Der Weg zur Heiligkeit ist kein Sonntagsspaziergang – zumindest ist er aber gut ausgeschildert: mit den Worten jener, die es tatsächlich geschafft haben, heilig zu werden. Das erkennt auch Manfred Müller in seinem aktuellen Leitfaden. Doch wer hier eine trockene Anweisungsliteratur mit dogmatischem Tonfall erwartet, wird überrascht: Das Vademecum belehrt nicht, sondern inspiriert. Kein moralinsaurer Ratgeber, sondern ein geistlicher Kompass – kompakt, klar und kraftvoll.
Der Autor, ein katholischer Geistlicher, legt keine weitschweifigen theologischen Abhandlungen dar, sondern das, was Männer manchmal brauchen: klare Ansagen. Unterteilt in übersichtliche Kategorien wie geistlicher Kampf, Tapferkeit, Reinheit, Demut und Schweigen, lässt das Vademecum zunächst ausschließlich heilige Männer zu Wort kommen. Sie haben gelebt, worüber viele nur predigen können – mit Herz, Verstand und oft auch einem Schuss Leidensfähigkeit. Ein Motiv zieht sich wie ein roter Faden durch das Büchlein: Heiligkeit fällt nicht vom Himmel, sondern will geübt sein.
Aufruf zum geistlichen Kampf
Schon mit einem einleitenden Zitat aus dem Psalm 26: „Handle mannhaft“ verdeutlicht der Autor, worum es geht: um einen Aufruf zum geistlichen Kampf. Zur Erinnerung: Das Wort vir (lateinisch für Mann) ist mit virtus (Tugend, Tüchtigkeit) eng verwandt. „Wer also mannhaft handelt, der verankert sein Leben in den göttlichen Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe“, schreibt Müller. Diese Tugend ist also eine Disziplin für echte Männer. Und wer kann uns darüber ein besseres Zeugnis geben als jene, die Tugenden selbst gelebt haben? Das Vorbild heiliger Männer steht im Mittelpunkt des Buchs.
Erfreulich modern ist die Platzierung zweier junger Heiliger, die dem Leser zeitlich näher stehen als die meisten Konzilsentscheidungen: Carlo Acutis und Pier Giorgio Frassati. Unter den zahlreichen kurzen Heiligenviten des letzten großen Buchabschnitts versteckt, lehren die Zeugnisse dieser beiden, wie sich Heiligkeit und die moderne Gesellschaft vertragen.
„Immer nahe bei Jesus bleiben"
Der heilige Carlo Acutis (1991–2006) starb im Alter von nur 15 Jahren an Leukämie. Seine große Liebe zur Eucharistie verband er mit seinem digitalen Talent – er programmierte ein Online-Verzeichnis über eucharistische Wunder und wurde posthum als „Cyber-Apostel“ bekannt. Für junge Männer, die glauben, dass Glaube und moderne Welt nicht zusammenpassen, ist Carlo ein echter Gamechanger. Sein Rat: „Immer nahe bei Jesus bleiben – das ist mein Lebensprogramm“.
Pier Giorgio Frassati (1901–25) war sportlich, beliebt, sozial engagiert und zugleich tief im Gebet verwurzelt. Er sorgte sich um Kranke, Notleidende und auch die Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg. Pier Giorgio liebte Musik, die Kunst und den Sport: Eines seiner bekanntesten Bilder zeigt ihn weit oben auf einem Berg in den Alpen, mit seiner Pfeife im Mund. Gerne sprach er von der Schönheit des Glaubens und verkörpert nach wie vor, dass Heiligkeit kein Widerspruch zu Lebensfreude ist, sondern ihre tiefste Vollendung. Der heilige Papst Johannes Paul II. schrieb über Frassati: Er „ist der Mensch unseres Jahrhunderts, der moderne Mensch, der viel geliebt hat.“
Spiritueller Werkzeugkasten
Die Kurzviten der anfangs zitierten Heiligen machen das Werk zu einem lesenswerten Einstieg in die verschiedensten Lebensgeschichten dieser Männer. Hier werden neue, unbekannte Vorbilder entdeckt, die Anlass geben, sich näher mit ihnen zu beschäftigen – vielleicht auch, um den eigenen Weg im Licht ihrer Erfahrungen neu auszurichten.
Mit seinem Vademecum stellt Müller eine Art spirituellen Werkzeugkasten für Männer zusammen. Für Männer, die sich nach Tiefe, Echtheit und Heiligkeit sehnen, ist dieses Handbuch eine echte Entdeckung – ohne schnelle Lösungen, aber klar in der Ausrichtung.
Manfred M. Müller (Hrsg.): Vademecum. Für Männer, die heilig werden wollen, fe-Medienverlag, Kisslegg, 2025, Hardcover, 136 Seiten, EUR 10,–
Der Rezensent hat Politikwissenschaft und Mediävistik studiert und lebt in München.
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