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Saarbrücken zwischen Pfingsten und Hochwasser

Trotz überfluteter Straßen in die Kirche: In der Saarbrücker Basilika St. Johann erfüllt unsere Autorin die (r)einigende Kraft des heiligen Geistes.
Starkregen sorgt in Saarbrücken in der Saar für Hochwasser
Foto: IMAGO/BeckerBredel (www.imago-images.de) | Starkregen sorgte in Saarbrücken in der Saar am vergangenen Wochenende für Hochwasser. Im Stadtgebiet sind die Saaranlagen und die Stadtautobahn überflutet.

Seit mehreren Tagen dominieren die Presse erschreckende Bilder überfluteter Straßen und einstürzender Häuser im Saarland. Katastrophenschutzapps warnen die Menschen davor, das Haus zu verlassen, weil Gefahr für Leib und Leben bestehe. Mehrere Stadtteile wurden evakuiert, der Strom teilweise abgestellt.

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Und dann kommt das Pfingstwochenende. Die Sonne scheint in Saarbrücken, die angekündigte Nacht der Kirchen, eine ökumenische Veranstaltung, steht bevor. Was also tun? Den Leib schützen oder den Geist nähren? Am besten beides. Im Internet kursieren zwar viele Bilder der überfluteten Saarufer und der angrenzenden Abschnitte der Stadtautobahn, jedoch keine aktuellen Aufnahmen des Stadtkerns. Steht das Wasser auch auf dem Markt? Ist es etwa bis zu den umliegenden Kirchen vorgedrungen? Darf man das Zentrum überhaupt betreten oder gibt es Sicherheitsabsperrungen? Fahren die Busse eigentlich? Fällt die Veranstaltung gar aus?

Kniehohe Gummistiefel, Regenmantel und Schirm

Fragen über Fragen und keine Antworten. Wir entscheiden, wir gehen hin und kehren notfalls um. Die kniehohen Gummistiefel, der Regenmantel und Schirm erweisen sich am Ende als schmucke, aber nicht notwendige Accessoires, denn der Stadt geht es gut. Ja, es liegen zahlreiche Schläuche auf dem Boden, über die die anwesende Feuerwehr vollgelaufene Keller am St. Johanner Markt frei pumpt, aber auf dem Markt selbst und in den umliegenden Gassen steht kein Wasser. Dafür stehen etwa ein Dutzend Behälter mit Sandsäcken auf dem Markt bereit, doch deren Anblick beruhigt mehr als dass er erschreckt.

Ein Feuerwehrwagen dreht langsam eine Runde auf dem Markt, die Feuerwehrmänner lächeln die Leute freundlich an. Offenbar bekam das Saarland Unterstützung von Wasserrettungskräften aus Bayern und Baden-Württemberg. Davon scheinen die Bürger aber nur am Rande etwas mitzubekommen, sie sind nämlich zu sehr damit beschäftigt, der Nachrichtenberichterstattung zum Trotz das Wochenende zu genießen: Die Restaurants sind voll, die Straßencafés ebenso und an den Eisdielen stehen die Menschen Schlange, während gut gelaunte Kinder mit ihren Rollern und Rädern an den Erwachsenen vorbeiflitzen und manch eines zwischendurch an einem Auspumpwasserstrahl stehen bleibt und sein Fahrgerät sauber spritzen lässt. Akute Gefahr für Leib und Leben scheint also nicht zu bestehen, die Einsatzkräfte haben die Lage im Griff. 

Am Ende der Fußgängerzone befindet sich die vielleicht schönste Kirche der Stadt: die Basilika St. Johann. Hier war Willy Graf Messdiener und hier wollen wir hinein – zur Lichtershow mit Musikklängen aus aller Welt. Die an sich schon zum Verweilen einladende Kirche mit pistaziengrünen Wänden verwandelt sich an dem Abend in einen Freiraum für die Seele. Dezent angebrachte Lichtelemente symbolisieren Aspekte des Glaubens, man muss sie aber zunächst überhaupt entdecken, denn explizite Hinweise oder Beschreibungen gibt es nicht, dafür aber eine gesprächsbereite und ebenso dezent wirkende Künstlerin, die gerne die Einzelheiten erklärt, zum Beispiel die 70 kleinen grünen Leuchtdioden am Altarzugang, die daran erinnern, dass Jesus sagte, man solle nicht sieben, sondern sieben mal 70 Mal vergeben. Oder die alte Schreibmaschine neben dem Korb mit Flugblättern.

Die Grundlagen des neuen Europa

Diese Dinge sind nicht nur Deko, sie laden zur Interaktion ein, es ist das fünfte Flugblatt der Weißen Rose, das mit den hochaktuellen Worten schließt: "Freiheit der Rede, Freiheit des Bekenntnisses, Schutz des einzelnen Bürgers vor der Willkür verbrecherischer Gewaltstaaten, das sind die Grundlagen des neuen Europa." Im Hintergrund liest eine ruhige Stimme einen Text zum Frieden vor: Der Frieden ist der Weg, der Frieden ist der Weg, der Frieden ist der Weg… Danach Musik oder besser gesagt eine Auswahl unterschiedlichster Musikstile aus aller Welt: vom gregorianischen Chorgesang über eine Cembaloversion von Ave Maria und ein barockes Orchesterstück bis hin zu Barjazz und Didgeridooklängen, zwischendurch wieder Texte und anschließend wieder Musik. 

Mit zunehmender Abenddämmerung wird auch die zunächst noch kaum wahrnehmbare Lichtinstallation sichtbarer. Zwei Lichtreflektoren lassen die Kirche in sanfte Goldgrüntöne eintauchen und bringen den Altarraum zum Erstrahlen. Nach Einbruch der Dunkelheit erscheint eine Projektion an der vordersten Wand, die alle paar Minuten die Farben wechselt: Es ist eine Kombination aus den Zeichen Peace und Welt, Friede auf Erden also. Währenddessen strömt über die ebene Decke der Kirche langsam ein projizierter Wolkennebel hinweg, der Körper kommt zur Ruhe, der Geist entspannt sich, die Seele wird beflügelt. Ein Kind zieht seine Schuhe aus, streckt sich auf der Bank aus, angelehnt an seine Mutter, und beobachtet fasziniert das ruhige Geschehen.

Eigentlich wollten wir heute noch weiter, schauen, was in den anderen Kirchen los ist, aber die Ruhe der Basilika erfüllt uns mit allem, wonach wir gesucht haben. Eine geballte Faust kann keine Hand zum Friedensgruß reichen, sagt eine Stimme. Wie wahr und wie aktuell. Ex bello numquam pax, ziert eine Aufschrift eine Textkarte. Der Friede des heiligen Geistes erfüllt das Pfingstfest in der Saarbrücker Basilika.  

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