Transgender

Trans-Hype gefährdet junge Menschen

Pubertätsblocker und gegengeschlechtliche Hormonen sind eine Gefahr. Immer mehr Länder ziehen alarmiert die Reißleine und erschweren den Zugang. Jugendliche in Deutschland können diese bald auch ohne elterliche Zustimmung erhalten.
Immer häufiger geraten besonders junge Frauen in einen Geschlechterrollenkonflikt.
Foto: DT | Immer häufiger geraten besonders junge Frauen in einen Geschlechterrollenkonflikt. Eine Transsexualität liegt deswegen nicht immer vor.

"Entweder Testosteron oder Suizid." Das Gefühl, der Frauenrolle nicht gerecht werden zu können, unangenehme Blicke der Männer auf ihre Brüste, eine zunehmende Essstörung. Auf Youtube erzählt Nele ihre Geschichte. Unterstützt durch Hormone und eine Brustamputation hat die junge Frau eine Zeitlang als Mann gelebt, bevor sie ihre Identität als Frau annehmen konnte. Ihre frühere Singstimme wird sie jedoch auch nach Absetzung des Testosterons nie wieder zurückerhalten, ebenso wenig wie ihre weibliche Morphologie.

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Sofort ein Mann

Sie sei damals mit vielen Fragen in die Therapie gekommen, erzählt sie freimütig. Der Therapeut habe sie aber sofort als Mann angesprochen und ihr bereits bei der ersten Begegnung die Diagnose gestellt, sie sei "trans". Das habe sich zu dem Zeitpunkt gut angefühlt. Heute sieht sie es kritischer. Sie sah aber damals keinen anderen Ausweg aus ihrem körperlichen Unbehagen als Testosteron und Mastektomie (Brustamputation). Im Rückblick sagt sie: "Ich habe den Hass nicht überwunden, sondern das, was ich gehasst habe, aus dem Weg geschafft."

Seit einigen Jahren explodieren weltweit die Zahlen an pubertierenden Mädchen mit einem "Transitionswunsch", dem Wunsch, ihren weiblichen Körper ihrer vermeintlich eigentlichen, männlichen Identität anzugleichen. Damit tun sie genau das, was sie der binären Geschlechterordnung vorwerfen, nämlich Rollenstereotype bestätigen, anstatt sie zu hinterfragen. In Großbritannien stieg die Anzahl von Jugendlichen mit einer sogenannten Geschlechtsdysphorie zwischen 2010 und 2020 von 138 auf 2748, darunter über 60 Prozent Mädchen.

Der Anteil von Mädchen stieg von 2009 bis 2017 um 4500 Prozent. Ähnlich dramatische Zahlenverhältnisse lassen sich für Schweden und die USA ermitteln. Auch in Deutschland vermelden Kliniken, die Kinder und Jugendliche mit Geschlechtsdysphorie behandeln, rapide steigende Zahlen. Die Ursachen für die massiv anwachsende Gruppe an jungen Mädchen mit einem Unbehagen im eigenen Körper sind vielfältig und schlecht erforscht. Ein von Transaktivisten und Politikern vorgebrachtes Argument ist, dass durch eine offenere Gesellschaft und eine höhere Sensibilisierung der Bevölkerung die Hemmschwelle für "Coming-outs" gesunken sei. Doch dies erklärt nicht, warum Eltern und Therapeuten inzwischen von Schulklassen berichten, in denen sich bis zu fünf Mädchen als "trans" bezeichnen.

Transgender verstärkt Rollenbilder

Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Monika Albert sieht in ihrer Praxis mehr und mehr Jugendliche, die sich fragen, ob sie im richtigen Körper stecken. Bei Mädchen entstehe ein Unbehagen mit dem eigenen Körper häufig durch die Konfrontation mit einem weiblichen Rollenmodell, das unerreichbar scheint oder abgelehnt wird. "Die stark sexualisierte Gesellschaft stellt immer höhere Anforderungen gerade an den weiblichen Körper. Die Sozialen Medien sorgen dafür, dass sich die Jugendlichen ständig gegenseitig bewerten. Pornografie präsentiert weibliches Sexualerleben auf eine Weise, die gerade Mädchen in einem Alter, in dem noch viel Unkenntnis und Unschuld da ist, erschrecken und abstoßen.

