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The Jewish Chronicle: Retter gesucht

Nach fast 180 Jahren steht der „Jewish Chronicle“ Corona-bedingt vor dem Aus. Einst hat dort Theodor Herzl seine Ideen für einen Judenstaat veröffentlicht, zuletzt hat die Zeitung die Antisemitismus-Skandale von Labour angeprangert.
Theodor Herzl, der Vater des modernen Zionismus.
Foto: dpa | Gehörte zu den Autoren des „Jewish Chronicle“: Theodor Herzl, der Vater des modernen Zionismus.

Die Corona-Epidemie hat in Großbritannien schon viele Opfer gefordert, nun ist auch ein besonders prominentes jüdisches dabei. Der „Jewish Chronicle“, gegründet 1841 und damit älteste bis heute erscheinende jüdische Zeitung der Welt, wird eingestellt. Kurz vor Beginn des Pessach-Festes haben die Eigentümer dies mitgeteilt. „Trotz der heroischen Anstrengungen der Redaktion und des Produktionsteams der Zeitung ist klargeworden, dass der Jewish Chronicle es nicht schaffen wird, die Auswirkungen der aktuellen Coronavirus-Epidemie in seiner gegenwärtigen Form zu überleben“, schrieb die Geschäftsführung.

Wie viele Zeitungen kämpfen auch die jüdischen Blätter in der Corona-Krise mit einem scharfen Rückgang der Anzeigen und sinkenden Verkäufen an Kiosken. Würde der fast 180 Jahre alte „Jewish Chronicle“ tatsächlich komplett eingestellt, verschwände eine journalistische Institution. Ihre Bedeutung für die heute annähernd 300 000 Juden auf der Insel und darüber hinaus war und ist groß. Selbstbewusst nennt sich „The JC“, wie er oft abgekürzt wird, auf der Homepage „die welt-älteste und einflussreichste jüdische Zeitung“. Zumindest für Britannien stimmt die Aussage über den Einfluss. „Historisch gesehen war der JC die anglo-jüdische Zeitung. Fast alles, was wichtig war für die britischen Juden, stand dort“, sagt der emeritierte Geschichtsprofessor Geoffrey Alderman, der selbst vierzehn Jahre lang für die Zeitung eine Kolumne geschrieben hat.

Als der „Chronicle“ 1841 in London gegründet wurde, gab es im Königreich nur etwa 40 000 Juden, die Zahl nahm dann erst mit der Zuwanderung von Ostjuden im späten 19. Jahrhundert deutlich zu. „Der Chronicle kämpfte seit Mitte des Jahrhunderts für die politische Emanzipation, etwa das volle Wahlrecht für Juden, als die meisten britischen Juden sich nicht für Politik interessierten; später prangerte der Jewish Chronicle in scharfen Artikeln die antijüdischen Pogrome im zaristischen Russland an“, berichtet Alderman. Im Januar 1896 veröffentlichte die Londoner Wochenzeitung eine Titelseite von Theodor Herzl mit den zentralen Aussagen seiner noch unveröffentlichten Schrift „Der Judenstaat“. Der JC wählte die Überschrift „A Solution of the Jewish Question“. Allerdings war der Zionismus damals unter den britischen Juden hoch umstritten, erinnert der Historiker Alderman. Orthodoxe Juden lehnten ihn aus religiösen Gründen ab; andere fürchteten, dass die Bewegung für einen Judenstaat als illoyales Verhalten gegenüber ihrem Heimatland ausgelegt werden und ungewollt Antisemitismus anheize könnte.

Eine kleine Zeitung wird ein einflussreiches Blatt

„Der Jewish Chronicle war dagegen ein unmissverständlicher Unterstützer des Zionismus und hat die Balfour-Erklärung 1917 enthusiastisch begrüßt“, betont Alderman. Während des Weltkriegs gerierte sich die Zeitung zugleich „ultrapatriotisch“, fügt er hinzu. Berühmt geworden ist die JC-Schlagzeile von 1914 „England has been all she could be to Jews, Jews will be all they can be to England“ – die Parole stand sogar in Großbuchstaben außen am Verlagsgebäude der Zeitung. Im Zweiten Weltkrieg hatten die Herausgeber gute Verbindungen zur Regierung und zu Churchill, der zum 100. Jahrestag der Gründung gratulierte. Aus der kleinen Zeitung war ein einflussreiches Blatt geworden, das in die jüdische Gemeinde und darüber hinaus wirkte. In der Rubrik „Jews in the News“ berichtet sie über alles Erwähnenswerte von und über Juden im Königreich und in der Welt.

In den vergangenen Jahren hat der „Jewish Chronicle“ unter Chefredakteur Pollard vor allem durch hartnäckige Recherchen zum Antisemitismus-Problem in der Labour-Partei unter Jeremy Corbyn Aufmerksamkeit erregt. Der JC hat das für Corbyn unangenehme Thema am Kochen gehalten; in immer neuen investigativen Reportagen über Skandale, Äußerungen und Verbindungen, in Analysen und Leitartikeln legte sie den Finger in die Wunde. Auch das heikle Thema des islamischen Antisemitismus hat der JC immer wieder aufgespießt. Der beharrliche Einsatz des kleinen Blattes hat Corbyn beim Versuch, die Downing Street zu erobern, zweifellos erheblich geschadet. Im „Spectator“ schrieb Stephen Daisley anlässlich der Nachricht von der Insolvenz, „ohne die Labour-Antisemiten in ihrem paranoiden Verschwörungsdenken bestärken zu wollen, muss man es als offene Frage betrachten, ob Corbyn heute vielleicht Premierminister wäre ohne den furchtlosen Journalismus des Jewish Chronicle“.

Noch immer hoffen die Freunde des „Jewish Chronicle“, es möge gelingen, die insolvente Zeitung über die „Liquidierung“ hinaus am Leben zu halten. Die Kessler-Stiftung als Eigentümer bemüht sich darum. Auch in Israel bewegt das die Gemüter. „Wird bitteschön jemand den Jewish Chronicle retten?“, fragte in der „Jerusalem Post“ David Isaacson. Selbst in schweren Zeiten müsse die jüdische Gemeinschaft doch die Mittel finden, „unsere ehrwürdigste Institution“ zu retten. „Es würde mich doch sehr wundern, wenn sich kein Unternehmer finden würde, der diesen Titel kauft und in irgendeiner Form weiterführt“, meint auch Alderman. Der JC verfügt über eine professionell gemachte, lebendige Website, die fast eine halbe Million Seitenaufrufe pro Monat verzeichnet. Vielleicht liegt die Zukunft in dieser Internetpräsenz.

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