Zu Ihnen kommen viele Paare mit unerfülltem Kinderwunsch, die schon viele erfolglose Behandlungen hinter sich haben. Gibt es Fälle, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?
Ja, zum Beispiel ein Paar, das achtmal In-vitro-Fertilisation (IVF), also künstliche Befruchtung und dreimal Insemination hinter sich hatte. Der Frau und dem Mann war gesagt worden, sie seien reduziert fruchtbar. Wir haben dann die Frau mit Zyklustherapie behandelt und den Mann mit Lebensstilmaßnahmen und Nahrungsergänzungsmitteln. Die Frau hatte eine Gelbkörperschwäche, auf die bei IVF nicht so viel Rücksicht genommen wurde. Nach einem Jahr war sie schwanger und hat inzwischen auch entbunden. Oder zum Beispiel ein Paar, das nach fünf frühen Fehlgeburten und drei weiteren Fehlgeburten zwischen der 13. und 24. Woche fast den Mut verloren hatte. Durch die Diagnostik konnte schließlich eine Ursache gefunden werden; heute haben sie einen gesunden Sohn.
Wie helfen Sie Paaren mit Kinderwunsch in Ihrer Klinik?
Wir stellen die Fruchtbarkeit wieder her, sodass das Paar auf natürliche Weise schwanger werden kann. Das heißt: Wir haben keine künstlichen Eingriffe in das Schwangerwerden, sondern wir verbessern die Gesundheit und die Fruchtbarkeit von Mann und Frau, sodass eine natürliche Konzeption möglich wird. Die Basis unserer Arbeit ist die Überzeugung: Je besser die Gesundheit und je besser die Fertilität, desto größer sind die Chancen, schwanger zu werden und schwanger zu bleiben. Zu uns kommen Paare mit primärer Sterilität, also Paare, die nicht schwanger werden können. Es kommen aber auch Paare mit sekundärer Sterilität, also Paare, die nicht schwanger bleiben können und zum Beispiel Fehlgeburten haben. Wir suchen die Ursachen und behandeln sie.
Wie sieht diese Behandlung konkret aus?
Ein zentraler Bestandteil ist die hormonelle Zyklustherapie. Je besser der Zyklus, desto besser die Schwangerschaft. Wir prüfen Follikel, Eisprung und Gelbkörperphase und behandeln gezielt, wenn etwas nicht optimal ist. Wir arbeiten mit den gängigen Medikamenten und kombinieren Ultraschall und Blutabnahmen mit detaillierter Zyklusbeobachtung. Die Frau beobachtet dafür täglich bestimmte Biomarker wie den Zervixschleim und dokumentiert diese. Dadurch entsteht ein Zyklusmuster, das uns viele zusätzliche Informationen liefert. Der zweite Bereich betrifft das Hormonsystem: Häufig therapieren wir beispielsweise die Schilddrüse, damit die Eierstöcke besser funktionieren. Die Hormontherapie wird vom individuellen Zyklus abhängig gemacht. Das ist sehr wichtig, denn es gibt Hormone, die man nur in bestimmten Phasen im Zyklus geben kann. So können sie möglichst effektiv und nebenwirkungsarm eingesetzt werden. Dabei gleichen wir gezielt hormonelle Ungleichgewichte aus und vermeiden Überstimulationen. Viele Frauen fühlen sich dadurch fitter, gesünder, ausgeglichener und belastbarer. Der dritte Bereich betrifft die Organe. Wir schauen, ob es Operationen im Bauchraum gab, Infektionen, verschlossene Eileiter oder Veränderungen wie Polypen oder Myome. Wenn nötig, operieren wir auch. Der vierte Punkt ist das Immunsystem; es hat in vielerlei Hinsicht einen Einfluss auf das Schwangerwerden und -bleiben. Autoimmunerkrankungen können die Konzeption oder die Einnistung behindern. Der fünfte Punkt ist der Lebensstil. Ein gesunder und ausgeglichener Lebensstil ist wichtig für die Fertilität. Auch über die Ernährung kann man bestimmte gynäkologische Erkrankungen unterstützend behandeln. Je länger ich in diesem Bereich arbeite, desto deutlicher wird mir: Es gibt fast nie nur ein einziges Problem. Meist sind es viele kleine Faktoren, die nicht optimal sind und zusammen zur Sterilität führen. Deshalb lohnt es sich, breit zu schauen und viele kleine Dinge zu verbessern.
Sie behandeln also nicht nur die Frau?
Nein, wir behandeln immer beide Partner. Das läuft parallel. Die Frauen behandle ich selbst. Die Männer behandle ich bis zu einem gewissen Grad ebenfalls. Wenn die Problematik meine Kenntnisse übersteigt, arbeite ich mit Andrologen zusammen, also Fachärzten für männliche Fertilität. Man weiß heute: ungefähr 40 Prozent der Probleme liegen aufseiten der Frau, 40 Prozent aufseiten des Mannes. Die wichtigste Untersuchung beim Mann ist das Spermiogramm. Wenn wir sehen, dass die Fertilität des Mannes eingeschränkt ist, schauen wir weiter: Gibt es ein Hormonproblem? Eine Infektion? Ein organisches Problem? Wir sprechen dabei nie von Schuld. Wir haben immer das Paar als Einheit im Blick und sprechen von der gemeinsamen Fruchtbarkeit.
Wie läuft der organisatorische Aspekt ab?
