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Sind Covid-Impfstoffe mit DNA verunreinigt?

Wie sicher sind mRNA-Impfstoffe? Auch Jahre nach Einführung gibt es noch Diskussionen. Die zuständige Behörde hat es mit Aufklärung scheinbar nicht eilig.
Comirnaty-Phiole
Foto: IMAGO/BEAUTIFUL SPORTS/KJPeters (www.imago-images.de) | Geringe DNA-Mengen sind in den zugelassenen mRNA-Impfstoffen produktionsbedingt enthalten und unvermeidlich. Doch werden dabei Grenzwerte überschritten? Das ist nach wie vor nicht völlig geklärt.

Das Schreiben, das Anfang Dezember letzten Jahres an viele Arztpraxen versandt wurde, sah einem „Rote-Hand-Brief“ ziemlich ähnlich. Mit diesen Informationsschreiben weisen üblicherweise Pharmafirmen Ärzte auf neu aufgetretene Risiken oder Probleme mit Medikamenten hin. Diesmal allerdings hieß der Absender, der in dem Schreiben vor „Haftungsrisiken für Ärzte“ wegen „Aufklärungspflichtverletzung“ warnte, sollten diese weiterhin mRNA-basierte Covid-Impfstoffe verabreichen, nur enigmatisch „Medizinischer Behandlungsverbund“. Obwohl schnell klar war, dass das Schreiben entgegen der Gepflogenheiten weder vom Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie autorisiert, noch mit dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI), der Behörde, die in Deutschland über die Sicherheit von Impfstoffen wacht, abgesprochen war, und damit an eine bewusste Fälschung grenzte, fachten die darin enthaltenen Vorwürfe eine Diskussion an, die auf kleiner Flamme bis heute köchelt.

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Worum geht es? Angeblich, so heißt es in dem Schreiben, könne durch die Impfstoffe (explizit genannt wird das durch BioNTech in Deutschland entwickelte Vakzin Comirnaty) das menschliche Genom „dauerhaft verändert werden“. Grund dafür seien „DNA-Kontaminationen“. In den Impfstoffen seien zu große Mengen des Erbmaterials enthalten – bis zu 70 mal mehr als in einschlägigen Richtlinien erlaubt. Der Grenzwert, das geht auch aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Abgeordneten-Anfrage hervor, beträgt zehn Nanogramm DNA pro Impfdosis.

Die Autoren des Warnschreibens beziehen sich offenbar auf Ergebnisse entsprechender Labortests (durchaus namhafter) amerikanischer Forscher, die diese im Frühjahr und Herbst 2023 in sogenannten „Preprints“, also noch nicht von Gutachtern bestätigten und veröffentlichten Forschungspapieren, öffentlich gemacht hatten. Auch eine deutsche Molekularbiologin, Brigitte König, hat im September 2023 die amerikanischen Tests wiederholt und gibt an, dabei ebenfalls erhöhte DNA-Werte gemessen haben. König, die in Magdeburg ein Labor betreibt und in der Vergangenheit als außerplanmäßige Professorin am Universitätsklinikum Leipzig beschäftigt war, stand mit ihren Ergebnissen dann auch im Zentrum einer Dokumentation des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR), die Mitte Dezember 2023 ausgestrahlt, jedoch bereits wenige Tage später wieder aus dem Netz genommen wurde. Journalistische Qualitätsstandards, so der MDR in einer nachträglichen Stellungnahme, seien nicht eingehalten worden.

Krebs durch Impfung?

Nachdem die Dokumentation für einige Aufregung gesorgt hatte, veröffentlichte das PEI als zuständige Behörde schließlich am 22. Dezember nochmals ein Informationsschreiben, das die amerikanischen und deutschen Testergebnisse kritisierte. Da sie bestimmte Kriterien, wie etwa die Verwendung durchgängig gekühlter und nicht abgelaufener Impfstoff-Fläschchen, nicht eingehalten hätten, seien sie wissenschaftlich nicht haltbar. Außerdem würde bei der Herstellung der Covid-mRNA-Impfstoffe keine DNA aus Zellen tierischen Ursprungs eingesetzt, weshalb eine potenzielle „Tumorigenität“ nicht gegeben sei. Mit anderen Worten: die in der Debatte gelegentlich geäußerte Befürchtung, die in den Impfstoffen enthaltene (bakterielle) DNA könne eventuell Krebs auslösen (wofür ein Einbau der DNA in das menschliche Genom nötig wäre), sei falsch.

