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Welttag der Kranken: "Das Elend liebt Gesellschaft"

Am 11. Februar begehen Katholiken den Welttag der Kranken. Kann eintägiges Gedenken dazu beitragen, an ganzjährige Einsamkeit und Verletzbarkeit zu erinnern?
Wird sich die Krankheit einnisten, wird man ins Leben zurückkehren oder Abschied nehmen?
Foto: dpa/Jens Büttner | Stumpfsinn und Starre, silberne Teekannen, Thrombosestrumpfrollen, Infusionsständer. Viele Kranke leben im Transit, nicht wissend, in welche Richtung das Leben wechseln wird.

Das richtige Aufrollen von Thrombosestrümpfen will geübt sein. Herr F. trainiert bereits seit zwei Wochen. Ausschütteln, glattstreichen und dann gleichmäßig zu einer Schnecke eindrehen. Das Ergebnis seiner heutigen Arbeit: Zwei weiße und drei hautfarbene Strumpfrollen, fein ordentlich nebeneinander auf der Ablage seines Rollators drapiert. In seiner Sammlung fehlt bloß das Paar, das er vor den unfreundlichen Blicken der Krankenschwester in der Schublade seines Nachttischchens versteckt und nun selbst dort vergessen hat.

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Diese Strümpfe reichen ihm bis zur Leiste, und er hatte wirklich Mühe gehabt, bis er aus diesen kneifenden Presswickeln wieder herausgekommen war. Die halbe Nacht hat er auf der Toilette mit ihnen gekämpft, hat geweint, als ihn beim zweiten Strumpf die Kraft verließ, und er nicht mehr wusste, wie er noch ziehen, reißen, rubbeln sollte. Irgendwann hat ihn der Pfleger mit den tätowierten Hundeköpfen auf beiden Oberarmen von den kalten Fliesen gehoben – Dobermann links, Schäferhund rechts, und Herr F. knurrte.

Gut geschlafen? 

Jetzt sitzt er auf der äußersten Kante seines Bettes und rollt wieder Strümpfe auf, langsam, ganz langsam. Wer weiß, wann es wieder etwas zu tun gibt. Im Bett gegenüber sind von Herrn S. auf den ersten Blick nur die Füße zu erkennen. Haut wie zerknittertes Pergamentpapier, auf dem rotblaue Adern wie Flüsse auf einer Landkarte eingezeichnet sind. Herr S. hat die Amazonasregion auf seinen Füßen, mit Hauptstrom sowie allen Quellflüssen und Nebenarmen. Sie münden in gelbgrauen Zehennägeln, die spitz wie Seeadlerklauen den immer gleichen Schwester-Patient-Dialog provozieren.

„Konnten Sie gut schlafen, Herr S.?“ Herr S. nickt. „Stuhlgang gestern?“ Herr S. nickt. „Schwierigkeiten beim Schlucken?“ Herr S. schüttelt den Kopf so heftig, dass weiße Krümel getrockneten Shampoos sich aus dem strähnigen Haar lösen und zu Boden segeln. „Keine Schluckbeschwerden, dann saugen wir erst später ab. Nachher schneiden wir Ihnen aber endlich mal die Fußnägel.“ Herr S. erstarrt wie in Harz gegossen und zieht dann ganz sacht die Füße zurück in die Höhle seiner Bettdecke.

Die Uhr tickt mit einer 50:50 Chance

Herr F. und Herr S. wissen viel voneinander. Seit zwei Wochen liegen sie sich schon gegenüber. Miteinander gesprochen haben sie noch nicht, aber sie hören gut zu, wenn der Chefarzt bei der Visite den Bettnachbarn Untersuchungsmethoden, Diagnosen und Prognosen erklärt: „Larynxkarzinom, Metastasen, Rechtsherzinsuffizienz...“, oder wenn die dauerhaft auf Schwerhörigenmodus eingestellte Schwesternstimme verkündet: „Sauerstoff 82, Puls 135. Das ist aber nicht gut, Herr H., ganz und gar nicht gut.“ Herr H. ist der Neuzugang im Zimmer 57. Bakterien an der künstlichen Herzklappe. 50:50-Chance hat der Arzt beim Aufklärungsgespräch gesagt, und Herr H. hat sein Erschrecken tapfer lächelnd weggezwinkert und durchhaltewillig erklärt: „50:50 ist doch besser als nichts.“

Wenn es ganz still geworden ist im Zimmer und er seinen tränenblinden Blick an die Decke heftet, sieht man wie er mit dieser Prognose zu rechnen versucht. Fast zwei Monate noch bis zum 80. Geburtstag. 50:50-Chance. Im Kopf reißt er die Kalenderblätter ab. Ist das zu schaffen? Die Uhr tickt. Wer kommt auf die Idee, eine Wanduhr mit einem Format, geschaffen für Bahnhofshallen, in ein Patientenzimmer zu hängen? Für Herrn F., Herrn S. und Herrn H. misst Krankenhauszeit sich nicht in Stunden und Minuten, sondern in Arztvisiten, Mahlzeiten, Toilettengängen und in Schichtwechseln der Pfleger. Was gestern war, kommt heute wieder, wird morgen genauso sein. „Solange die Schwester die Urinflasche wechselt, sind wir.“

Wenn der Rest des Lebens wegfließt

Früher, da haben die Herren im Zimmer 57 die Litanei des Wenn gebetet. Wenn der Kredit fürs Haus abbezahlt ist. Wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus sind. Wenn die Beförderung endlich durch ist. Dann ... Immer hatten sie aufgeschoben, als könnte man die Jahre zur Bank bringen, sie für den richtigen Moment aufsparen. Was, wenn ihnen der Rest des Lebens gerade wegfließt, einfach so, im Takt einer tickenden Wanduhr?

