130. Geburtstag von J.R.R. Tolkien

Der Autor der Freundschaft: Tolkiens katholischer Humanismus

Mit "Der Hobbit" und "Der Herr der Ringe" erschuf J.R.R. Tolkien zwei der meistverkauften Bücher aller Zeiten. Im deutschsprachigen Raum setzte der Ruhm des Briten verspätet ein. Stephan Askani, Tolkiens Lektor beim Verlag Klett-Cotta, kennt den Grund für das Erfolgsgeheimnis des Jahrhundertautors.
130. Geburtstag von J.R.R. Tolkien
Foto: Klett-Cotta-Verlag | Weder Tolkiens große Gelehrsamkeit noch dessen ungeheure Vorstellungskraft erklären das bis in die Gegenwart anhaltende Erfolgsgeheimnis des Briten.

Welches ist das erfolgreichste Buch aller Zeiten? Oder präziser gefragt: das erfolgreichste nicht-religiöse Buch aller Zeiten? Für die Beantwortung dieser Frage gibt es zwei heiße Kandidaten, die noch dazu vom selben Autor stammen. Denn sowohl J. R. R. Tolkiens "Der Hobbit", 1937 erstmals veröffentlicht, als auch "Der Herr der Ringe", welcher in die drei Bücher "Die Gefährten", "Die Zwei Türme" sowie "Die Rückkehr des Königs" aufgeteilt zwischen Juli 1953 und Oktober 1954 erschienen ist, verkauften sich seit Veröffentlichung jeweils rund 140 bis 150 Millionen mal. Da jedoch der "Herr der Ringe" bis auf den heutigen Tag sowohl in Gesamt- als auch in Hinblick auf die drei ihn unterteilenden Bücher in Einzelausgaben verkauft wird, ist es laut Expertenmeinung "Der Hobbit", der noch am ehesten den fiktiven Ehrentitel "Herr der Bücher" für sich beanspruchen kann und damit weitere höchst erfolgreiche Bestseller wie J. K. Rowlings "Harry Potter und der Stein der Weisen", Antoine de Saint-Exupérys "Der kleine Prinz" oder Agatha Christies "Und dann gab's keines mehr" in puncto Verkaufszahlen hinter sich lässt.

1957 erscheint "Der Hobbit" erstmals auf Deutsch

Während Tolkien mit beiden Büchern in der angelsächsischen Welt beinahe von Beginn an in kommerzieller Hinsicht reüssieren konnte, sollte es noch einige Jahrzehnte dauern, bis sein Werk auch im deutschsprachigen Raum erscheinen konnte. 1957 erschien zunächst "Der Hobbit" erstmals auf Deutsch - aufgrund der tiefen katholischen Frömmigkeit Tolkiens passenderweise im katholischen Paulus-Verlag. 1969 schließlich veröffentlichte der Stuttgarter Ernst-Klett-Verlag den "Herrn der Ringe"   circa 15 Jahre nach dessen Erstveröffentlichung in Großbritannien. 

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Die Gründe für die verzögerte Veröffentlichung beider Bücher hierzulande variieren: Im Falle des "Hobbit" verhandelte Tolkiens Verlag George Allen & Unwin bereits 1938 mit dem Potsdamer Verlag Rütten & Loerning über eine Übersetzung. Als der Verlag jedoch von Tolkien, dessen Vorfahren ursprünglich aus dem ostpreußischen Kreuzburg stammen, einen "Ariernachweis" verlangte, lehnte der von der NS-Rassenideologie angewiderte Autor jegliche weiteren Verhandlungen ab. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es, das Buch unter dem Titel "Der kleine Hobbit" auch in Deutschland zu einem nachhaltigen Bestseller werden zu lassen, welcher unter diesem Titel bis auf den heutigen Tag bei der DTV Verlagsgesellschaft erhältlich ist.

Beim "Herrn der Ringe" bedurfte es innerhalb des Ernst- Klett-Verlags (heute Klett-Cotta) des persönlichen Einsatzes des damaligen Jungverlegers Michael Klett, der auf einer Reise quer durch Nordamerika rein zufällig das Buch entdeckte und lieben lernte und sich schließlich gegen alle Widerstände die Rechte am Werk des angeblichen "Kinderbuchautoren" Tolkien sicherte. 

Einige literarische Schätze aus Tolkiens Nachlass

Eine gute und weitsichtige Entscheidung, wie sich herausstellen sollte. "Millionenfach" habe sich Tolkien im Laufe der Jahre auch im deutschsprachigem Raum verkauft, sagt Stephan Askani gegenüber der "Tagespost". Askani betreut seit 2003 für die verlagseigene Reihe "Hobbit Presse" als Lektor die Werke Tolkiens im Klett-Cotta-Verlag und durfte so im Laufe der Jahre für das deutschsprachige Publikum einige literarische Schätze aus Tolkiens Nachlass wie "Die Kinder Húrins" (2007) "Beren und Lúthien" (2017) oder "Der Fall von Gondolin" (2018) auf den publizistischen Weg bringen. Zuletzt erschien 2021 "Natur und Wesen von Mittelerde", eine Sammlung von späten Schriften Tolkiens zu den Ländern, Völkern und Geschöpfen und zur Metaphysik des von ihm geschaffenen fiktiven Kontinents Mittelerde, auf dem sowohl "Der Hobbit" als auch "Der Herr der Ringe" angesiedelt sind. Diese Neuerscheinung sei "ein Buch, neben das man den Aristoteles legen könnte", so Stephan Askani.

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Doch weder Tolkiens große Gelehrsamkeit noch dessen ungeheure Vorstellungskraft erklären das bis in die Gegenwart anhaltende Erfolgsgeheimnis des Briten. "Letztendlich ist Tolkien nichts anderes als ein großer Autor der Freundschaft und dies verleiht seinem Werk eine große Zeitlosigkeit", ist sich Askani sicher. "Wer möchte nicht einen Freund wie Frodo oder Sam haben?", fügt der Lektor mit Blick auf die beiden Hobbits zu, denen im "Herrn der Ringe" die große Bürde aufgetragen wird, den bösen "Einen Ring" nach Mordor zu bringen, um ihn dort zu zerstören und sich bei dieser Aufgabe gegenseitig zu unterstützen und buchstäblich zu (er)tragen.

Katholisch fundierter Humanismus

Ganz zu schweigen von den zahlreichen Menschen, Elben und Zwergen, die, obwohl einander eigentlich spinnefeind gesinnt, sich immer wieder aufs Neue in Tolkiens Geschichten zusammenraufen, um die gemeinsame Welt gegen große äußere Gefahren zu verteidigen. "Mit solchen Freunden, die bereit sind, sich selbst und auch anderen immer wieder aufs Neue zu vergeben, lässt es sich gut leben", sagt Askani mit Blick auf Tolkiens katholisch fundierten Humanismus, welcher stets trotz aller literarischen Epik dem Kleinen und scheinbar Unbedeutenden vor dem Großen und Protzigen den Vorzug gibt.

 

 

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