Diese Darstellung wiederum zog König zusammen mit einer Gruppe von Autoren, darunter auch der habilitierte Laboratoriumsmediziner, Infektiologe und Lebensrechtler Paul Cullen, in einem Gastbeitrag für „cicero.de“ in Zweifel. „Wir fragen uns, woher das PEI diese Zuversicht nimmt“, kommentieren die Autoren die Einschätzungen des PEI zum Krebsrisiko. Denn in der Forschung werde derzeit als „hot topic“ diskutiert, dass sich „bakterielle DNA sehr wohl ins menschliche Genom integrieren und damit krebserregend wirken könnte“.

Demgegenüber argumentiert etwa Friedemann Weber, Virologe der Universität Giessen, in einem Interview mit dem MDR, dass eine Integration ins menschliche Genom selbst dann sehr unwahrscheinlich sei, wenn die bakterielle DNA in den Zellkern (wo sich die menschliche DNA befindet) eindringe: „Wenn wir etwa von Adenoviren angegriffen werden, dann kommen darüber erheblich größere Mengen an DNA in den Zellkern, die in sehr seltenen Fällen auch integriert. Und da gibt es keine mir bekannten Berichte, dass dadurch Tumore ausgelöst werden.“

Wie auch immer die theoretischen Risiken tatsächlich zu bewerten sind – eine Einschätzung drängt sich sowohl den kritischen, wie auch den beruhigenden Stimmen auf. „Es wäre natürlich hilfreich, wenn die spezialisierten OMCLs (amtliche Untersuchungslabore, in Deutschland das PEI, Anm. d. Red.) die Daten zur Prüfung der Impfstoffchargen veröffentlichen und so zeigen, hier ist das, was wir gemessen haben im Vergleich zu dem Privatlabor“, meint etwa der Molekularbiologe Emanuel Wyler, ebenfalls gegenüber dem MDR. Das Problem: das PEI misst, so wenigstens steht es in dem Informationsschreiben vom 22. Dezember 2023, den DNA-Gehalt nicht selbst, sondern verlässt sich auf die Hersteller. Lediglich deren dokumentierte Testergebnisse werden vom PEI in Augenschein genommen und „geprüft“. Dabei beruft sich das PEI auch auf die europäische Ebene: Die Entscheidung hinsichtlich der zu überprüfenden Parameter obliege dem „OCABR-Netzwerk“ (Official Control Authority Batch Release) und sei „evidenzbasiert und wissenschaftlich begründet, da sie auf Daten und Erkenntnissen basiert, die im Rahmen des Entwicklungsprozesses erhoben und im Zulassungsprozess geprüft wurden“. Die Zulassung wiederum erfolgte durch die EU-Kommission.

Haben die Labore Angst?

Ob sich das PEI zwangsläufig einer eigenen Untersuchung enthalten muss, ist damit allerdings nicht geklärt. Cullen zumindest zeigt sich auf Nachfrage der „Tagespost“ wenig überzeugt. „Wenn es sich ein eigenes Bild von der Lage verschaffen wollte, dann wäre es eine Kleinigkeit für das Paul-Ehrlich-Institut – oder irgendein Institut –, die Befunde von McKernan (einer der amerikanischen Forscher, Anm. d. Red) zu überprüfen. Das kann jedes Labor machen, das ein bisschen Gentechnik beherrscht.“ Warum aber ist dann eine weitere Wiederholung der Tests zumindest in Deutschland seither nicht erfolgt? Der MDR, sagt Cullen, habe es im Zuge der Recherche für die später gecancelte Dokumentation versucht, und sogar bei ihm selbst nachgefragt, ob er Labore kenne, die die Verunreinigungen nachweisen könnten. Doch alle Labore, privat oder an einer Universität, hätten abgewunken. Aus Angst vor Konsequenzen für Reputation und Auftragslage, sollten sie die Verunreinigungen bestätigen, mutmaßt Cullen.

