130. Geburtstag von Tolkien

J. R. R. Tolkien: Zwischen Abendland und Mittelerde

Gelehrter, Longseller-Autor, Familienvater, katholischer Gentleman, "letzter Abendländer": Tolkien ist all das und gleichzeitig weit mehr. Was stand hinter der Schaffenskraft des "Hobbit"- und "Herr der Ringe"-Autors, der Anfang Januar 130 Jahre alt geworden wäre?
J.R.R. Tolkiens Sagenwelt weist eine Dichte und Tiefe auf
Foto: alamy, Adobe Srock | Tolkiens Sagenwelt weist eine Dichte und Tiefe auf, welche sie weit jenseits des bloßen literarischen Genusses als eine Parabel auf die "echte" Welt verständlich werden lässt.

Die Biographie des britischen Schriftstellers und Philologen John Ronald Reuel Tolkien (1892-1973) ist schnell zusammengefasst und trotz einiger ungewöhnlicher Eckpunkte wie der frühen Kindheit in Südafrika, dem tragischen Tod der Eltern und der hochromantischen Liebe zu seiner späteren Frau Edith wenig spektakulär: Ein bis auf wenige Abstecher ganz auf die britischen Inseln begrenztes Dasein; ein Militärdienst im Weltkrieg, der im Vergleich zu anderen Schicksalen glücklicherweise nur mäßig traumatisch war; eine ehrenvolle, aber kaum bahnbrechende akademische Tätigkeit; ein Dasein als Vater einer Familie, die die unterschiedlichsten, aber kaum außerordentlichen Geschicke kannte.

Außergewöhnliches Werk, normales Dasein

Kaum der Stoff, aus dem Legenden sind - bis auf den Welterfolg des "Herrn der Ringe", der allerdings erst in den 1950er-Jahren und somit zu spät eintrat, um Tolkiens Dasein auf andere Bahnen zu bringen. Und wenn auch die missglückte Verfilmung von Tolkiens Jugendjahren aus dem Jahr 2019 versucht, ihn posthum mit der Aureole des genialen Wissenschaftlers und Kriegshelden zu umgeben und sein literarisches Werk somit biographisch zu erklären, geht dieser reduktionistische Versuch doch an den Fakten vorbei und behindert eher das Verständnis seines Oeuvres. Tolkiens Werke sind nicht außergewöhnlich, weil sein Leben es war; ihre Außergewöhnlichkeit gewinnt im Gegenteil erst dann ihre völlige Bedeutung, wenn man sie vor dem Hintergrund eines insgesamt recht normalen Daseins begreift.

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Nun liegt freilich bei so einem undramatischen Zugang die Versuchung nahe, Tolkiens gewaltige mythopoetische Aktivität auf das Schlagwort "Eskapismus" zurechtzustutzen und somit erneut auf seine Biographie zu reduzieren, wenn auch diesmal nicht als Entsprechung, sondern Kompensation. Auch dies verfehlt das Ziel - umso mehr, als dass Tolkiens früheste literarische Aktivität weit in seine Jugendjahre zurückreicht: Sein Werk ist keine Reaktion auf sein Leben, sondern beide wuchsen, nicht unähnlich den mythischen Bäumen Telperion und Laurelin, im Verein miteinander; ja man könnte sogar Tolkiens recht gewöhnliche akademische und familiäre Vita eher als Konsequenz seiner aufzehrenden, lebenslangen Arbeit am Mythos betrachten als umgekehrt. Was war aber nun Tolkiens Absicht - und was können wir von ihm lernen?

Am Anfang stand eine Enttäuschung

Am Anfang stand eine Enttäuschung. Die angelsächsische Welt verfügt, ganz im Gegensatz zu Frankreich oder Deutschland, über keine einheimische Mythentradition, selbst der Sagenkreis um König Arthur gehört der vor-angelsächsischen, keltischen Tradition an: Die normannische Eroberung hat, von einigen Kinderreimen und Ortsnamen sowie einem sehr spröden literarischen Corpus abgesehen, die gesamte angelsächsische Legendentradition vernichtet.

Als glühender Liebhaber des Nordwestens der alten Welt fühlte sich der junge Tolkien somit von seinem eigenen Erbe abgeschnitten und nahm daher mit Enthusiasmus die indoeuropäische Sprachwissenschaft als eine Technik auf, durch die Etymologie von Orts- und Personennamen auch die historische und mythische Tradition lang vergangener Zeiten zu rekonstruieren. Und so machte er sich daran, teils im Spiel, teil im Ernst, die bislang unverstandenen Zeugnisse der dunklen Jahrhunderte Englands kreativ zu entschlüsseln und zu rekonstruieren. Dabei verschwamm rasch die Grenze zwischen Etymologie und Mythopoetik, da Tolkien das so gewonnene hypothetische Material durch Verschmelzung mit dem archetypischen Gehalt des sonstigen Legendenschatzes der alten Welt anreicherte und somit eine mythische Tradition schuf, die einen ganz eigenen Charakter annahm.