Die Klinik ist in Kleve am Niederrhein. Weil viele Paare von weiter her kommen, haben wir ein Long-Distance-Protokoll entwickelt. Die Paare beginnen mit einem Erstgespräch in der Klinik, sowie einer umfangreichen gynäkologischen Untersuchung. Danach läuft ein großer Teil der Diagnostik online oder in Heimatnähe ab. Das heißt, ich erkläre, welche Blutabnahmen zum Beispiel gemacht werden müssen und die Paare können das bei sich in der Nähe machen. Die weiteren Gespräche finden häufig per Videocall oder telefonisch statt. In der Regel kommen die Paare nur zweimal im Jahr nach Kleve.
Wir arbeiten immer als Team: ich als Ärztin, eine Beraterin und das Paar. Die Beraterinnen lehren online den Paaren die Methode der Zyklusbeobachtung. Außerdem begleiten sie die Paare im Umgang mit der Therapie. Gerade beim Kinderwunsch merkt man oft, dass Paare ihre Erwartungen miteinander abstimmen müssen. Die Diagnostikphase und die Einstellung der Therapie dauern etwa drei bis vier Monate. Danach ist der Zyklus meist gut eingestellt. Anschließend geben wir dem Paar noch ein bis zwei Jahre Zeit, unter regelmäßiger Kontrolle auf natürlichem Weg schwanger zu werden.
Gibt es Voraussetzungen für eine Behandlung in Ihrer Klinik?
Ja, sowohl medizinische als auch soziale. Bestimmte Erkrankungen können eine natürliche Konzeption sehr unwahrscheinlich machen, etwa verschlossene Eileiter, schwere Verwachsungen im Bauchraum bei der Frau oder zu wenige Samenzellen beim Mann. Auch das Alter spielt eine Rolle. Bei Frauen über 43 beginnen wir keine Therapie mehr, weil die Wahrscheinlichkeit einer ausgetragenen Schwangerschaft zu niedrig ist. Wir wissen, dass ab etwa 35 Jahren sowohl die Anzahl als auch die Qualität der Eizellen deutlich abnimmt. Außerdem behandeln wir keine unverheirateten Paare. Der Hintergrund ist, dass statistisch gesehen unverheiratete Paare sich häufiger trennen. Im Hinblick auf das Wohl des Kindes möchten wir eine gewisse Stabilität gewährleisten.
Wann sollte ein Paar sich an Sie wenden?
So früh wie möglich. Das würden wahrscheinlich alle Fertilitätsärzte sagen, unabhängig von der Methode. Eine Frau mit 25 braucht in der Regel eine deutlich leichtere Therapie als eine Frau mit 40. Die klassische Definition von Sterilität lautet: Ein Paar hatte ein Jahr lang ungeschützten Verkehr und wurde nicht schwanger. Wenn ein Paar aber die fruchtbaren Phasen kennt und nutzt, und nach einem halben Jahr nicht schwanger geworden ist, dann weiß man oft schon, dass etwas nicht stimmt.
Worin unterscheidet sich Ihre Arbeit von Methoden der natürlichen Familienplanung wie NER oder Billings?
Es gibt Überschneidungen. FertilityCare, NER und Billings wurden ursprünglich zur natürlichen Familienplanung entwickelt – also zur Identifikation der fruchtbaren und unfruchtbaren Phasen im Zyklus. FertilityCare hat allerdings zusätzlich eine medizinische Komponente. Auf Basis der Zyklusbeobachtung wird eine weiterführende Diagnostik und Therapie aufgebaut, um den Zyklus zu verbessern.
Welche Paare kommen typischerweise zu Ihnen?
Es gibt im Wesentlichen drei Gruppen. Die erste Gruppe sind Paare, die aus ethischen Gründen oder aus einem Wunsch nach Natürlichkeit keine künstlichen Eingriffe möchten. Die zweite Gruppe sind Paare, die bereits alles ausprobiert haben: IVF, intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) – eine spezielle Form der IVF, bei der ein einzelnes Spermium direkt in die Eizelle injiziert wird, oder auch Insemination – oft mehrfach – und bei denen nichts funktioniert hat. Die dritte Gruppe sind Paare mit Fehlgeburten, die Hilfe suchen, um schwanger zu bleiben.
Wie sind die Erfolgsaussichten Ihrer Behandlung?
Es gibt dazu mehrere Studien aus verschiedenen Ländern, in denen Methoden der wiederherstellenden Medizin angewendet werden. Die Lebendgeburtenrate liegt bei etwa 25 bis 35 Prozent, mit steigender Tendenz in den vergangenen Jahren. Zum Vergleich: Bei IVF liegt die Lebendgeburtenrate bei etwa 20 Prozent pro Zyklus. Die Schwangerschaftsrate ist zwar höher, aber es müssen auch die Fehlgeburten berücksichtigt werden. Das zeigt, dass die Methoden der wiederherstellenden Fertilitätsmedizin in ihrer Erfolgsrate mit künstlicher Befruchtung vergleichbar sein können.
Mit welchen Kosten müssen Paare rechnen?
Die Gesamtkosten liegen – je nach Umfang der Therapie – ungefähr zwischen 4000 und 6000 Euro pro Jahr. Leider übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten in der Regel nicht. Deshalb ist es sinnvoll, über eine ambulante private Zusatzversicherung nachzudenken. Es gibt Versicherungen, die genau diese Kosten übernehmen.
Behandeln Sie ausschließlich Kinderwunschpatienten?
Nein. Wir behandeln auch verschiedene Zyklusstörungen, etwa Wechseljahresbeschwerden oder prämenstruelle Beschwerden. Uns geht es generell darum, Therapien im Einklang mit dem natürlichen Zyklus anzubieten. Frauen hören oft vom Frauenarzt, sie sollten aus medizinischen Gründen die Pille nehmen. Wir versuchen stattdessen, eine zyklusadaptierte Therapie anzubieten.
Susanne van der Velden ist Leiterin der FertilityCare-Klinik in Kleve.
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