Krimi

„Inspector Barnaby“: Morde auf skurril-britische Art

Seit 25 Jahren flimmert der Krimi-Dauerbrenner „Inspector Barnaby“ über die Bildschirme.
DCI Tom Barnaby
Foto: imago | In „Tod in Badger's Drift“ ermittelte John Nettles (links) 1997 zum ersten Mal als DCI Tom Barnaby – ein Ende des Krimi-Dauerbrenners ist nicht in Sicht.

Wenn es einen modernen, anscheinend unverwüstlichen britischen Krimiklassiker gibt, dann ist es die Serie „Inspector Barnaby“: Am 23 Mai 1997, also ziemlich genau vor 25 Jahren, startete der britische Privatsender ITV mit der Serie „Midsomer Murders“ – so deren Originaltitel – und der dazugehörigen Pilotfolge „Tod in Badger´s Drift“ eine Krimireihe, die mittlerweile in über 204 Ländern ausgestrahlt wird und 22 Staffeln umfasst. Die Gründe für die anhaltende weltweite Beliebtheit und Langlebigkeit der Serie, die hierzulande im ZDF und bei ZDF neo läuft, sind vielfältig.

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Die Mutter aller Wohlfühl-Krimiserien

Die auf den Romanen von Caroline Graham basierende Serie spielt in der fiktiven englischen Grafschaft Midsomer, in der es ebenso idyllisch wie mörderisch zugeht und als Vorreiter des sogenannten „Cosy Crime“-Genres beziehungsweise Wohlfühlkrimis gilt. Die Serienmacher um Produzent Brian-True-May lieferten von Beginn an mit der vor britischen Klischees nur so strotzenden Ortschaft eine Art angelsächsisches Krimi-Entenhausen: Ähnlich wie in der fiktiven Disney-Metropole gibt es hier gewissermaßen nichts, was es nicht gibt.

So sind die Freizeitbeschäftigungen von Dörfern wie Somerset, Midsomer Norton, Aspern Tallow, Fletcher's Cross – und wie sie nicht alle heißen – äußerst vielfältig: Dazu gehören Angel-, Cricket-, Langlauf- und andere Wettbewerbe, aber auch eigenwilligere Hobbys wie ein Vogelscheuchen-Wettbewerb, die Jagd nach (vermeintlichen) Seeungeheuern, Live-Rollenspielfestivals und die Nachstellung von historischen Hinrichtungen. Auch eine „Midsomer Abbey“, ein Kirchenchor oder gar ein UFO-Club dürfen in der Serie nicht fehlen – und es würde nicht verwundern, wenn irgendwann einmal, ähnlich wie in den Disney-Comics, ein „Midsomer Beach Club“ mit einem „Midsomer Ski Club“ friedlich co-existieren würden.

Sehr britisch

Bereits der Pilotfilm – den der britische Star-Krimiautor Anthony Horowitz (“Alex Rider“) für die Mattscheibe adaptierte - um den routinierten Detective Chief Inspector (DCI) Tom Barnaby (John Nettles) und seinen tolpatschig und politisch nicht immer ganz korrekt agierenden Assistenten Detective Sergeant (DS) Gavin Troy (Daniel Casey) punktete von Anfang an mit einer lebendigen Figurenzeichnung, einem durchaus spannenden Plot sowie jeder Menge skurriler Gestalten und typisch britisch schwarzem Humor.

Natürlich durften auch vor Britishness nur so strotzende Pubs, hübsche Cottages, protzige Herrenhäuser sowie wunderbare Landschaftsaufnahmen nicht fehlen – viele der Drehorte kann man mittlerweile als Tourist auf entsprechenden „Inspector-Barnaby-Touren“ besichtigen. Außerdem werden die Serienmorde mitunter so phantasievoll-grotesk inszeniert, dass die Mordrate in Midsomer zwar einerseits hoch, das Erschrecken des Zuschauers vor der dargestellten Gewalt sich jedoch in Grenzen hält.