Nicht bloß poetisches Spiel

Es wäre dabei allerdings falsch, jenes aus der Sprachwissenschaft geborene, bald aber immer literarischere Züge annehmende Legendarium als bloßes poetisches Spiel zu deuten. Gerade in der Anfangsphase seiner Versuche bemühte sich Tolkien, die zunehmend kohärenter werdenden Legenden und Sagen, die dem breiten Publikum vor allem durch das posthume "Silmarillion" und die Herausgebertätigkeit seines Sohnes Christopher bekannt sind, mit verschiedensten Rahmenhandlungen zu umgeben, welche teils altangelsächsischen Charakter tragen, teils in der Moderne angesiedelt sind. Leitmotivisch war hierbei das später zum Fall von Númenor verarbeitete Traumbild von der großen Welle, welche eine grüne Insel verschlang; ein Bild, das Tolkien selbst oft genug im Schlaf heimsuchte und zu der Aussage brachte, dass jene teils im Traum, teils im halbwachen Zustand aufgenommenen Bilder nicht etwa als bloße Fiktion zu betrachten seien, sondern vielmehr als Zugang zu etwas Wahrem und Beständigem, das er zwar literarisch auf verschiedenste Weise ausgestaltete, dessen Kern aber durchweg den Charakter einer Vision trug.

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Tolkien versuchte, diese Erfahrung durch den Gedanken der "Sekundärschöpfung" zu theorisieren, der zufolge der wahrhaft schaffende Mensch letztlich nur den Schöpfungsakt Gottes in seinem eigenen, beschränkten Maßstab wiederholt, dementsprechend aber auch Zugang zu verschütteten Quellen von Authentizität und Wahrheit gewinnen kann. Dies macht vielleicht auch verständlich, wieso Tolkien sein Legendarium nie als Gegensatz zu seinem eigenen, tiefen Katholizismus empfunden hat, sondern vielmehr, ganz im Sinne des Logos Spermatikos, als archetypische Vorwegnahme vieler Elemente, die erst aus dem Rückblick der christlichen Perspektive ihren eigentlichen Sinn entfalten; nicht unähnlich dem Ansatz des von Tolkien so geschätzten Dichters des "Beowulf".

Sagenwelt mit Dichte und Tiefe

Dadurch gewinnt Tolkiens Sagenwelt aber auch eine Dichte und Tiefe, welche sie weit jenseits des bloßen literarischen Genusses als eine Parabel auf die "echte" Welt verständlich werden lässt - und zwar nicht im Sinne einer verkappten Allegorie etwa auf den Zweiten Weltkrieg (Tolkien sprach explizit von seiner Abneigung gegen Allegorien), sondern vielmehr in dem Sinne, dass jeder echte Mythos Urbilder menschlicher wie transzendenter Erfahrung beschwört und daher zu allen Zeiten und Orten als Schlüssel dessen, was man "Realität" nennt, dienen kann; so dass man gewissermaßen eher die Realität als eine Allegorie auf den Mythos denn umgekehrt bezeichnen könnte.

Dies impliziert aber auch, dass Tolkiens Werk uns auch (und gerade) heutzutage noch etwas zu sagen hat, allen voran die Erkenntnis von der zeitlosen Existenz des Wahren, Guten und Schönen, für das es sich auch in tiefster Verzweiflung zu kämpfen lohnt - ein Kampf, dessen Lohn trotz der beständigen Hoffnung auf die Rückkehr des Königs nicht im Hier und Jetzt zu erwarten ist, sondern der seinen Wert, seine Schönheit und seinen Erfolg in sich selbst trägt. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass der Mensch, wenn auch nicht nur zum Schlechtesten, sondern auch zum Besten befähigt, ultimativ doch zum Scheitern verurteilt ist: Er mag zwar in seinen besten Augenblicken über sich hinausweisen und gerade damit jenen Funken der Ewigkeit offenbaren, der in ihm glimmt; der Sieg seines Kampfes zumindest im Diesseits wird aber immer nur als eine Gnade von oben gewährt - jene bittersüße Eukatastrophe, wo der Augenblick des Scheiterns gleichzeitig doch noch den unerwarteten Triumph gewährt, und die Tolkiens gesamtes Werk von Beren über Earendil bis Frodo und Aragorn durchzieht. 

Er machte aus seinem Konservatismus keinen Hehl

Doch nicht nur Tolkiens Werk, auch sein Leben kann uns Heutigen Beispiel sein. Tolkien machte aus seinem Konservatismus und seiner Abneigung gegen die Moderne keinen Hehl und wäre wohl, lebte er heute, aufgrund seiner Aussagen längst als "Rechtschrist" und "Reaktionär" stigmatisiert. Doch bereits in seiner eigenen Epoche fühlte er sich als ein Unzeitgemäßer und hatte seine kreative Kraft wohl nicht ohne Grund ganz in den Dienst seines Legendariums als der ihm einzig angemessenen Weise gestellt, die Erinnerung an die Grundwahrheiten des alten Abendlandes in eine neue Form zu gießen, über die verhasste Moderne hinüberzuretten und einer neuen Generation als Ausgangspunkt zur Verfügung zu stellen, die eigene, verloren gegangene Seele zurückzugewinnen. Die gewaltige Inspiration, die Tolkiens Werk bis heute darstellt, zeigt, wie wichtig es ist, nicht in der sterilen Negativität der Kritik zu verharren, sondern immer wieder neue, selbst scheinbar unzeitgemäße Formen zu finden, um den Dienst an der Wahrheit aufzunehmen.

 

 

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