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Pariser Ausstellung zu Kirche und Shoah

Welche Rolle spielten die christlichen Konfessionen während der Judenverfolgung in Frankreich? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine aktuelle Ausstellung in Paris.
Holocaust-Gedenkstätte in Paris
Foto: IMAGO/elyxandro cegarra (www.imago-images.de) | In Frankreich, das stellt die Ausstellung eindrücklich unter Beweis, haben die christlichen Kirchen eine maßgebliche Rolle in der Unterstützung verfolgter Juden gespielt.

Eine aktuelle Ausstellung in der Pariser Holocaust-Gedenkstätte beschäftigt sich mit der Haltung der christlichen Konfessionen während der Judenverfolgung in Frankreich. Anlass ist der 80. Jahrestag der sogenannten Vel‘ d’Hiv-Razzia in Paris, bei der 1942 mehr als 13.000 Juden festgenommen und nach Deutschland transportiert wurden.

Maßgebliche Rolle in der Unterstützung verfolgter Juden

Die Aussteller gehen nicht nur der Frage nach, welche Positionierungen die katholische, protestantische und orthodoxe Kirche jeweils in Bezug auf das Vichy-Regime und die Judenverfolgung einnahmen, sondern auch und vor allem, wie Christen und Kirchenvertreter agiert haben. „Wir möchten den Besuchern verständlich machen, dass hinter den Kirchen viele einzelne Männer und Frauen mit ihren Stärken und Schwächen stehen, was die Vielzahl von Verhaltensweisen erklärt“, erklären die Ausstellungsleiter Nina Valbousquet und Caroline François.

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In Frankreich, das stellt die Ausstellung eindrücklich unter Beweis, haben die christlichen Kirchen eine maßgebliche Rolle in der Unterstützung verfolgter Juden gespielt: Christliche Rettungsnetzwerke besorgten Verstecke für jüdische Flüchtlinge, halfen bei der Flucht in die Schweiz, leisteten durch die Verbreitung von Informationen Aufklärungsarbeit in der Bevölkerung und stellten falsche Papiere und Taufzertifikate aus. Ein solches Taufzertifikat gehört auch zu den Ausstellungsstücken.

Wichtige Figur: Ordensschwester Mère Marie

Eine wichtige Figur des christlichen Widerstands war die orthodoxe Ordensschwester Mère Marie. Elisabeth Skobtsov, wie die Russin mit bürgerlichem Namen hieß, kam 1923 nach Paris, wurde dort Ordensschwester und gründete die Action orthodoxe. Gemeinsam mit dem orthodoxen Priester Dimitri Kléphinine versteckten sie zahlreiche Juden und gehörten damit zu den wenigen, die in der deutschen Besatzungszone Widerstand leisteten. Am 17. Juli 1942 gelingt es Mère Marie, drei Kinder in Mülltonnen aus dem Wintervelodrom zu schmuggeln. Später wurden sie, Kléphinine und dessen Sohn denunziert und deportiert. Alle drei starben im KZ, die Männer in Buchenwald, Mère Marie in Ravensbrück. 2004 wurden alle drei von der orthodoxen Kirche heiliggesprochen. 

Unter den Ausstellungsstücken befindet sich eine Reihe von Dokumenten aus den Vatikanischen Geheimarchiven, die erst dieses Jahr zutage kamen. Dazu gehört ein Briefwechsel zwischen Adolf Silberstein mit Filippo Bernardini, apostolischer Nuntius der Schweiz von 1943. Der in die Schweiz geflüchtete polnische Jude machte mit Hilfe von zwei schockierenden Fotos, die ebenfalls zur Ausstellung gehören, auf das entsetzliche Leiden der Juden in Osteuropa aufmerksam. DT/fha

In der kommenden Ausgabe der „Tagespost“ erhalten Sie einen umfassenden Überblick über die Inhalte und Schlussfolgerungen der Ausstellung.

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