Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Weihnachtsforum "Streiten! Wofür?"

Streit ist der „Vater aller Dinge“

Warum die „Tagespost“ ihr Weihnachtsforum dem „Streit“ widmet - und wofür es sich heute zu kämpfen lohnt.
Der junge Jesus diskutiert mit den Schriftgelehrten. Gemälde von Dirck Baburen, 1622.
Foto: IMAGO/? Fine Art Images/Heritage Images (www.imago-images.de) | Der junge Jesus diskutiert mit den Schriftgelehrten. Gemälde von Dirck Baburen, 1622.

Darauf muss erst einmal jemand kommen. Ausgerechnet an Weihnachten, dem Fest „der Liebe“, „der Familie“, „der Nächstenliebe“ oder was immer feierlich begeht, wer nicht die Geburt Christi feiert, dem Streit eine ganze Beilage zu widmen. Acht Seiten stark, noch dazu ganz ohne Zimtstangen und Marzipan. Stattdessen mitten auf die Zwölf. Bedenkt man allerdings, dass in Familien nie so viel gestritten wird, wie ausgerechnet an Weihnachten, so wirkt ein solches Unterfangen schon bedeutend weniger deplatziert. Und höchstwahrscheinlich wird selbst der heilige Josef, als er feststellte, dass in Bethlehem sich niemand bereitfand, Platz für die hochschwangere Gottesmutter und den Erlöser zu schaffen, nicht einfach streit- und wortlos von dannen gezogen sein. Nein, Streit lohnt durchaus! Auch dann, wenn man am Ende den Kürzeren zieht.

Der Streit ist der „Vater aller Dinge“. Das wusste schon Heraklit (um 520-460 v. Chr.). Fair ausgetragen, den Kontrahenten als Person achtend, seine Argumente sorgsam wägend, hoffend, Neues zu lernen und so bereichert zu werden, so „zeugt“ der Streit Lösungen, die ohne ihn weder denkbar schienen noch für notwendig gehalten wurden.

Richtig zu streiten, ist freilich eine Kunst. Eine, die, weil Kunst von Können kommt, erlernt, geübt und kultiviert werden muss. Weil die „Tagespost“ aber keinen Streit-Ratgeber vorlegen, sondern vielmehr ein Bekenntnis ablegen will, wofür zu streiten sich unbedingt lohnt, müssen hier ein paar Stichworte genügen: Richtig streitet, wer um die Sache ringt. „Ad rem“, statt „ad personam“ – muss Ziel und Richtschnur zugleich eines jeden Streites sein. Das schließt Polemik nicht aus, die dann aber wohldosiert gehört und keinesfalls in Zynismus umschlagen darf. Wer streitet, sollte dabei mit kühlem Kopf und heißem Herz zu Werke gehen. Denn wer umgekehrt zur Sache schreitet, hat wenig zu gewinnen, aber viel zu verlieren und offenbart obendrein, dass er in puncto Streit wohl noch einiges zu lernen hat.

Nur wer lebt, kann streiten

Gestritten werden muss aus Sicht der „Tagespost“ für Jesus Christus, weil nur er der „Weg, die Wahrheit und das Leben“ für alle, jede und jeden ist. Und das nicht bloß an Weihnachten, sondern fortlaufend. Ähnliches gilt auch für den geistlichen Kampf, in welchem wir gerufen sind, uns unserem ärgsten Feind zu stellen. Der alte Adam in uns ist zugleich der, der am wenigsten Pardon verdient. Was wiederum nicht bedeutet, dass man mit sich selbst nur unduldsam und unnachsichtig verfahren müsste. Das rechte Maß will, wie andernorts auch, auch hier gefunden werden. Streit lohnt aber auch dort, wo es gilt, Werte wie Freiheit und Schönheit, Vermögen wie die Vernunft oder Institute wie die Ehe zu verteidigen. Und selbstverständlich lässt sich die richtige Streitkultur, wie auch alle anderen kulturellen Basistechniken, am einfachsten, elegantesten und erfolgversprechendsten in der Familie erlernen.