Die Erklärung ist dann für viele Mädchen eben nicht, dass in der Gesellschaft etwas falsch läuft, sondern dass sie selbst falsch sind." Ihre Beobachtung sei, dass die Jugendlichen selbst, ihr Umfeld und auch Psychotherapeuten zunehmend nach Rollenkonformität beurteilen. "Trans" sein erscheine plötzlich vielen als willkommenes Erklärungsmodell, das von der Transcommunity und auch den Medien suggeriert und mit einem Glücksversprechen verbunden werde, beobachtet die Psychotherapeutin, die selbst Gender Studies studiert hat.

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Öffentlich- rechtlich ideologisch

In einem Anfang Juni veröffentlichten Aufruf werfen 120 Wissenschaftler und Ärzte dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk vor, sich in Sendungen für Kinder und Jugendliche die Transgenderideologie zu eigen zu machen und wissenschaftliche Tatsachen zu leugnen. Der "Weg in den richtigen Körper" werde als kinderleichter Schritt geschildert, der die teils irreversiblen körperlichen und psychischen Folgen von Pubertätsblockern, Hormongaben und der Entfernung von Brüsten und Gebärmutter unerwähnt lasse. Pubertätsblocker dürfen in Deutschland bereits ab etwa 12 Jahren verschrieben werden, gegengeschlechtliche Hormone ab 16.

Die entsprechenden medizinischen Leitlinien sind allerdings nur Empfehlungen, die Altersgrenzen werden auch heute schon immer wieder unterschritten und fallen möglicherweise in der für 2022 erwarteten Neuauflage der Leitlinien komplett weg. Zu den irreversiblen Folgen und noch schlecht erforschten Langzeitwirkungen von Pubertätsblockern und Hormongaben gehören etwa eine Verringerung der Knochendichte und dauerhafte Unfruchtbarkeit.

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Vorarbeit für die Poltik

"Hier wird vorgearbeitet für die von Grünen und FDP geplante Reform des Transsexuellengesetzes", zeigen sich die Unterzeichner des Aufrufs alarmiert. Die Ampelkoalition möchte das aktuelle Transsexuellengesetz durch ein sogenanntes Selbstbestimmungsgesetz ersetzen. Demnach soll für Personen ab 14 Jahren eine Änderung des Geschlechtseintrags im Personenstand künftig ohne elterliche Zustimmung und "per Selbstauskunft", also ohne medizinische Gutachten möglich sein. Der Queer-Beauftragte der Bundesregierung Jens Lehmann hat angekündigt, noch vor der parlamentarischen Sommerpause Eckpunkte des Gesetzes vorzustellen. Er stand unserer Zeitung nicht für ein Gespräch zur Verfügung.

Auch in der Medizin stehen die Zeichen auf Entpathologisierung. "Geschlechtsdysphorie" hat in 
der fünften Auflage des "Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders" (DSM 5) die frühere Diagnose der Geschlechtsidentitätsstörung ersetzt. Geschlechtsdysphorie meint den "klinisch relevanten Leidensdruck, der sich aus der Diskrepanz zwischen Gender und Zuweisungsgeschlecht ergeben kann".

Die empfundene Nichtübereinstimmung zwischen "sex" als dem angeblich bei der Geburt zugewiesenen und "gender" als "sozialem Geschlecht" bezeichnet medizinisch damit fortan eine normale Form der Geschlechtsentwicklung. Sie wird damit nur durch den aus ihr resultierenden Leidensdruck klinisch relevant, aber nicht mehr selbst als Krankheit oder Störung aufgefasst. 

Therapeuten mit Maulkorb 

Eine Diagnose ist nach heutigem Stand immer noch Voraussetzung für die Verschreibung von Pubertätsblockern, gegengeschlechtlichen Hormonen und die Übernahme von "geschlechtsangleichenden" Operationen durch die Krankenkassen. Bereits jetzt ist es jedoch für Therapeuten zunehmend schwieriger, ergebnisoffen mit jungen Menschen zu arbeiten, die mit einem Transitionswunsch in ihre Praxis kommen.

