Film & Kino

Kriminalfilme mit markanten Charakteren

Die Hauptdarsteller Lisa Wagner und Hans-Jochen Wagner über die neue Fernseh-Krimireihe „Kommissarin Heller“. Von José García
Filmszene aus  „Kommissarin Heller“
Foto: ZDF/Hannes Hubachs

Sie gehören nun zur exklusiven Riege der deutschen Schauspieler, die Fernseh-Kommissare verkörpern. Empfinden Sie es als eine Art Auszeichnung?

Hans-Jochen Wagner: Wenn man in Deutschland Fernseharbeit macht, kommt man an Krimis nicht vorbei, sie machen einen Großteil der fiktionalen Formate aus. Dass einem zugetraut wird, mit einer Figur eine längere Strecke zurückzulegen, ist schon eine Auszeichnung. Allerdings wissen wir nicht, ob wir die nächsten dreißig Jahre dabeibleiben. Es ist ja nicht einmal die erste Folge ausgestrahlt worden. Sie wird am 12. April gesendet. Es könnte also sein ...

Lisa Wagner: ... dass wir am 13. April keine Kommissare mehr sind (lacht).

Frau Wagner, könnten Sie Winnie Heller beschreiben? Sie ist ja die jüngste Kommissarin im deutschen Fernsehen.

Lisa Wagner: Das erfüllt mich mit großer Überraschung und mit großem Stolz. Winnie war vorher bei der Sitte. Sie hat sich nach Wiesbaden zurückversetzen lassen, weil ihre Schwester dort im Krankenhaus im Koma liegt, um näher bei ihr zu sein. Sie ist etwas schräg. Eine Eigenbrötlerin. Sie redet nicht viel. Sie hat Kommunikationsdefizite. Deswegen überspringt sie manchmal zwei Stufen, wenn sie etwas sagt. Sie reagiert häufig überraschend. Und das macht mir Spaß.

Hendrik Verhoeven reagiert zunächst einmal etwas irritiert. Deshalb, weil Heller neu ist oder weil sein bisheriger Kollege kürzlich gestorben ist?

Hans-Jochen Wagner: Er hat gerade den Verlust eines langjährigen Kollegen erlitten und ist in den Jahren zuvor einer gewissen Routine sowohl in seiner Familie als auch im Kommissariat verfallen. Ihm ist es zunächst einmal sehr unangenehm, dass ihm sein Chef einfach so jemanden Neuen vorsetzt, ohne ihn in die Entscheidung mit eingebunden zu haben. Die Beerdigung des alten Kollegen ist erst einen Tag her. Zudem fühlt er sich von der jungen Kollegin mit dem frechen Mundwerk zunehmend in Frage gestellt, hat sogar Angst, sie könnte ihm seine Position streitig machen.

Lisa Wagner: Ich glaube, er ist kein großer Freund von Neuerungen.

Hans-Jochen Wagner: In den Romanvorlagen erfährt man mehr über seinen biographischen Hintergrund. Er ist bei Pflegeeltern aufgewachsen, von denen er sich nicht geliebt fühlte. Deshalb neigt er zu Verlustängsten, auch was die Familie und die Freunde betrifft, er fühlt sich schnell in seiner Struktur bedroht. Nun kommt jemand wie Winnie Heller, die sehr unkonventionell handelt und ihn für seine vorsichtige Art kritisiert. Das führt natürlich zu Konflikten.

Beide Figuren sind nicht besonders kommunikativ. Aber lebt ihr Verhältnis nicht davon, dass die beiden eigentlich sehr unterschiedlich sind?

Lisa Wagner: Winnie würde mit jemandem, der selbst auch schräg ist, besser auskommen. Mit einem Normalo wie Verhoeven kommt sie nicht so gut zurecht. Die beiden beäugen sich gegenseitig, weil sie noch nicht wissen, wie der andere tickt. Sie vertrauen sich bis zu einem gewissen Grad, aber sie schauen genauer hin. Am Anfang begibt sich Winnie in Situationen, die sie nicht überschaut – auch wenn sie meint, sie zu überschauen. Sie ist bereit, Risiken einzugehen, die er nicht übernehmen würde. Insofern ergänzen sie sich ganz gut, weil er das Risiko bremst und sie ihm einen Tritt gibt.

Sie sprachen zu Beginn davon, dass es im deutschen Fernsehen ganz viele Krimis gibt. Was ist das Unterscheidende bei Ihrer Serie?

