Was für ein Abend! Eigentlich hatten sich alle auf das Abendmahl gefreut, das an den Weg erinnert, der das Volk Israel einst in die Freiheit geführt hatte. Aber dann war Jesus plötzlich aufgestanden, um seinen Jüngern die Füße zu waschen. Dass sich ausgerechnet der Meister so erniedrigte, war ihnen peinlich. Judas schien sogar wütend deswegen: Er war aufgesprungen und hinaus in die dunkle Nacht gegangen. Würde er wirklich Jesus verraten? Keiner konnte es fassen und alle waren ganz aufgebracht. Aber damit nicht genug! Jetzt redete auch der Meister davon, dass er weggehen werde.
Da fragte ihn Petrus: „Herr, wohin willst du denn gehen?“ Jesus antwortete ihm: „Wohin du mir nicht folgen kannst, Simon.“ Petrus rief empört: „Und ob ich das kann! Ich würde sogar mein Leben für dich hingeben.“ Aber Jesus meinte nur: „Noch in dieser Nacht wirst du dreimal sagen, dass du mich nicht kennst.“ Jetzt waren alle erschüttert. Jetzt sah Jesus in ihre angespannten Gesichter und in ihre Herzen, die voller Angst waren.
„Euer Herz soll sich nicht erschrecken. Vertraut auf Gott – und vertraut auf mich.“ Thomas atmete tief aus: „Wie sollen wir ruhig bleiben?“, fragte er. „Judas ist fort. Du sagst, Petrus wird dich verleugnen. Und jetzt redest du davon, wegzugehen.“ Und Thaddäus meinte: „Eben noch hast du uns gezeigt, wie sehr du uns liebst – als du uns die Füße gewaschen hast. Warum willst du uns jetzt verlassen?“ Jesus antwortete ruhig: „Ich verlasse euch nicht. Ich gehe zum Vater.“ Die Jünger sahen sich ratlos an. „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten. Den Weg dorthin kennt ihr.“
Thomas runzelte die Stirn. „Aber wir wissen doch gar nicht, wohin du gehst! Wie sollen wir den Weg kennen?“ Jesus sah ihn freundlich an: „Ich bin doch der Weg! Ich bin die Wahrheit und das Leben.“ Die Jünger schwiegen nachdenklich. „Der Weg ist nicht irgendeine Straße, auf der man geht. Der Weg ist das Leben, das ich euch gezeigt habe: Als ich euch die Füße gewaschen habe, als ich Kranke geheilt habe, als ich vergeben habe – das alles war der Weg! Wenn auch ihr so lebt, dann geht ihr diesen Weg; und der führt euch zu meinem Vater.“
Da meldete sich Philippus. „Bitte, Herr, zeig uns doch den Vater! Dann hätten wir keine Angst mehr.“ Jesus sah ihn an und seufzte. „Philippus“, sagte er ruhig, „jetzt bin ich schon so lange bei euch – und du verstehst es nicht? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen!“ Da erinnerten sich die Jünger an die vielen Menschen, denen Jesus geholfen hatte, an seine Geduld, an seine Liebe. „Glaubt mir halt: Ich bin im Vater, und der Vater ist in mir. Wenn euch das schwerfällt, dann denkt an das, was ihr gesehen habt.“ Die Jünger beruhigten sich allmählich.
„Ich will euch etwas verraten“, sagte er dann: „Wer an mich glaubt, wird die gleichen Werke tun wie ich – ja, sogar noch größere. Denn ich gehe zum Vater.“ „Größere Werke?“, flüsterte Petrus. Jesus nickte. „Ihr werdet meinen Weg weitergehen. Ihr werdet Menschen Mut machen und ihnen zeigen, wie Gott ist.“ Die Jünger schwiegen. Noch verstanden sie nicht alles, aber sie merkten: Jesus bereitete sie auf etwas vor – nicht auf einen Abschied, sondern auf einen Weg.
Sechs Wochen später standen sie zusammen und blickten zum Himmel empor. Sie hatten gesehen, wie Jesus zu seinem Vater gegangen war. Und da erinnerten sie sich an jene Nacht: an das Mahl, bei dem Jesus ihnen die Füße gewaschen hatte, und wie er sagte: „Ich bin der Weg.“ Jetzt verstanden sie: Dieser Weg ist nicht zu Ende. Der Weg Jesu geht weiter – und Jesus geht mit ihnen!
Der Autor ist ständiger Diakon, Lehrer und Theologe und lebt mit seiner Frau und vier Kindern bei Landsberg am Lech.
Auflösung zum Bibel-Quiz:
Was sagt Jesus über unser Herz? – Es soll sich nicht verwirren lassen
Wie kommt man zum Vater? – Durch Jesus
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