Das "Gesetz zum Schutz vor Konversionsbehandlungen" vom 12. Juni 2020 untersagt Behandlungen von Minderjährigen, "die auf die Veränderung oder Unterdrückung der sexuellen Orientierung oder der selbstempfundenen geschlechtlichen Identität gerichtet sind". Unter Letzteres fällt auch eine selbstempfundene Transidentität. "Früher stand Transsexualismus als Diagnose am Ende eines therapeutischen Prozesses. Das ist heute nicht mehr so. Eine durch einen Jugendlichen selbstempfundene Transidentität muss seit dem Gesetz von 2020 als Fakt anerkannt werden, sonst macht man sich als Therapeut strafbar", erklärt Albert.

Dabei müsse gerade im Jugendalter dieser Wunsch danach hinterfragt werden, ob es andere Ursachen gibt und ob eine Aussöhnung mit dem biologischen Geschlecht stattfinden kann. "Es bereitet mir große Not, zu sehen, dass die-
se Chance den Jugendlichen genommen wird. Die weitreichenden Entscheidungen, die sie da treffen sollen, können sie noch gar nicht ermessen", zeigt sich Albert besorgt. Als eine Therapie noch Voraussetzung für Hormonbehandlungen war, sei auch die Bereitschaft der Jugendlichen für einen ergebnisoffenen Prozess noch höher gewesen.

"Da habe ich wiederholt die Erfahrung gemacht, dass die Jugendlichen selbst erkannt haben, dass ihr Problem ein anderes war, zum Beispiel soziale Ängste, und dass eine Aussöhnung mit ihrem Geschlecht möglich war." Verschiedene Langzeitstudien wie die der Universität Toronto von 2021 bestätigen Alberts Erfahrung. Sie zeigen, dass Minderjährige, die einen Transitionswunsch äußern, aber keine Pubertätsblocker oder gegengeschlechtliche Hormone erhalten, sich bis zu 90 Prozent im Erwachsenenalter mit ihrem biologischen Geschlecht ausgesöhnt haben.

Gesetz gefährdet Familien

Monika Albert fürchtet, dass mit dem neuen Selbstbestimmungsgesetz gerade dort ein Keil zwischen Kinder und Eltern getrieben wird, wo der familiäre Zusammenhalt besonders wichtig wäre. Die "EMMA"-Redakteurin Chantal Louis (Interview Seite 25) gehört ebenfalls zu den entschiedenen Gegnern des Selbstbestimmungsgesetzes. Es sei Augenwischerei, wenn Politiker behaupten, es ginge nur um einen Geschlechtswechsel auf dem Papier. Die Erfahrung zeige, dass einer solchen "sozialen Transition" in den meisten Fällen auch medizinische Maßnahmen folgten, auch bei Minderjährigen.

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Sie befürchtet eine wachsende Zahl derer, die, wie Nele, zu früh und zu schnell in eine "Transition" mit irreversiblen Maßnahmen wie einer Mastektomie gedrängt werden und es nachher bereuen. Gegenüber dem "Redaktionsnetzwerk Deutschland" hat Jens Lehmann argumentiert, dass weniger als ein Prozent von "Transitionierern" diese Entscheidung bereue. Die amerikanische Medizinerin und Professorin Lisa Littmann hat jedoch mit einer Umfrage unter 100 sogenannten Detransitionierern 2021 herausgefunden, dass weniger als ein Viertel von ihnen die entsprechenden Kliniken über ihre Detransition informiert hat. 55 Prozent der Befragten gaben an, vor der Transition keine adäquate Begutachtung von ihrem Arzt oder Psychologen erhalten zu haben.

Eine 2021 in der US-amerikanischen Zeitschrift "LGBT Health" erschienene, auf der Befragung von über 27000 Transpersonen beruhende Studie behauptet sogar, dass die Detransitions-Rate 13,1 Prozent beträgt.

Zugang erschwert

Andere Länder wie Großbritannien und Schweden schränken aktuell den Zugang zu Pubertätsblockern und Hormonpräparaten für Minderjährige drastisch ein, da immer mehr Mediziner Alarm schlagen. "Ich kann nur schwer verstehen, dass Deutschland nicht versucht, aus den Fehlern anderer Länder zu lernen, anstatt mit Volldampf gegen die Wand zu fahren", kann Chantal Louis nur den Kopf schütteln.

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Franziska Harter FDP

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