Zu dieser Einschätzung passt ein Auszug aus der Erklärung des MDR nach der „Depublikation“ der umstrittenen Fernsehdokumentation: Um Königs Ergebnisse überprüfen zu lassen, habe „die zuständige Redaktion zahlreiche Labore angefragt, um eine unabhängige fachkundige Überprüfung zu ermöglichen, die nachvollziehbar die Qualitätssicherung der benannten Messmethode entsprechend der wissenschaftlichen Standards verifiziert. Dies war bis zur Veröffentlichung des Beitrags nicht möglich“.

Anders, so Cullen, verhalte es freilich, wenn das PEI eine Untersuchung beauftrage. Denn dann handele es sich um einen amtlichen Auftrag. Vor diesem Hintergrund spielt Cullen auch den Vorwurf zurück, McKernan oder König hätten bei den Messungen die vom PEI definierten Kriterien nicht beachtet. Selbst wenn dem so sei, müsse dies doch nur umso mehr Motivation sein, selbst transparent Messungen durchzuführen – und der Diskussion so möglicherweise ein Ende zu bereiten.

Der correctiv-Faktencheck

Oder ist genau das, eine unabhänige Untersuchung durch das PEI, doch bereits geschehen? Eine weitere Volte fügte der Geschichte ein schwer verständlicher „Faktencheck“ des kürzlich mit der Recherche zu einem neuen „Wannsee-Treffen“ in die Schlagzeilen geratenen Mediums „correctiv“ vom 29. Februar 2024 hinzu. Darin wird das PEI folgendermaßen zitiert: „Das Paul-Ehrlich-Institut hat dennoch den Test zur Bestimmung von Rest-DNA inzwischen unabhängig von Biontech als Hersteller validiert. Die vom Hersteller im Rahmen der Chargenprüfung erhaltenen und dem Paul-Ehrlich-Institut übermittelten Ergebnisse an ausgewählten Proben wurden bestätigt.“ Correctiv schreibt weiter: „Das heißt: Auch die Tests des PEI fanden keine Überschreitung des Rest-DNA-Grenzwerts im Impfstoff.“ Allerdings ist fraglich, ob dies wirklich aus der PEI-Antwort hervorgeht – oder ob mit der zitierten Passage lediglich gesagt ist, dass das PEI ein Testverfahren als per se valide bestätigt, mit dem der Hersteller den DNA-Gehalt der Impfdosen überprüft. Entsprechend widersprüchlich liest sich das Faktencheck-Fazit: „Richtig ist, dass das Paul-Ehrlich-Institut lediglich die Dokument-Angaben der Hersteller prüft und nicht an den mRNA-Impfstoffen direkt, ob die erlaubte Menge an Rest-DNA eingehalten oder überschritten wurde. Im Februar 2024 hat das PEI aber selbst – unabhängig von Biontech/Pfizer – einen Test zur Bestimmung von Rest-DNA durchgeführt, der die von Biontech übermittelten Werte bestätigt haben soll.“

Um herauszufinden, ob das PEI mittlerweile also doch einen eigenen Labortest auf DNA-Verunreinigung durchgeführt, und es lediglich versäumt hat, diesen inklusive der detaillierten Ergebnisse selbst der Öffentlichkeit zuzuführen, hat die „Tagespost“ beim PEI unter anderem nochmals angefragt, ob nun eigene Tests durchgeführt wurden – oder nicht. Zumindest diese Ja/Nein-Information hätte wohl im Anfragezeitraum von vier Werktagen vor Redaktionsschluss herausgegeben werden können. Doch das PEI ziert sich: Zurück kam nur der Hinweis, dass die Sicherheitsbewertung der Impfstoffe zentral bei der EMA (Europäische Arzneimittelagentur, Anm. d. Red.) erfolge – und dass das PEI zwar alle Anfragen beantworte, aber keine festen Terminzusagen machen könne. Eine überzeugende Strategie, die Zweifel am Risikoprofil der mRNA-Impfstoffe zu zerstreuen, sieht anders aus.

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Pauline Otto Europäische Kommission Virologen

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