. Zu einer „verspäteten Aufklärung“ trügen auch weitere „Aufdeckungsbarrieren“ bei, zu denen Beine unter anderem „Arg- und Achtlosigkeit“, „Arbeitsüberlastung“, „langandauernde unausgesprochene Konflikte“ sowie die „Angst vor der Rufschädigung des Krankenhauses“ und die Sorge von Mitarbeitern rechnet, Kollegen zu Unrecht zu beschuldigen.

Was ist zu tun?

Was also tun? Beine weiß Rat: Voraussetzung für die Risikominimierung sei, dass Mitarbeiter über Gewalttaten in Kliniken und Heimen „informiert“ seien und um die „Missbrauchsanfälligkeit asymmetrischer Beziehungen“ wüssten. Die „unreflektierte Überzeugung“, so etwas könne sich in der eigenen Einrichtung nicht ereignen, habe sich als Aufdeckungsbarriere erwiesen und dürfe nicht länger fortgeschrieben werden. Weil Tötungen in jeder Klinik und in jedem Heim grundsätzlich möglich seien, müssten Auffälligkeiten frühzeitig erkannt und angesprochen werden. Beine: „Über Tötungsserien in Kliniken und Heimen muss verstärkt aufgeklärt werden. Forschungsanstrengungen sind erforderlich, um die tatsächliche Häufigkeit derartiger Straftaten besser einschätzen zu können und angemessene präventive Maßnahmen zu entwickeln. Begünstigende Umstände, Risikofaktoren, Täterprofile und frühzeitig wirksame Gegenmaßnahmen müssen im Rahmen von Aus-, Fort- und Weiterbildungen flächendeckend thematisiert werden.“

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Stefan Rehder

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