Dabei sollte es eigentlich zunächst nur einen einzigen „Inspector Barnaby“-Krimi geben – doch die Erstausstrahlung von „Tod in Badger´s Drift“ übertraf alle Erwartungen: Mehr als 13,5 Millionen Menschen folgten dem Chief Inspector und seinem Sidekick auf der Suche nach den Mördern – eine Einschaltquote, die hierzulande nicht einmal von den Münster-„Tatorten“ erzielt wird.

90 Minuten bis zur Täterenthüllung

Die ausschließlich auf 90 Minuten angelegten Kriminalfälle folgen fast immer demselben Schema: Man bleibt im Großen und Ganzen dem von Agatha Christie perfektionierten Whodunit-Prinzip inklusive der Legung zahlreicher falscher Fährten treu, bei dem der Zuschauer nicht mehr als der Ermittler weiß und gewissermaßen mit ihm zusammen den Fall löst. Verschmähte Liebe, ungeliebte Ehepartner, Rache, Geldgier und andere altbekannte Motive sind wichtige Auslöser für die Verbrechen – und Inspector Barnaby muss sich mit seinen im Serienverlauf zahlreich wechselnden Assistenten durch ein Labyrinth aus Intrigen, Lügen und Skurillitäten hindurchfinden, ehe er am Schluss in bester Hercules-Poirot-Manier den oder die Mörder dem Publikum präsentiert.

Ur-Barnaby John Nettles verkörperte von Serienbeginn bis 2012 den beliebten Ermittler – als er jedoch aussteigen wollte, stellte dies die Produzenten vor ein Problem: Denn anders als „Midsomer Murders“ in Großbritannien heißt die beliebte Serie international beinahe ausschließlich „Inspector Barnaby“. Ein neuer Barnaby als Titelheld musste also her: Und so erfanden die Produzenten Tom Barnabys Cousin John Barnaby, der – gespielt von Neil Dudgeon – selbstverständlich rein zufällig ebenfalls ein glänzender DCI ist und sich von Brighton nach Midsomer versetzen lässt, um in die Fußstapfen seines Vetters zu treten.

Hohe Mordrate

Die Britishness und Verschrobenheit der Serie bleibt auch unter Nachfolger Dudgeon seit mittlerweile zehn Jahren erhalten – gleichwohl sich mit dem Wechsel „von Tom zu John“ und der Entmachtung von Ur-Produzent True-May, der „Inspector Barnaby“ einmal als „Hort der Britishness“ bezeichnete, die Serie behutsam den modernen Zeiten öffnete, inklusive der Zunahme von Schauspielern mit Migrationshintergrund.

Doch Veränderungen hin oder her - Krimi bleibt Krimi und die Mordrate in Midsomer hoch: Einige selbsternannte Barnaby-„Experten“ errechneten bereits, dass aufgrund des anhaltend hohen Mordpegels in Midsomer und trotz des unermüdlichen Einsatzes der Barnaby-Cousins die Grafschaft mittlerweile wohl ziemlich dezimiert sein müsste.

Denn in den kleinen ländlichen Dörfern und auf den Feldern um sie herum wird seit 1997 gemordet und gemeuchelt, was das Zeug hält: In den letzten knapp 25 Jahren erlebte die Bevölkerung des TV-Countys mehr als 400 Morde - fast 600 Menschen ließen insgesamt ihr Leben und mehr als 160-mal missglückte der Versuch, einen unliebsamen Zeitgenossen um die Ecke zu bringen. Addiert man die über 130 Mörder hinzu, kommt man so auf eine durchaus beeindruckende Statistik von Menschen, die das Zeitliche segneten und ihren Erstwohnsitz nicht in London hatten. Eins steht fest: In Midsomer lebt es sich weiterhin recht unsicher – zur Freude der „Inspector Barnaby“-Fangemeinde.

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