Herr H. dreht sich zur Seite, um die Zeiger der Uhr nicht mehr sehen zu müssen und schaut stattdessen in die wächsernen Wellen eines Trennvorhangs, der direkte Bettnachbarn vor gegenseitiger Neugier schützen soll. Zwei Vorhänge, vier abgetrennte Flächen – vier Privatsphären-Attrappen, mit Infusionsständern, Nachttischen, silbernen Teekannen und Medikamentenboxen, alles industriegenormt, abwaschbar, in Grau und Weiß. Nichts, woran das Auge hängen bleibt, sich stören oder freuen könnte. Ein Zimmer tapeziert mit Unbehagen und Beklemmung. Für vier, vielleicht für fünf Wochen muss das Bett mit den hochklappbaren Gittern Schlafplatz, Ess- und Wohnstätte, Empfangsraum für Besucher und nach der OP auch Bad und Toilette sein. Und wenn die mehlwurmfarbene Zimmerdecke das letzte Bild im Leben sein würde?

Der Abstand zur Welt wird größer

Manchmal kommen ehrenamtliche Mitarbeiter des Besuchsdienstes ins Zimmer 57 und gießen Musik, Worte und Farben in die Leere. Die drei Patienten sind höflich, werfen einen Blick auf mitgebrachte Bücher, schauen auf Fotos, lassen Blumensträuße in Vasen stellen – einen Nährwert haben all diese Dinge für sie jedoch nicht. Wenn sie nicht ins Leben dürfen, soll das Leben auch nicht zu ihnen hereinkommen. Kapituliert haben sie nicht, nur auf die Stopptaste gedrückt. Jetzt gerade nicht, demnächst wieder. Im Krankenhaus geht einem das Leben wunderbar aus dem Weg, und die Zauberberggemeinschaft von Zimmer 57 schaut zu, wie sich der Abstand zwischen ihr und der Welt von Woche zu Woche vergrößert, so weit, bis selbst Nahestehende ihr ziemlich fern scheinen.

„Ich kann die Frage ,Was machst du bloß für Sachen?´ nicht mehr hören.“ Herr H. redet einfach in den Raum. Herr S. und Herr F. fühlen sich nicht angesprochen. Sie hätten dem auch nichts hinzuzufügen. Stumpfsinn und Starre, silberne Teekannen, Thrombosestrumpfrollen, Infusionsständer. Innere Leere, äußerer Stillstand, nur die Wanduhr tickt. Herr F., Herr S. und Herr H. leben im Transit, nicht wissend, in welche Richtung das Leben wechseln wird. Wird sich die Krankheit einnisten, wird man ins Leben zurückkehren oder Abschied nehmen? Wird es für Herrn S. nochmal Frühling, wird Herr H. Geburtstag feiern, muss Herr F. sich noch lange mit dem Blick eines aggressiven Dackels und schauerlichen Flüchen gegen Thrombosestrümpfe wehren?

Er will sich dem Griff der Pfleger entziehen

Heute hat er sich aus der Gefahrenzone bringen und den Griffen der Pfleger entziehen wollen. Dazu hat er das elektrische Bett so hochgefahren, dass er nun mit den Beinen baumeln und falls nötig kickboxen kann. Nun sitzt Herr F. am Bettrand und schaut in die Tiefe, als wolle er eine Angelrute auswerfen. Das Bedienelement, mit dem er sich wieder herabfahren könnte, ist aus der Halterung gerutscht und unauffindbar. Herr S. drückt den Notrufknopf, damit ein Pfleger die oberschenkelhalsbruchverdächtige Bettfluchtnummer von Herrn F. unterbricht.

Nachdem er wieder auf Normalhöhe liegt, werden Herrn S. Schleim und Sekret abgesaugt. „Wo ich doch schon mal da bin.“ Zeitökonomie ist besonders wichtig in der Pflege. Im Gurgeln und Zischen geht das Weinen von Herrn F. unter. Auf dem Gemeinschaftswaschbecken bleibt eine gebogene Silberkanüle zurück, die eben noch in Herrn S. kehlkopflosem Hals steckte.

Herr H. schaut auf das durchs Fenster gerahmte Leben. Straßenbilder von Menschen, die zum Bus laufen, die Einkaufstaschen im Kofferraum verstauen, die ihre Kinder Huckepack tragen. Drei Stockwerke tiefer, in der Notfallambulanz, erfährt Herr M. gerade, dass er wegen Wasser in der Lunge stationär aufgenommen werden muss. „Leider haben wir auf dieser Etage nur noch Platz in einem Vierbettzimmer“, erklärt ihm der Pfleger, bevor er ihn zu Herrn F., Herrn S. und Herrn H. ins Zimmer fährt. „Das Elend liebt Gesellschaft“, ist alles, was Herr M. darauf zu antworten weiß.

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Themen & Autoren
Nicole Quint

Kirche

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01.03.2024, 16 Uhr
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