„Sehr interessant!“, geht es mir durch den Kopf, als ich beginne, über Plutarch zu recherchieren. In meiner gesamten Schullaufbahn habe ich diesen Namen nie gehört und auch danach, obwohl ich meine Nase gerne in Bücher stecke und geschichtlich durchaus interessiert bin, bin ich nie über diesen Mann gestolpert.
Doch jetzt sagt er mir etwas, und ich bin leicht wehmütig, dass ich ihn erst so spät kennengelernt habe. Wer ist Plutarch? Plutarch lebte im 1. Jahrhundert nach Christus. Er war ein Gelehrter, ein Philosoph, ein Schriftsteller und Vater von fünf Kindern. Ein bodenständiger Mann, der die Welt bereiste, mit Philosophen diskutierte und die Höhen und Tiefen des Menschseins beobachtete.
Anstatt abstrakter Theorien schrieb dieser vielseitige Schriftsteller vor allem biografische Schriften, darunter die Parallelbiografien, in denen er jeweils einen berühmten Griechen mit einem berühmten Römer verglich. Beispielsweise Alexander den Großen mit Julius Caesar. Wenn Sie nun an ein staubiges Geschichtswerk denken, liegen Sie falsch, denn Plutarch schreibt lebendig, dramatisch, voller Wendungen und Lektionen fürs Leben.
Warum erzähle ich das in dieser Kolumne? Weil ich gemerkt habe, wie hilfreich es ist, Kindern Plutarchs Biografien näherzubringen. Denn es ist ein exzellentes Mittel für Charakterbildung und Staatsbürgerkunde. Aktuell sehe ich an meinem elfjährigen Sohn, was es bewirkt, wenn man Kindern einen durchaus herausfordernden und umfangreichen geschichtlichen Text zutraut. Durch das Lesen von Plutarchs Text über Alexander den Großen hat mein Sohn umfangreiche Kenntnisse über dessen Persönlichkeit erworben. Er weiß nicht nur viele Details über verschiedene Schlachten („333 bei Issos Keilerei!“)und Feldzüge, die Alexander angeführt hat, sondern, und das ist der eigentliche Kern, er weiß viel über Alexanders Charakter, über seine Stärken und Schwächen, was er herausragend gut gemacht hat und was schlecht.
Auf meine Nachfrage erzählte er mir beispielsweise: „Abgesehen von seinem maßlosen Ehrgeiz und seinem komischen Glauben ist er oft ein echter Ehrenmann. Großherzig. Er ist immer wieder edelmütig in seinem Verhalten. Alexander tut Gutes. Zum Beispiel verzichtet er, obwohl er bei einem Zug durch die Wüste unglaublich durstig ist, auf Wasser und gibt es den Kindern. Das wiederum ermutigt sein Gefolge, tapfer durchzuhalten. Oder er sorgt sich um Menschen, obwohl diese ihm nicht wohlgesonnen sind. Außerdem ist Alexander sehr schlau, aber auch ungeduldig, was ihm manchmal zum Verhängnis wird.“
Lebendige Texte
Und genau das ist Plutarchs Anliegen: Er begann, diese Lebensgeschichten zu schreiben – zuerst vornehmlich für andere –, um ihnen in moralischen Fragen zu helfen und sie zum Nachdenken anzuregen. Plutarchs packende Charakterstudien haben nichts mit trockenen Lehrbüchern gemein. Es sind lebendige Texte, die Herz und Verstand des Lesers zugleich formen. Plutarch selbst betonte: „Ich schreibe keine Geschichte, sondern Lebensbilder!“
Wenn es uns gelingt, Bildung wieder mit dem Leben in Verbindung zu bringen respektive Kinder mit den besten Denkern direkt bekannt zu machen, dann merken wir auf einmal, dass sie damit etwas anfangen können. Die Materie wird lebendig, ihr Geist bekommt Nahrung, die er verdauen kann, die ihn stärkt und ihm dabei hilft, das Leben besser zu verstehen. Sie erhalten Ideen, die ihnen auf ihrem Lebensweg helfen. Am Beispiel von Alexander dem Großen lernen sie, dass jeder Mensch sowohl gute als auch schlechte Eigenschaften hat, dass die guten aufrichten und die schlechten ins Verderben stürzen.
Man sieht, was Alexander zum „Großen“ gemacht hat, aber auch, was ihn immer wieder zu Fall brachte. Als mein Sohn meinem Mann beim Abendessen etwas über Alexander erzählte, war dieser ganz erstaunt und meinte: „Wenn ich in meiner Kindheit Geschichte so gelernt hätte, dann hätte ich mir vielleicht etwas gemerkt!“ Daraufhin legte mein Sohn ihm Plutarchs Doppelbiografien hin und sagte: „Lies das, dann kennst du dich aus!“
Die Autorin ist Herausgeberin des Müttermagazins „Sonne im Haus“ und Leiterin des Online-Studienkreises „Wahres, Gutes & Schönes“.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.











