Medien

Kritik an einer Kultur der Angst

Nigerianische Autorin prangert Verhalten junger Menschen in sozialen Netzen an von Katrin Krips-Schmidt
Chimamanda Ngozi Adichie
Foto: dpa

Chimamanda Ngozi Adichie ist Feministin. Das hält sie nicht davon ab, ihre Meinung zu dem – gerade auch für Frauenrechtlerinnen - immer drängender werdenden Transgender-Thema offen zu äußern und militanten Trans-Aktivisten Paroli zu bieten. In einem vielbeachteten Essay kritisiert sie darüber hinaus das Verhalten der jungen Generation in den sozialen Netzwerken. Adichie ist eine nigerianische Schriftstellerin, deren Werk vielfach ausgezeichnet wurde. Die 43-Jährige schreibt über Rassismuserfahrungen und wurde unter anderem bekannt durch ihren Ted-Talk „We should all be feminists!“. Ihre literarische Begabung gibt die Inhaberin mehrerer Ehrendoktortitel in Workshops über „Kreatives Schreiben“ an junge afrikanische Literaten weiter.

In dem vor kurzem veröffentlichten Essay „It is obscene“, der in der anglophonen Presse so viel Aufmerksamkeit erregte, dass ihre Webseite kurzzeitig abstürzte, beklagt sich die Autorin über Diffamierungen, die ausgerechnet von zwei Teilnehmern ihrer Schreibseminare in Lagos ausgingen. Adichie war sogar mit ihnen befreundet und unterstützte sie beim Publizieren eigener Werke. Später nahmen sie ihr aber angeblich „transphobe“ Äußerungen übel und äußerten ihre Kritik lautstark in den sozialen Netzwerken. 2017 hatte Adichie in einem Interview gesagt, „Transfrauen sind Transfrauen“ – was dem in LGBT-Kreisen kursierenden Mantra „Transfrauen sind Frauen“ widerspricht. Später nahm Adichie auch die „Harry Potter“-Autorin J. K. Rowling in Schutz, der ebenfalls Transphobie unterstellt worden war. Obwohl namentlich in ihrem Essay nicht genannt, handelt es sich bei einem der Adichie-Kritiker um den Nigerianer Akwaeke Emezi, der sich als „non-binär“ – also als weder männlich noch weiblich – identifiziert.

Unverhohlen spricht Adichie in ihrem Essay auch die problembehaftete Kommunikation in den sozialen Netzwerken unter jungen Leuten an sowie deren Angst davor, irgendetwas zu äußern, was sich rasant in Angriffe auf die eigene Person verwandeln könnte: Freunde könnten so blitzartig zu Feinden werden - die junge Generation steigere sich in eine geradezu wahnhafte Nutzung ihrer Instagram- und Twitteraccounts hinein. Wir hätten es heute in den sozialen Netzwerken mit einer Generation junger Menschen zu tun, schreibt Adichie in ihrem Text „It is obscene“, „die so große Angst davor haben, falsche Meinungen zu haben, dass sie sich selbst die Möglichkeit nehmen, zu denken, zu lernen und sich weiterzuentwickeln“. So habe sie mit jungen Menschen gesprochen, „die mir gesagt haben, dass sie große Angst davor hätten, etwas zu twittern, dass sie ihre Texte immer und immer wieder lesen, weil sie befürchten, dass sie von ihresgleichen angegriffen werden. Dass jemand im guten Glauben handeln könnte, hat sich erledigt. Was zählt, ist nicht das Gute, sondern der Anschein des Guten. Wir sind keine Menschen mehr. Wir sind jetzt Engel, die sich gegenseitig aus diesem Zustand hinauswerfen. Gott helfe uns. Es ist obszön." Das Ergebnis, so lässt sich Adichies Beitrag resümieren, ist eine Kultur, in der Menschen allzu schnell Anstoß an vorgeblichen Beleidigungen nehmen, zugleich aber selbst nicht zögern, gegen andere auszuteilen. Eine Erkenntnis, die leider nur allzu selten in der Öffentlichkeit vermittelt wird. Adichie hat sie ausgesprochen.

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