Medienwissenschaft

Marshall McLuhan gilt als Erfinder der modernen Medienwissenschaften

Der Kanadier Marshall McLuhan gilt als Erfinder der modernen Medienwissenschaften. Nur wenige wissen, dass er sich intensiv um Gotteserfahrung mühte, zum Katholizismus konvertierte und schalen Katholizismus ablehnte.
Marshall McLuhan, 1977
Foto: UPI (SZ Photo/UPI) | Marshall McLuhan, amerikanischer Schriftsteller und Kommunikationsforscher, entwickelte eine neue Medientheorie, die heute allgemein anerkannt ist.

Marshall McLuhan wurde 1911 im kanadischen Edmonton geboren. Nach dem Studium der Literaturwissenschaft unterrichtete er als Universitätslehrer ausschließlich an katholischen Hochschulen, sah aber seinen Glauben als streng persönliche Angelegenheit an. Nur wenige wussten, dass er ein frommer Katholik war. Er gilt als ein Gründungsvater der Medienwissenschaften, wobei er als einer der ersten die Frage nach der Wirkung von Medien auf den Menschen stellte. Zu seinen Lebzeiten hatte er mit seinen Thesen großen Erfolg, wurde aber auch von Kritikern als unwissenschaftlich und als unseriös abgetan, seine Texte seien unlesbar.

Seinen Ausgangspunkt formulierte McLuhan mit den Worten: „Medienwissenschaft, die etwas taugt, beschäftigt sich nicht mit dem Inhalt der Medien, sondern mit den Medien selbst und der gesamten kulturellen Umgebung, in der sie aktiv werden.“

„Entweder war die ganze Angelegenheit wahr,
und zwar alles, genau wie die Kirche es behauptete
oder es war der größte Schwindel.“

McLuhans Verständnis von Medien war sehr weit und ist nicht unumstritten, denn er betrachtete als Medium fast alles, von der Krücke über das Auto bis zum Gewehr. Dabei sah er in Medien eine physische oder psychische Erweiterung des Menschen bzw. seiner Sinnesorgane, die unmittelbar mit dem Körper verbunden sind: Wenn ein Mensch z.B. eine Axt schwingt, dann wird sie zu einer Verlängerung des Armes.

McLuhan begriff Medien und Technik vom menschlichen Körper her, als eine Erweiterung der Sinnesorgane. Bis in die 90er-Jahre ging die Medientheorie von der These aus, Technik und Medien seien neutral, also bloße Behälter, die Ideen transportieren. McLuhan dagegen schaute darauf, wie die Medien als Medien auf den Menschen wirken und er konstatierte, dass Medien uns verändern.

Medien ändern die Wahrnehmung

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„Wir formen unsere Werkzeuge, und dann formen die Werkzeuge uns“, folgerte McLuhan. Dieses Werkzeug verändert den Benutzer. Zwar gewinnen Menschen durch ein Medium eine Fähigkeit, dafür verlieren sie unter Umständen eine andere. Der Taschenrechner nimmt z.B. die Fähigkeit des Kopfrechnens, das Navigationssystem den Orientierungssinn.

Medien verändern die Umwelt und damit die Gewichtung der Sinneswahrnehmung. Schon die Erweiterung eines einzelnen Sinnes verändert unsere Wahrnehmung der Welt. McLuhan entwickelte eine Kulturtheorie, in der Medien die Hauptrolle spielten. Am Anfang stand eine orale Kultur. Hier herrschte eine unmittelbare Kommunikation, in der Wort, Ton, Geste und Mimik alle Sinne zugleich ansprechen. Es folgte die Schriftkultur, die zum Buch führte: die „Gutenberggalaxis“. Die Schrift führte letztendlich zu Abstraktion und Individualismus. Mit den neuen Medien, wie Fernsehen, Radio, Telefon, die Bilder und Töne aus aller Welt transportieren, entstehe, so hoffte Mc Luhan, eine neue ganzheitliche Kultur der Nähe. Er nannte es das „global village“.

