Es war mitten in der Nacht. In Emmas Zimmer war es ganz dunkel. Der Mond hatte sich versteckt, und nicht einmal das kleine Nachtlicht brannte. Plötzlich wachte Emma auf. Ihr Herz klopfte ganz wild, denn sie hatte gerade etwas Schlimmes geträumt. Sie setzte sich im Bett auf und streckte vorsichtig die Hand aus. Irgendwo an der Wand musste doch der Lichtschalter sein! Doch egal, wie sie tastete – sie fand ihn nicht. Emma war ganz verwirrt: „Mama? Papa?“, rief sie zuerst leise, dann etwas lauter, und schließlich jammerte sie: „Ich hab Angst! Es ist so dunkel!“
Endlich hörte sie Schritte auf dem Gang. Die Tür ging auf – und herein stapfte ihr großer Bruder Jonas. „Was hast du denn, Emma?“, murmelte er verschlafen. „Du weckst ja das ganze Haus.“ „Ich finde den Lichtschalter nicht! Alles ist so dunkel!“, schluchzte Emma. Jonas seufzte, streckte den Arm aus und klick – das Licht ging an. „Da! Problem gelöst“, sagte er ein bisschen genervt. „Schlaf jetzt wieder!“ Aber obwohl das Zimmer nun hell war, fühlte Emma sich immer noch klein und ängstlich. Die Schatten unter dem Tisch sahen plötzlich wie große Tiere aus. Und in ihrem Bauch war noch immer dieses mulmige Gefühl.
„Kannst du noch ein wenig bleiben?“, bat sie ihren Bruder; „ich fürchte mich.“ Jonas verdrehte die Augen: „Selber schuld, wenn du vor dem Schlafengehen solche Geschichten liest!“ Er wollte gerade gehen, als Opa im Morgenmantel hereinkam. „Na, was ist denn hier los?“, fragte er mit seiner warmen Stimme. Jonas zuckte mit den Schultern: „Ich hab doch schon das Licht angemacht.“ Opa nickte. Dann setzte er sich zu Emma aufs Bett und wischte ihr eine Träne von der Wange: „Du hast dich erschrocken, hm?“ Emma nickte. „Manchmal“, sagte Opa leise, „ist es nicht nur draußen dunkel. Manchmal fühlt es sich auch im Herzen dunkel an.“
Emma schmiegte sich an Opa und nach einer Weile atmete sie wieder ruhiger. Das Zimmer sah schon gar nicht mehr so unheimlich aus. „Weißt du“, sagte Opa, „das erinnert mich an eine Geschichte aus der Bibel.“ „Welche?“, fragte Emma. „Eine Geschichte aus dem Johannes-Evangelium. Dort wird erzählt, dass Jesus einmal einen Mann traf, der von Geburt an blind war.“ „Der konnte gar nichts sehen?“, fragte Emma. „Genau“, sagte Opa. „Viele Menschen dachten damals: Wer nichts sieht, versteht auch nichts. Wahrscheinlich bestraft ihn Gott für irgendwas. Aber Jesus zeigte ihnen etwas ganz anderes.“
„Was denn?“, fragte Emma. Opa lächelte. „Jesus half dem Mann, endlich sehen zu können. Aber das Spannende ist: Manche Leute, die gesunde Augen hatten, verstanden trotzdem nicht, was wirklich passiert war.“ Emma runzelte die Stirn. „Sie konnten sehen“, erklärte Opa, „aber sie verstanden nichts mit ihrem Herzen.“ Emma dachte kurz nach. „Also sie waren … blind im Herzen?“ „Ganz genau.“ Opa nickte. „Und der Mann, der vorher blind war, der sah plötzlich mehr als alle anderen. Er erkannte Jesus – nicht nur mit den Augen, sondern mit dem Herzen.“ Opa zeigte auf Emmas Brust. „Man sieht nämlich nur mit dem Herzen gut.“
Emma lächelte ein bisschen. „Jonas hat das Licht angemacht“, sagte sie. „Aber du hast mich getröstet.“ Opa zwinkerte. „Manchmal braucht man beides. Ein Licht im Zimmer – und ein Licht im Herzen.“ Emma kuschelte sich wieder unter ihre Decke. Jetzt fühlte sich alles warm und sicher an.
Jonas stand noch immer an der Tür und kratzte sich am Kopf. „Okay“, murmelte er. „Das war jetzt irgendwie … schlauer als mein Lichtschalter.“ Opa lachte leise. Und diesmal schlief Emma ganz schnell wieder ein – mit dem Licht von Jesus in ihrem Herzen.
Der Autor ist ständiger Diakon, Lehrer und Theologe und lebt mit seiner Frau und vier Kindern bei Landsberg am Lech.
Auflösung zum Bibel-Quiz:
Aus was macht Jesus einen Teig? – Erde und Speichel
Was bedeutet Schiloach? – Der Gesandte
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