Gerade hatte die Lehrerin den Unterricht begonnen, als es an der Zimmertür klopfte. Ein schmaler Junge trat zögerlich ein. Er trug eine viel zu große Jacke und einen Rucksack, der aussah, als hätte er schon einige Jahre hinter sich. „Das ist Amir“, sagte die Lehrerin freundlich. „Er ist neu in unserer Klasse.“ Einige Kinder nickten nur kurz, andere musterten ihn neugierig. Als Amir seinen Namen sagte, sprach er etwas unsicher. Sofort kicherten zwei Jungen aus der letzten Reihe. „Kennt der seinen Namen nicht? Klingt voll komisch“, flüsterte einer laut genug, dass fast alle es hören konnten: Noch mehr Gelächter.
Jonas lachte nicht mit; er fand das gemein. Eigentlich wollte er Amir grüßen, traute sich aber nicht mehr, denn er spürte ein unangenehmes Ziehen im Bauch. Amir schaute auf den Boden und hielt die Träger seines Rucksacks ganz fest, als suche er Halt. In der Pause stand Amir allein am Rand des Schulhofs. Jonas sah kurz zu ihm hinüber. Dann tat er so, als hätte er ihn nicht bemerkt.
Beim Mittagessen daheim sagte Jonas kein Wort. Er stocherte in seinem Teller herum. „Was bedrückt dich denn?“, fragte Opa. „Bei uns ist ein Neuer in der Klasse: Amir“, sagte Jonas. „Die anderen haben ihn ausgelacht … und ich hab nichts gesagt.“ Opa nickte langsam: „Und jetzt hast du ein schlechtes Gewissen?“ Jonas sah auf seine Hände und seufzte: „Schon.“ Eine Zeit lang schwiegen beide. Schließlich fragte Opa: „Willst du wissen, was Jesus dazu sagt?“ Jonas zuckte mit den Achseln. Opa antwortete trotzdem: „Er sagt: Fürchtet euch nicht!“ Jonas verzog den Mund: „Leicht gesagt!“
„Ich weiß schon“, sagte Opa, „aber Jesus will uns Mut machen. Er wusste genau, dass Menschen Angst haben. Denn keiner will gerne ausgelacht werden oder allein dastehen: du nicht und Amir auch nicht. Jesus meint aber: Nichts ist verborgen, das nicht ans Licht kommt. Die Wahrheit zeigt sich, Jonas! Wenn jemand unfair behandelt wird, dann spüren das die meisten eigentlich ganz genau – auch wenn sie erst lachen.“ Opa kramte seine alte Bibel hervor. „Da steht’s: ‚Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet im Licht.‘ Wir sollen das Gute nicht verstecken. Wenn du weißt, dass etwas falsch läuft, dann darfst du mutig sein.“
„Aber ich hatte Angst“, murmelte Jonas. „Natürlich“, sagte Opa freundlich. „Mut bedeutet auch nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, dass man die Angst nicht bestimmen lässt, was richtig ist! Jesus meint sogar, wir brauchen uns nicht einmal vor denen fürchten, die gewalttätig sind. Sie können dich zwar kleinmachen oder verletzen, aber sie können dir nicht deinen Wert wegnehmen. Sie können auch nicht bestimmen, wer Amir wirklich ist; denn Gott hat ihn lieb.“ Opa las weiter: „Bei euch sind sogar die Haare auf dem Kopf gezählt.“ Jonas musste grinsen: „Kann nicht sein.“ „Doch!“, lachte Opa und verwuschelte Jonas die Haare. „Kein Mensch ist Gott egal. Keiner kann euch ein Haar krümmen, ohne dass Gott es sieht!“
Am nächsten Morgen pochte Jonas das Herz, als er das Klassenzimmer betrat. Amir saß wieder allein da. Ein paar Kinder grinsten schon und tuschelten. Jonas merkte, wie die Angst wiederkam. Doch die Worte von Opa und Jesus machten ihm Mut: Hab keine Angst vor Menschen, die andere kleinmachen wollen! „Jesus ist mit mir“, sagte er sich, „und mit Amir!“ Jonas ging langsam durch die Klasse, an seinen Freunden vorbei und setzte sich neben Amir. „Hi“, sagte er, „ich bin Jonas. Darf ich neben dir sitzen?“ Im Klassenzimmer wurde es plötzlich ganz still. Keiner sagte etwas. Amir lächelte vorsichtig. Und niemand traute sich, ihn zu verspotten.
Der Autor ist ständiger Diakon, Lehrer und Theologe und lebt mit seiner Frau und vier Kindern bei Landsberg am Lech.
Auflösung zum Bibel-Quiz:
Wieviel kosten zwei Spatzen? – Einen Pfennig
Was ist bei den Menschen gezählt? – Die Haare auf dem Kopf
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