Das „globale Dorf“ als Vorahnung einer neuen Welt

Mit der Metapher des „globalen Dorfes“ nahm er vorweg, dass die elektronischen Medien uns an fast jeden Ort der Welt bringen bzw. beinahe jeder Ort zu uns kommen kann. McLuhan sah positive Konsequenzen des „globalen Dorfes“. So sprach er davon, dass in einer elektronischen Informationswelt Minderheiten nicht mehr ignoriert werden können, weil allzu viele Menschen allzu viel voneinander wissen. Oder: „Unwiderruflich sind wir aneinander beteiligt und füreinander verantwortlich geworden.“ McLuhans globales Dorf kannte noch kein Internet, das erst in den 90er Jahren entstand. Er hat die Vernetzung zwar prognostiziert, aber sie hat sich anders vollzogen als er vorausgesehen hat.

Bei seinem Studium der Literaturwissenschaft vergrub sich McLuhan in die mittelalterliche Geistesgeschichte und lernte durch die Lektüre katholischer Denker die katholische Denkweise, Lehre und Philosophie kennen. Seine zunächst intellektuelle Annäherung an den Glauben war ein Nebeneffekt seiner Studien. Schließlich fragte er sich: „Entweder war die ganze Angelegenheit wahr, und zwar alles, genau wie die Kirche es behauptete oder es war der größte Schwindel.“

Beharrlich, mit Ausdauer zu Gott gelangt

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So wählte McLuhan den Weg, den Glauben auszuprobieren. „Ich wollte es herausfinden und die Sache buchstäblich untersuchen, und ich entdeckte ziemlich bald, dass eine Sache unter ihren Bedingungen getestet werden muss. Die Kirche hat eine sehr grundlegende Anforderung oder eine Reihe von Bedingungen, nämlich, dass man auf die Knie geht und nach der Wahrheit fragt. Ich betete zwei oder drei Jahre lang zu Gott und sagte einfach: ,Zeig es mir.‘“

Beharrlichkeit und Ausdauer sind nicht die schlechteste Art, zum Glauben zu kommen. „Ich bin auf den Knien in die Kirche gekommen. Das ist der einzige Weg. Man kommt nicht durch Ideen und Konzepte in die Kirche.“ McLuhan betete immer wieder: „Herr, bitte, sende mir ein Zeichen.“ 1937 wurde sein Gebet erhört: „Mir wurde es sehr plötzlich gezeigt, wobei es unerwartet passierte. Es kam sofort als unmittelbarer Beweis und es handelte sich fraglos um eine göttliche Intervention.“ McLuhan erhielt eine Flut von Zeichen, die eine Zeit lang unvermindert anhielten. Woraus die Zeichen bestanden, verschwieg er lebenslang. Er wurde am Gründonnerstag 1937 getauft und gefirmt. Jahre später schrieb er über Konvertiten: „Übrigens betreten Konvertiten die Kirche durch die Hintertür. Durch die Hintertür hereinzukommen, bedeutet, man kommt durch die Erfahrungen mit der Kirche herein und nicht durch ihre Lehren.“

Katholisch sein geht ganz oder gar nicht

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McLuhans Leben als Katholik: „Du musst den Katholizismus im Ganzen annehmen oder gar nicht.“ Wie viele Konvertiten wurde McLuhan zum „Hardcore“-Gläubigen. Bis zum Ende seines Lebens ging er fast täglich in die Kirche, betete den Rosenkranz und glaubte fest an die Hölle. Es regte ihn auf, wenn Katholiken nicht katholisch genug waren. McLuhan selbst hat sich selten in der Öffentlichkeit zu Fragen des Glaubens geäußert. Aber „auf die Frage: ,Sind Sie wirklich ein Katholik?‘ antwortete er: ,Ja, ich bin ein Katholik, ein Konvertit, die schlimmste Art!‘“ Nach seiner Konversion fand er theologische Diskussionen unnütz, denn im Grunde waren ja alle theologischen Fragen durch die Kirche geklärt. Für den großen Kommunikationstheoretiker war das tägliche Gebet ein wesentlicher Bestandteil seines Lebens. Er fasste Gott nicht als Begriff auf, sondern als unmittelbare und immer gegenwärtige Realität und als Möglichkeit zu einem ständigen Dialog.

Ende der 1960er Jahre bekam er gesundheitliche Probleme: ein Gehirntumor musste 1967 entfernt werden und 1979 erlitt McLuhan einen schweren Schlaganfall. Danach konnte er weder lesen, schreiben noch sprechen. Ihm, diesem sprachgewandten und kommunikativen Menschen, blieb nur noch zuzuhören. McLuhan starb am 31.12.1980 im Schlaf. Am Abend zuvor hatte ein Jesuit in McLuhans Wohnzimmer mit ihm noch die Heilige Messe gefeiert.

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