Hans-Jochen Wagner: Sie ist sicher nicht die absolute Neuerfindung des Krimis. Sie bewegt sich innerhalb der Genregrenzen. Innerhalb dieser Grenzen gibt es aber tausende Variationsmöglichkeiten. So wie es tausende verschiedene Western und Thriller gibt, gibt es auch tausende verschiedene Krimis. Wichtig ist die Glaubwürdigkeit und die besondere Erzählweise des Ganzen, und ich denke, da haben wir schon etwas Außergewöhnliches geschaffen.

Lisa Wagner: Warum muss es etwas Besonders sein? Es ist eine Farbpalette, ein Spektrum. Beim Tatort haben wir Til Schweiger für die Action und den Münsteraner Tatort für die Lacher. Dazwischen findet alles andere statt. Wenn es unterhaltsam und klug ist, hat alles seinen Platz.

Könnte eine Rolle spielen, dass das Drehbuch auf einer Romanvorlage („Tage am Weiher“ von Silvia Roth) basiert?

Lisa Wagner: Das ist schon ein Vorteil gegenüber manchen anderen Drehbüchern, weil die Autorin mit großer Sorgfalt überlegt hat, aus was für einem Beet die Zweige sprießen.

Hans-Jochen Wagner: Sicher spielt das eine Rolle. Auch im Kino und Theater gibt es inzwischen viele Romanadaptionen, weil diese ursprünglich nicht unter dem Gesichtspunkt der Verwertbarkeit, sondern unter dem Aspekt der Vielheit und der Vielfalt entstanden sind. Das ist wie ein reichhaltiger Ideen-Schatz, aus dem man schöpfen kann.

In der ersten Folge „Tod am Weiher“ geht es auch um Misshandlungen, die sich über Generationen fortsetzen.

Lisa Wagner: Das ist anscheinend in der Wirklichkeit auch häufig so. Wenn die Eltern Alkoholiker sind, werden es die Kinder häufig auch. Oder Frauen, die aus einer Familie kommen, in der geschlagen wurde, suchen sich Männer aus, die sie schlagen. Das ist ganz seltsam. Ein befreundeter Therapeut hat mir erklärt, dass man lieber das sucht, was man schon kennt, als was man nicht kennt.

Sie kommen beide vom Theater. Welche Unterschiede finden Sie zwischen Theater, Kino und Fernsehen?

Lisa Wagner: Es ist ein ganz anderes arbeiten, fast wie ein anderer Beruf. Beim Fernsehen kann ich fein werden in meinen Mitteln, was im Theater einfach nicht geht. Ich kann unaufwendig werden und muss aber trotzdem auf dem Punkt sein. Beim Theater ist gerade die Flüchtigkeit interessant. Man probt mit den Kollegen lange, lange, bis man findet, was für einen funktioniert. Der Entstehungsprozess ist gemeinsamer. Beim Fernsehen sitze ich bei der Vorbereitung in der Regel alleine zu Hause. Ich würde mich allerdings nicht nur für das eine oder das andere entscheiden wollen.

Hans-Jochen Wagner: Kino und Theater ist gemeinsam, dass es in der Regel eine Premiere gibt und man dadurch ein direktes Feedback für seine Arbeit bekommt. Wenn ein Film im Kino läuft, hört man die Meinung von Bekannten, die ihn gesehen haben, es ist ein längerer Prozess; auch beim Theater kommen immer wieder Leute in die Vorstellungen und man redet danach darüber. Beim Fernsehen findet die Diskussionskultur, die Auseinandersetzung mit dem Produkt anders statt. Oft nur am Telefon oder in den sozialen Netzwerken, und nur im unmittelbaren Zeitraum der Ausstrahlung, das ist schade.

In Ihrer ersten Folge spielen mit Lena Stolze und Johanna Gastdorf zwei ganz erfahrene Schauspielerinnen mit. Wie war die Arbeit mit ihnen?

Lisa Wagner: Ich bin überhaupt vom Casting der Simone Bär sehr angetan. Die Auswahl der Schauspieler ist einfach grandios. Das ist ein Geschenk.

Hans-Jochen Wagner: Es ist nicht einfach, wenn man in einem Fernsehspiel nur zwei, drei Szenen hat, um seine Figur zu entfalten. Da muss man voll da sein und sehr konkret arbeiten. Aber von solchen starken Auftritten lebt ein Krimi, das sind die Figuren und Charaktere, die das Leid, den Schrecken oder die Angst transportieren und glaubhaft machen. Da hatten wir immer sehr viel Glück mit der Besetzung und es war eine Freude, mit den Kolleginnen und Kollegen zu spielen.

„Kommissarin Heller – Tod am Weiher“. Regie: Christiane Balthasar. Drehbuch: Matthias Klaschka nach der Vorlage „Tage am Weiher“ von Silvia Roth. Samstag, 12. April, 20.15 Uhr, 90 Minuten, ZDF

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