Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Gent

Wie das Lamm Gottes das Internet eroberte

Die Restauration des weltberühmten Genter Altars hat enthüllt, dass das ursprüngliche Lamm Christi völlig anders aussah als angenommen. Was zuerst mit Überraschung und Ablehnung zur Kenntnis genommen wurde, kursiert nun als Internet-Meme in den sozialen Medien.
Diskussion um Lamm auf Genter Altar
Foto: Lukasweb.be - Art in Flanders vzw, foto KIK - IRPA | Das bisher bekannte Lamm auf dem Genter Altarbild stammt aus dem 16. Jahrhundert. Erst die Restauratoren legten das Original-Lamm frei, das Jan van Eyck ursprünglich gemalt hatte.

„Es ist entsetzlich“, schrieb der Daily Star. „Wie ein Alien“ oder als schlichtweg „verstörend“ bezeichneten es Stimmen in den sozialen Medien. Das Smithsonian Magazine, die offizielle Zeitschrift des gleichnamigen Forschungsinstituts, nannte es „alarmierend anthropomorph“.

Debatte kreist um den Genter Altar

Wahrscheinlich hat kein Renaissancekunstwerk in der jüngeren Geschichte solche Aufmerksamkeit erregt. Die Debatte kreist um den weltberühmten Genter Altar aus der Kathedrale Sankt Bavo. Jan van Eyck, einer der renommiertesten Maler der niederländisch-flämischen Kunstgeschichte, schuf den Flügelalter zwischen 1432 und 1435. Im Zentrum: die Anbetung des Lammes aus der Offenbarung des Johannes.

Genau dieses Lamm ist Stein des Anstoßes. Seit 2012 wird der Altar in mehreren Phasen restauriert. Die letzten Phase, die Restauration der „Anbetung des Lammes“, wurde letzten Monat fertiggestellt. Mit Verblüffung stellte die Kunstwelt fest: das bisher bekannte Lamm auf dem Altarbild stammt aus dem 16. Jahrhundert. Erst die Restauratoren legten das Original-Lamm frei, das Jan van Eyck ursprünglich gemalt hatte.

 

Das war für viele ungewohnt. Das mild dreinblickende, naturalistische Schaf wich einem intensiv schauenden Lamm mit frontal nach vorne gerichteten Augen. Auch Chefrestauratorin Hélène Dubois sprach von einer „cartoon-artigen“ Darstellung, die eines langen Studiums bedurft hätte. „Das originale Lamm hatte eine intensivere Interaktion mit dem Beobachter“, so Dubois.

Die Entdeckung hat ein Nachspiel

Erste Reaktionen, die an eine schlechte Restaurationsarbeit glaubten, und Parallelen zur Verschandelung eines spanischen Christusbildes im Jahr 2012 zogen, sind daher verfrüht gewesen. Tatsächlich fielen bereits vor der Restauration die vier Ohren am retuschierten Lamm auf, von denen zwei dem Original gehörten. Die menschlichen Augen mit dem durchdringenden Blick dürften die menschliche und göttliche Natur Christi einfangen. Sie rufen die prüfende und strafende Komponente des Jüngsten Gerichts hervor.

Das Internet wäre aber nicht das Internet, wenn die Entdeckung nicht ein Nachspiel gehabt hätte. Die zuvor abweisende Haltung wich der Faszination. Auslöser war offensichtlich ein Priester aus Pittsburgh, der auf seinem Twitteraccount das restaurierte Lamm sehr früh thematisierte. Auch er betrachtete das Bild zuerst skeptisch, nannte es „schrecklich“. Dann revidierte er sein Urteil. „Ich kann das alte Lamm nicht mehr sehen. Alles was ich sehe ist das Neue Lamm. Die ganze Zeit. Und Er sieht mich …  Er sieht alles“, twitterte der Pater. „15 Stunden später bin ich voll im Team Humanoides Apokalypsenlamm. Ich liebe es. Ich würde dafür sterben.“

 

Der Ursprungstweet bekam rund 20.000 Retweets und über 80.000 Likes. Bald machte das Meme seine Runde als Gegenüberstellung von neuer und alter Messe, von liberaler und konservativer Gottesvorstellung sowie vom barmherzigen und strafenden Gott. In den sozialen Netzwerken änderten User ihr Profilbild in das restaurierte Gotteslamm um. Mittlerweile hat das „Ghent Mystic Lamb“ einen eigenen Twitteraccount mit über 1.000 Anhängern. Motto: „Ich sehe dich und ich richte dich – ich folge niemandem“. Am häufigsten zitiert das spätmittelalterliche Schaf Meister Eckhart.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Themen & Autoren
Marco Gallina Gottesvorstellung Hoch- und Spätmittelalter (1000 - 1419) Jan van Eyck Jesus Christus Kulturgeschichte Social Media

Weitere Artikel

Bilder mit Tiefenschärfe: Dagmar Dewald nähert sich dem Mysterium der Auferstehung über die Kunst des Mittelalters.
12.10.2026, 09 Uhr
Manuel Schlögl
Nachdem die Szene im Internet als eucharistisches Wunder gedeutet wurde, stellt Pfarrer Brent Bowman klar: Er habe eine „persönliche geistliche Erfahrung“ gemacht.
18.09.2026, 10 Uhr
Dorothea Schmidt
Wie wurde das Christentum zur prägenden Kraft Europas? Peter Heather setzt auf Materialismus statt Religiosität. Aber die Darstellung überzeugt nicht.
08.09.2026, 15 Uhr
Clemens Schlip

Kirche

Zehn Jahre „Amoris laetitia“: Der DBK-Vorsitzende lobt die „hohe Kunst des Zuhörens“ beim Treffen in Rom und nimmt die Erkenntnis mit, dass sich die Kirche weiterentwickelt.
16.10.2026, 11 Uhr
Meldung
Spricht sich Jesus gegen die Steuer für den Kaiser aus, droht ihm die Todesstrafe. Noch heute gewichtet die Kirche politische und gesellschaftliche Fragen oft zu hoch.
17.10.2026, 21 Uhr
Lothar Wehr
Kurienkardinal Luis Antonio Tagle ist neuer Dekan des Kardinalkollegiums. Einst galt er als charismatischer Hoffnungsträger. Doch konnte er die Erwartungen in Rom erfüllen?
15.10.2026, 11 Uhr
Guido Horst
Die Piusbruderschaft hat in Rom Beschwerde gegen die Exkommunikation eingelegt. Der Kölner Offizial Peter Fabritz erläutert die rechtlichen Folgen.
16.10.2026, 11 Uhr
Regina Einig