Fehlt noch ein Feld, für das unbedingt gestritten werden muss. Nicht etwa, weil es einen höheren Stellenwert besäße als all das andere, für das zu streiten sich gleichfalls lohnt, sondern weil nur es den Streit für all das erst ermöglicht: Leben. Nur wer lebt, kann auch streiten. Nur wer lebt, kann Christus kennenlernen, sich dankbar für das Geschenk des eigenen Lebens zeigen, wozu selbstverständlich auch der Genuss desselben gehört. Nur wer lebt, kann sich dem geistlichen Kampf widmen und sich in den Tugenden üben, nicht um vor Anderen gut dazustehen, sondern um Christus ähnlicher zu werden. Nur wer lebt, vermag Freiheit, Schönheit und Vernunft wertzuschätzen. Nur wer lebt, kann sich in der Ehe ganz verschenken lernen.

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Wer für das Leben streitet, ob am Anfang oder am Ende, der streitet auch nicht einmal ausschließlich für das Recht auf Leben einzelner Personen, obgleich bereits dies hinreichend wäre. Wer für das Recht unschuldiger und wehrloser ungeborener Kinder streitet, im Mutterleib nicht von Ärzten auseinandergerissen zu werden, oder wer alte, kranke und lebensmüde gewordene Menschen davor bewahrt, von anderen an den Rand der Gesellschaft oder gar aus diesem Leben gedrängt zu werden, der darf sich sicher mitgemeint fühlen, wenn Jesus im Evangelium davon spricht, dass das, was jemand den geringsten seiner Brüder und Schwestern zuteilwerden lässt, er zugleich auch ihm tue. Warum ist das so? Nun, zumindest auch, weil wer für das Leben streitet, letztlich für den Schöpfer selbst streitet, für sein Recht, sich in der von ihm geschaffenen Welt fortlaufend auszudrücken, seine Liebe verschwenderisch mitzuteilen, Menschen mit Talenten zu segnen und Pläne mit ihnen zu verfolgen. 

Nicht um den Sieg, sondern um das Zeugnis streiten

Und weil, wer für das Leben streitet, auch für Gott streitet, bekommt er es unweigerlich auch mit dem Widersacher und Fürsten dieser Welt zu tun. Der Kampf um das Leben wird wohl nicht zuletzt auch deshalb so erbittert geführt, weil Gott sich hier verwundbar gemacht hat. Wer aus dem Mutterleib eine Todeszelle macht, vernichtet nicht nur – schlimm genug – ein von Gott geliebtes Geschöpf, er durchkreuzt auch alle die Pläne, die Gott mit ihm in und für diese Welt hatte. Vergleichbares gilt auch für das Ende des Lebens. Denn auch wer nicht mehr äußerlich wachsen und an Kraft zunehmen kann, kann immer noch nach innen wachsen und so auf den zugehen, der für unsere Erlösung Mensch wurde.

Die Menschwerdung Gottes, als notwendige Bedingung für seinen Triumph am Kreuz, vermag uns auch daran zu erinnern, dass der alles entscheidende Sieg bereits errungen wurde. Nicht um den Sieg also braucht es uns gehen, sondern um das Zeugnis, das in die Welt hineinstrahlen soll und mit dem wir uns zugleich dankbar für das Erhaltene erweisen können.

Nicht siegen zu müssen, macht nicht nur gelassener, es kann uns auch helfen, die Mittel, die wir im Streit zum Einsatz bringen, mit Bedacht zu wählen. Lernen lässt hier auch vom dem heiligen Stephanus. Nicht, dass wir dessen Rat, den dieser durch sein Leben und Sterben bezeugte, immer zu beherzigen verstünden. Das nicht, aber das Prinzip leuchtet schon ein. Es lautet sinngemäß: „Wenn Steine fliegen, auch einfach einmal welche liegen lassen.“ Wie vielen tapferen Social-Media-Kriegern wohl schon bald die Munition ausginge, wenn ihre Steine nicht eins ums andere Mal zurückgeschleudert würden?

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